Porsche 718 Boxster S im Test: Dreh! Mich! Hoch!

Porsche 718 Boxster S im Test: Dreh! Mich! Hoch!

, aktualisiert 10. November 2016, 07:12 Uhr
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Dass Porsche dem neuen Einstiegsmodell zwei Zylinder des Boxermotors geraubt hat, kann man von außen nicht sehen. Hören werden es auch nur eingeschworene Marken-Fans, und deren Zweifel dürfte eine schnelle Probefahrt ausräumen: Ja, der 718 ist ein echter Zuffenhausener.

von Frank G. Heide und Florian HückelheimQuelle:Handelsblatt Online

Wer den kleinsten aller angebotenen Porsche-Neuwagen kauft, bekommt einen richtig teuren Vierzylinder, an dem sich optisch nicht viel geändert hat. Ein Sparpaket oder großer Sport zum Einstieg? Wir haben es ausprobiert.

DüsseldorfNehmen wir an, Sie tragen Kleidergröße XXL, und sind im – blödsinnigerweise so genannten – „besten Alter“. Wenn Sie dann Ihren Porsche 718 Boxster öffnen, sollten Sie zunächst ein paar Gedenksekunden lang verharren. Und ganz genau hinhören. Vernehmen Sie ein ganz leises Surren, und beobachten geduldig, wie der Fahrersitz in einem für die Traditionsmarke ungewohnt phlegmatischen Tempo millimeterweiße nach hinten kriecht, wie das Lenkrad nach oben schwenkt, die Außenspiegel in Position surren, dann haben Sie alles richtig gemacht. Einsteigen, bitte!

Die „Entry & Drive“-Funktion macht den Wagen für birnenförmige Menschen erst alltagstauglich. Wer es angesichts oben erwähnter Körpermaße und Lebensjahre eiliger hat, in diese neueste Generation Einsteiger-Porsche hinabzuklettern, für den könnte es andernfalls schon an der Türschwelle eng werden. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum nur normalgroße, schlanke und gelenkige Menschen am Straßenrand aus ihrem 718 aussteigen während alle anderen die Privatsphäre einer Tiefgarage dazu nutzen.

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Selbst Yoga-Jüngern, das hat sich in der Testwoche gezeigt, entfleucht der Atem in einem Stoßseufzer, wenn ihr Hinterteil die letzten Zentimeter in die enge Sportsitzschale rutscht: Drin, geschafft! Ganz schön intim hier. Man muss zwei Zentimeter tiefer hinab als beim Vorgängermodell.

Nun aber los, Schlüssel ins Zündschloss, das immer noch links liegt. Ursprünglich dazu gebaut, Le-Mans-Piloten beim gleichnamigen Start-Sprint einen Vorsprung beim Motoranlassen zu verschaffen, bremst die „Entry & Drive“ eilige Fahrer erneut aus. Nur solange die Memory-Taste in der Fahrertür gedrückt wird, bewegen sich Sitz, Lenkrad und Außenspiegel in die vorab gespeicherte Fahrposition. Während kürzere Piloten noch auf Pedalkontakt warten, fährt die Konkurrenz schon davon.

In Porsches Kleinsten verirrt sich also niemand zufällig. Zwar macht der Zuffenhausener beim Einsteigen etwas Mühe. Die eigentlich Anstrengung liegt zu diesem Zeitpunkt aber je nach Geldbeutel bereits hinter den Kunden: Bei 53.646 Euro startet der normale 300-PS-Boxster. Für unseren Testwagen, den 50 PS stärkeren 718 Boxster S, beginnt das Rechnen erst ab 66.141 Euro. Preisdifferenzen wie diese und die gesamte Aufpreisliste dürften echte Porsche-Fans aber ebenso wenig schocken wie die intimen Raumverhältnisse im Innern.

Wer sich einmal in die teuren Ledersitze hinabgelassen hat, erwartet infolge dieser kleinen Sporteinlage im Gegenzug großen Sport beim Motorstart. Von innen ist der jedoch deutlich unspektakulärer als von außen, denn es lohnt sich, dem neuesten Triebwerk aus Zuffenhausen von außerhalb zu lauschen. Vielleicht klingt es ja ein bisschen nach Käfer? Eindeutige Antwort: Nein, niemals. Der turbobeamtete 2,5-Liter-Boxer und der zweiflutige Klappenauspuff geben sich alle Mühe, nicht wie ein Vierzylinder zu klingen.

Ja richtig, vier Zylinder! Denn was es für Geld und gute Worte nicht mehr gibt, ist ein Einstiegsmodell mit sechs Zylindern in Boxeranordnung, der 718 hat zwei weniger. Ist das ein Verlust? Seitdem der klassische 911er kein harter Hund mehr ist, konzentrieren sich ja nicht wenige Boxer-Fans auf das, was fälschlicherweise von Unwissenden mal als „Frauen-Porsche“ bezeichnet wurde: Boxster und Cayman. Sind sie, als Einstiegsdroge ins Porsche-Universum zweier Zylinder beraubt, dafür aber immer per Turbo zwangsbeatmet, noch der wahre Jakob? Die Antwort kann nur ein entschiedenes „Ja, aber“ sein.

