
DÜSSELDORF/FRANKFURT. "Weber will wahrscheinlich heute noch eine persönliche Erklärung zu seiner Zukunft abgeben", sagte eine mit den Plänen Webers vertraute Person am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Andere Insider bestätigten diese Informationen. Die Bundesbank wollte die Meldung nicht kommentieren. In Kreisen der Notenbank hieß es, eine Erklärung werde wohl nicht mehr kommen.
Dessen ungeachtet sieht Weber offenbar seine Aufgabe als Bundesbank-Präsident nach sieben Jahren im Amt nach der Bewältigung der Finanzkrise weitgehend als erfüllt an. "Damit naht der geeignete Zeitpunkt, die Bundesbank auch personell für das neue Jahrzehnt aufzustellen. Dies geschieht in engster Abstimmung mit der Bundeskanzlerin", sagte eine Person aus dem engsten Umfeld Webers am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters in Frankfurt. "Die Bundesbank wird als geordnetes Haus an einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin übergeben. Für eine zweite Amtszeit an der Spitze der Bundesbank steht er nicht zur Verfügung."
Zuvor hatte es in Euro-Zonen-Kreisen geheißen, Weber stehe nicht mehr für eine Nachfolge von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet im Herbst zur Verfügung. Die Bundesbank wollte das nicht kommentieren.
Ein möglicher Abgang von Weber und sein angeblicher bevorstehender Wechsel zur Deutschen Bank lösten derweil in der schwarz-gelben Koalition große Besorgnis aus. "Wenn die Meldungen zutreffen, wären sie ein schwerer Rückschlag für die weitere Entwicklung des Euro", sagte der Finanzexperte der FDP-Bundestagsfraktion, Frank Schäffler, Handelsblatt Online. "Weber wäre als Trichet-Nachfolger der Garant für eine Stabilitätskultur im Sinne der Deutschen Mark gewesen", fügte der Sprecher der FDP-internen Gruppierung "Liberaler Aufbruch" hinzu und forderte: "Für die Trichet-Nachfolge braucht es jetzt eine schnelle und kompetente Alternative."
Der finanzpolitische Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag, Klaus-Peter Flosbach (CDU), äußerte die Hoffnung, dass Weber an der Spitze der deutschen Notenbank bleibt. "Ich schätze die Arbeit von Herrn Weber ganz außerordentlich, er ist ein Garant für die Stabilität der Finanzmärkte", sagte Flosbach Handelsblatt Online. "Ich würde es deshalb unbedingt begrüßen, wenn Herr Weber seine erfolgreiche Arbeit fortsetzt."
Auch Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums, meinte, sollte Weber seinen Posten bei der Bundesbank aufgeben wäre dies "außerordentlich bedauerlich". Der Finanzexperte sagte Handelsblatt Online: "Weber war als Präsident der Deutschen Bundesbank eine Idealbesetzung." Webers Haltung für die Geldwertstabilität sei stets die richtige gewesen: "Da hätten andere in der EZB zurücktreten müssen. Die haben Dinge beschlossen, die im Maastricht-Vertrag nicht vorgesehen waren", sagte er. Zuletzt sei "jedes Problem mit billigem Geld bekämpft" worden. Ohne Axel Weber als Bundesbank-Präsident müsse man "noch mehr Angst haben um die Geldwertstabilität". Es sei daher schade, wenn er wegen unterschiedlicher Auffassungen über den geldpolitischen Kurs der EZB zurücktreten würde. Weber sei "eben kein Politiker", sagte Gerke, "ein Politiker würde das aussitzen."
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Weber telefonierten angesichts der Spekulationen. Es habe sich um ein vertrauliches Gespräch am späten Vormittag gehandelt, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Zu Inhalten wollte er sich nicht äußern. Gerüchte über einen Rückzug Webers von der Bundesbank-Spitze werde die Regierung nicht kommentieren, hieß es weiter. Die Nachfolge von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sei derzeit kein Thema.
In Finanzkreisen hatten sich zuvor hinweise über einen Wechsel des 53-jährigen Weber zur Deutschen Bank verdichtet. In Bundesbank-Kreisen hieß es, Weber wolle sich möglicherweise 2012 aus der Notenbank verabschieden. Der Chefsessel bei der Deutschen Bank wird spätestens im Mai 2013 frei. Weber habe in einer vertraulichen Runde am Dienstagabend angedeutet, dass er "nicht unbedingt eine zweite Amtszeit" bei der Deutschen Bundesbank anstrebe, erfuhr die Nachrichtenagentur dpa in Frankfurt. Der 53 Jahre alte Wirtschaftsprofessor führt die Notenbank seit dem 30. April 2004, die Amtszeit beträgt acht Jahre.
Weder die Bundesbank noch die Deutsche Bank wollten sich am Mittwoch zu einem möglichen Wechsel Webers zur größten deutschen Bank äußern. Der Bundesbank-Präsident selbst verzichtete auf eine persönliche Erklärung zu seiner beruflichen Zukunft.
Der sich andeutende Verzicht von Weber auf die EZB-Präsidentschaft verunsicherte die Anleger am Mittwoch zeitweilig. "Weber gilt eher als Falke. Wenn er nicht an die EZB-Spitze aufrückt, nährt das Spekulationen, dass die Notenbank eine eher lockere Geldpolitik fahren könne", kommentierte Commerzbank-Analystin Antje Praefcke.
