Pop-up-Wirtschaft: Geschäftsidee zum Testen

Pop-up-Wirtschaft: Geschäftsidee zum Testen

, aktualisiert 07. Mai 2017, 08:50 Uhr
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Durch ganz London verteilen sich die Pop-up-Geschäfte. Sie sind eine Möglichkeit, um eher risikolos eine Geschäftsidee auszuprobieren.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

London hat die erste Pop-up-Mall und die erste Pop-up-Siedlung. Hier werden Restaurants und Geschäfte neu geöffnet und schon bald darauf wieder geschlossen. Klingt unlogisch, lohnt sich aber.

LondonDer Name des Restaurants und die Inneneinrichtung verheißen etwas anderes als das, was man dort bekommt. „San Daniele del Friuli“ steht in Großbuchstaben von außen, innen hängen Fotos italienischer Fußballspieler an den Wänden und Fanware wie T-Shirts. Doch statt Pizza und Pasta gibt es in diesem Eckrestaurant im Norden von London Currygerichte, Wonton-Teigtaschen und einiges andere, was die thailändische Küche im Angebot hat. Seit Anfang des Jahres gibt es hier einen Pop-up-Thai – ein thailändisches Restaurant auf Zeit. Sechs Monate sollen es zunächst werden.

Einige hundert Meter weiter südlich hat vor wenigen Tagen ein Pop-up-Geschäft mit Damenkleidung, Unterwäsche und Schuhen eröffnet. In der Lebensmittelabteilung eines Kaufhauses in der Londoner Innenstadt haben die Cookie-Bäcker von „Blondies Kitchen“ vorübergehend ihren Stand aufgeschlagen. Und ein Burger-Experte, der zuletzt in Japan nach Rezeptideen und Inspiration suchte, gibt bis Ende Mai ein Gastspiel in dem Pub „The Gunmaker“.
Läden und Restaurants, die für einige Wochen oder Monate aufpoppen, dann wieder komplett verschwinden oder irgendwo anders aufpoppen – das Phänomen gibt es in der britischen Hauptstadt derzeit offenbar in allen Varianten und Ausprägungen. Direkt nach der Rezession im Zuge der Finanzkrise vor etwa neun Jahren war es eine Möglichkeit, um eher risikolos eine Geschäftsidee auszuprobieren – ohne sich einen langfristigen und teuren Mietvertrag ans Bein binden zu müssen. Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist der Boxpark – Londons erste Pop-up-Mall, die aus gut 60 Schiffscontainern zusammengezimmert wurde. Seit 2012 gibt es sie inzwischen. Das Original steht nach wie vor im östlichen Stadtteil Shoreditch, ein weiterer Boxpark folgte im Süden Londons. Einige Unternehmen haben sich darauf verlegt, speziell nach Räumen zu suchen, die vorübergehend leer stehen und in denen beispielsweise Köche und Modedesigner ihre Geschäftsidee mal austesten können.

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Doch auch andere experimentieren mit dem Prinzip – etwa Yogalehrer, die Pop-up-Studios errichten, oder jüngst die Londoner Stadtverwaltung. Im Süden der britischen Hauptstadt ist die erste stapelbare Siedlung entstanden, in der Menschen leben, die sich die normalen Londoner Mieten nicht leisten können. Die Pop-up-Sozialwohnungen, die schnell abgebaut und anderswo wieder aufgebaut werden können, sind der neueste Versuch Londons, die Wohnungskrise zu bekämpfen.
Unter den Laden- und Restaurantbetreibern, die das Vergänglichkeits-Konzept für sich entdeckt haben, sind es bei weitem aber nicht nur solche, die sich gerade erst selbständig machen. Die Modedesignerin Michelle Anslow etwa hatte mehr als 15 Jahre lang ein Geschäft. Selbst nach einer saftigen Mieterhöhung hielt sie daran fest und zog mit ihrem Laden in ein anderes Gebäude um. Doch nach nur kurzer Zeit kam überraschend die nächste Planänderung: Ein Investor übernahm das Haus, angeblich um es zu Luxuswohnungen umzubauen, und Anslow musste sich erneut auf die Suche nach einem Lokal machen. Bezahlbare Räume in ihrer alten Gegend, wo ihre Kunden sie kennen, hat sie seither noch nicht gefunden. Solange verkauft sie ihre Sachen online oder in Pop-up-Geschäften.

Das Prinzip hat zwar bis heute etwas von einer eher unkonventionellen und kreativen Lösung, doch es sind auch schon längst etablierte Massenmarken, die das Konzept nutzen. So betrieb der Möbelkonzern Ikea im vergangenen Jahr zeitweise ein Pop-up-Restaurant in London und der Gummistiefel-Hersteller Hunter hatte gleich ein paar vorübergehend geöffnete Läden, etwa an der U-Bahn-Station Piccadilly Circus.
Laut einer Studie zu dem Thema, die der Mobilfunkbetreiber EE und das Centre for Economics and Business Research zuletzt 2015 veröffentlicht haben, haben Pop-up-Läden umgerechnet etwa drei Milliarden Euro im Jahr umgesetzt. Das entspricht zwar noch nicht mal einem Prozent des britischen Einzelhandelsumsatzes, doch das Pop-up-Geschäft hat deutlich höhere Zuwachsraten. Mehr als zwölf Prozent waren es zuletzt im Jahresvergleich.
Es wäre eigentlich an der Zeit, dass Politiker das Konzept mal für sich entdecken und ausprobieren – etwa in Form eines Pop-up-Brexits. Man könnte ja mal testen, wie Großbritannien so zurechtkommt, wenn das Land den Zugang zum Europäischen Binnenmarkt und zur Zollunion aufgibt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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