
KölnDie Zeiten der Großfamilie sind lange vorbei, nicht nur in Europa: Auch in ehemals kinderreichen Regionen wie Südamerika sind die Geburtenraten in den vergangenen Jahrzehnten regelrecht eingebrochen. In Brasilien bekamen Frauen 1960 im Durchschnitt mehr als sechs Kinder - im Jahr 2000 nur noch zwei.
Ein Grund dafür ist die Verbreitung des Fernsehens, behauptet die Ökonomin Eliana La Ferrara von der Bocconi Universität Mailand in einer Studie, die demnächst im „American Economic Journal“ erscheint. Zusammen mit zwei Kollegen hat sie die Auswirkungen von TV-Sendungen auf Wertvorstellungen und Verhaltensmuster untersucht.
Die Forscher konnten auf Daten des größten brasilianischen Fernsehsenders Rede Globo und detaillierte Umfragen unter der Bevölkerung zugreifen und damit nachzeichnen, wie sich das Leben der Brasilianer durch das Fernsehen verändert hat.
Weil Rede Globo nach und nach neue Kabel-Verteilerstationen gebaut hat, konnten die Forscher für mehrere Städte die Ergebnisse der Zensusumfrage aus der Zeit ohne Fernsehen mit der nach Anschluss an das Kabelnetz vergleichen.
Ihr Ergebnis: Nachdem eine Region Zugang zur bunten Welt des Kabelfernsehens bekam, ist dort die Geburtenrate gesunken. Zwar dürften auch andere Faktoren für den Rückgang verantwortlich sein, etwa die verbesserte Schulbildung vieler Frauen und die Erfindung der Antibabypille. Doch in Städten mit TV-Empfang sanken die Kinderzahlen schneller als in Orten, die weiterhin vom Kabelnetz abgeschnitten waren.
Zuschauerinnen passen sich an Lebensstil an
Hinter dem Trend stecken die in Südamerika sehr beliebten Telenovelas, vermuten die Ökonomen. Die täglichen Serien erreichen in Brasilien Traumquoten von bis zu 80 Millionen Zuschauern. Meistens spielt die Handlung in einer der Großstädte São Paulo und Rio de Janeiro und dreht sich um das Leben der brasilianischen Mittelschicht.
Großfamilien sind dabei selten zu sehen. 72 Prozent der weiblichen Charaktere in den Telenovelas sind kinderlos. „Das ist ein starker Kontrast zu den wahren brasilianischen Geburtenraten in der Zeit, als sich das Fernsehen verbreitete“, schreiben die Ökonomen um La Ferrara in ihrer Studie.
Die Zuschauerinnen passten sich schnell an den Lebensstil ihrer Serienheldinnen an und betrieben auch die eigene Familienplanung behutsamer, argumentieren die Forscher.
Ein Beleg dafür ist, dass der Rückgang der Kinderzahlen besonders deutlich war bei Frauen, die in einem ähnlichen Alter waren wie die Serienfiguren und die sich daher mit diesen gut identifizieren konnten. Auch die Namensgebung vieler Eltern deutet darauf hin, dass es die Telenovelas waren, die die Brasilianerinnen beim Kinderkriegen bremsten. In Regionen, in denen die TV-Serien ausgestrahlt wurden, benannten Eltern ihre Kindern häufig nach Charakteren aus den Sendungen, zeigen Namenslisten aus Schulen.
Die Ökonomen werten das als klares Zeichen dafür, dass Fernsehserien das Privatleben der Menschen stark beeinflussen. Die Sendungen sollten daher gezielt in der sozialen Entwicklungsarbeit eingesetzt werden, empfehlen sie: um über Infektionskrankheiten wie Aids aufzuklären, Toleranz für Minderheiten zu fördern oder die Chancen aufzuzeigen, die eine gute Schulbildung eröffnet. „Mit Fernsehsendungen erreicht man die Menschen genauso gut wie durch Schulen“, glauben die Ökonomen. Schließlich verpassen wahre Serienfans keine Folge.