Die Spekulationen bremsten den Euro und ließen zeitweilig die Kurse für deutsche Staatsanleihen steigen. Die Gemeinschaftswährung fiel auf bis zu 1,3609 Dollar nach 1,3622 Dollar zum US-Vortagesschluss zurück. Im Verlauf erholte sich die Gemeinschaftswährung jedoch wieder auf 1,3644 Dollar. Webers Verzicht wäre nach Einschätzung von UniCredit-Analyst Kornelius Purps zwar eine Überraschung. "Die Auswirkungen auf den Euro dürften sich aber in Grenzen halten, da - egal wer die Leitung übernimmt - eine stabilitätsorientierte Geldpolitik der EZB garantiert sein dürfte."
Weber wurde neben seinem italienischen Amtskollegen Mario Draghi wiederholt als heißester Anwärter für den Chefsessel der Europäischen Zentralbank (EZB) gehandelt. Offiziell nominiert hatte ihn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) jedoch noch nicht. Der Nachfolger von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet soll am 1. November sein Amt antreten. Gegen eine Berufung Webers auf den europäischen Spitzenposten hatte es Vorbehalte gegeben: Der gebürtige Pfälzer tritt als geldpolitischer Hardliner auf und hatte im vergangenen Jahr wiederholt Kritik am Kurs der EZB in der Schuldenkrise geäußert.
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hört spätestens zur Hauptversammlung 2013 auf. Der Schweizer hat die Suche nach seinem Nachfolger zur Chefsache erklärt. Bei der Bilanzvorlage des Dax- Konzerns in der vergangenen Woche hatte Ackermann bekräftigt, die Suche nach einem Nachfolger laufe, es gebe aber keinen Zeitdruck.
Ein Wechsel Webers an die Spitze des größten deutschen Geldhauses wäre ein sehr ungewöhnlicher Schritt: In der jüngsten Vergangenheit verliefen die beruflichen Wechsel eher in die andere Richtung, sprich Banker wurden Notenbanker. "Bislang war er vergeben - plötzlich wäre er womöglich ein Kandidat für die Nachfolge von Vorstandschef Josef Ackermann", sagte ein Banker. Dabei sei auch eine Doppelspitze zusammen mit einem Top-Manager der Deutschen Bank denkbar. Doch in hochrangigen Frankfurter Finanzkreisen wird abgewiegelt: Es gebe keine Vereinbarung mit Weber, heißt es. "Ein externer Kandidat ist weiter sehr unwahrscheinlich", sagte eine Person, die mit der Nachfolgefrage vertraut ist. Deutsche-Bank-Vorstand Hermann-Josef Lamberti sagte auf Journalistenfragen zum Thema Ackermann-Nachfolge lediglich: "Die Bank wird sicher einen Chef der Zukunft haben."
Steht Weber nicht mehr für eine zweite Amtszeit an der Spitze der deutschen Zentralbank zur Verfügung, dann würde er spätestens im Frühjahr 2012 aufhören. Ackermanns Vertrag wiederum läuft bis zum Frühjahr 2013. Rein theoretisch könnte Weber damit nach einer mehrmonatigen Karenzzeit im Verlauf von 2012 zu dem Geldhaus wechseln, um dem Schweizer später nachzufolgen.
Experten erwarten, dass die Personalie Weber in jedem Fall Tempo in die Nachfolgedebatte bei der Deutschen Bank bringt. "Wenn Weber geht, werden die Spekulationen so hochkochen, dass das die Diskussion bei der Deutschen Bank beschleunigt", sagt Konrad Becker, Finanzanalyst bei der Privatbank Merck Finck. Experten halten es für wahrscheinlich, dass eine Entscheidung noch in diesem Jahr fallen könnte.
Erste Spekulationen über einen Wechsel Webers kamen bereits im Dezember auf, als das "manager magazin" berichtete, der Bundesbanker stehe auf einer bankinternen Liste externer Kandidaten für die Ackermann-Nachfolge. Doch in Finanzkreisen wird immer wieder betont, der nächste Deutsche-Bank-Chef komme aus den eigenen Reihen. Aussichtsreichste Kandidaten sind dabei Investmentbankchef Anshu Jain und Risikovorstand Hugo Bänziger. Da indes beide Kandidaten nicht unumstritten sind, lässt die Entscheidung noch auf sich warten.
Fraglich ist, inwiefern Weber für den Spitzenposten bei der Deutschen Bank qualifiziert ist. "Weber hat nie für eine Bank gearbeitet - das ist ein großer Nachteil", sagt Analyst Becker. "Dem Bundesbankchef fehlt die Managementerfahrung, um die Deutsche Bank zu führen", sagt ein weiterer Bankexperte, der nicht genannt werden will. Allerdings könnten diese Defizite kompensiert werden, wenn er die Bank zusammen mit Jain oder Bänziger führe. Doch Analysten sehen eine Doppelspitze generell kritisch, da eine solche Struktur nur in Ausnahmefällen - wie derzeit etwa beim Softwareriesen SAP - reibungslos funktioniert. Für Weber spricht seine internationale Vernetztheit auch in der politischen Arena. Zudem hat er weder den Stallgeruch des Investmentbankings noch des Privatkundengeschäfts - damit könnte er wie Ackermann die Brücken zwischen den einst stark rivalisierenden Abteilungen ausbauen. "Insgesamt überwiegen aber die Nachteile", resümiert Becker.