Zwar lernen gusseiserne Porschefans die Vokabel „Downsizing“ gar nicht gern, aber schon eine kurze Ausfahrt im neuen kleinsten Modell der Marke überzeugt Zweifler, dass sie hier einen echten Zuffenhausener Sportwagen bewegen. Das machen schon die Leistungsdaten klar: 350 PS aus 2,5 Liter Hubraum, 420 Newtonmeter Drehmoment schon ab 1.900 Umdrehungen und eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 4,2 Sekunden (mit PDK, 4,6 Sekunden per Handschaltung) sowie 285 km/h Spitze. Damit muss sich niemand verstecken.

Noch eindrucksvoller ist einfach der akustische Auftritt: Vom vernehmbaren Brummen mit obligatorischem, aber nicht prolligen Gasstoß beim Kaltstart bis hin zum Dröhnen jenseits der 7000 Kurbelwellenumdrehungen beherrscht der Antriebsstrang eine Menge Töne. Und die kommen innen und außen gut an, auch wenn sie sich vom Sechszylinder-Boxer unterscheiden. Würde das eigene Grinsen nicht mit jeden 1000 Umdrehungen und jedem halben Bar Ladedruck breiter werden, man würde gerne neben dem 718 stehen und die Drehzahlorgie aus der Nähe verfolgen.

Schuld an den Tönen, die unserem Testwagen eine so eigene Klangnote geben, ist nicht zuletzt die Sportabgasanlage mit geänderten Hauptschalldämpfern. Sie treibt den Preis um 1951,60 Euro in die Höhe, aber das wird Porschekäufer nicht erschrecken und wird als gut angelegtes Geld verbucht. Nur gut, dass sich das ausgezeichnet geräuschgedämmte Stoffdach immer noch während der Fahrt (bis 50 km/h) und innerhalb von 20 Sekunden zurückklappen lässt. So kommt auch der Fahrer in den Genuss von mehr Geräusch und mehr neugierigen bis bewundernden Blicken.

Je nach Ausstattung sind die fürstlich bezahlt: Ein Blick auf den Konfigurator verrät, dass man den Boxster S von rund 66.000 Euro ohne große Mühe auf über 90.000 Euro aufrüsten kann. Die Zahl hochpreisiger Extras ist ansehnlich, wir nennen hier nur die wichtigsten Extras für dynamische Kurventreiber: Vollelektrische Sportsitze mit 14 Verstellwegen: 2261 Euro, mit 18 Wegen 3617,20 Euro. Das pfeilschnelle und präzise Doppelkupplungsgetriebe PDK: 2826,25 Euro, Sport Chrono Paket mit Fahrmodusschalter 2082,50 Euro. Und natürlich die 20-Zoll-Felgen mit Sportbereifung, für rund 3300 Euro.


Kurven-Verführer

Ein besonders schönes technisches Detail ist sogar mit dem Fahrerdaumen während des Lenkens zu erreichen: Der kleine Drehschalter am Lenkrad, den Porsche erstmals im 918 Spyder zeigte, schärft nun auch in Serie und bei Bedarf den Einsatz der 350 Pferde an der Hinterachse.

Diese sogenannte „Sport Response“-Funktion sorgt für insgesamt 20 Sekunden für bestes Ansprechverhalten und maximale Leistung. Die Beschleunigung ist bei Tempi zwischen 50 und 150 in diesem Zustand eindrucksvoll, wenngleich nicht so brachial wie im bedeutend stärkeren 911 Turbo S. Sie lässt aber ältere Boxster- und Cayman-Modelle im wahrsten Wortsinn, und eben dank Turbo-Zwangsbeatmung, ganz schön alt aussehen.

Dass der Super Plus-Durst – unter 98 Oktan geht da nichts – des 718ers bei Volllast jede Werksangabe sprengt, versteht sich von selbst. Wer ihn behutsam über die Autobahn rollen lässt, kann die 8,0 Liter aber erreichen, ohne von Lkws überholt zu werden. In der Stadt sind gut zehn Liter realistisch, je nach Verkehr und individuellem Drehzahlverlangen. Hier macht sich auch bezahlt, dass sich die Fahrmodi spürbar voneinander unterscheiden, und man den City-Alltag einigermaßen komfortabel rollend verbringen kann. Der 718 zeigt keine übertriebene, sondern nur zielführende Härte.

Raum für Verbesserungen ist dennoch: Empfindlicher noch als die absolut präzise Lenkung sind die Sensoren, die Lack und Insassen behüten. Sie schlagen gerne auch mal Alarm, wenn man an der roten Ampel zu dicht auf den Vordermann auffährt, wenn sich am Straßenrand ein Gebüsch nähert, oder einfach mal so im normalen mehrspurigen Straßenverkehr, weil sie parallel fahrende Autos nicht sonderlich mögen.

Dies sind, zusammen mit dem sparsamen Stauraum und dem etwas kleinen Tank, die wenigen Dinge, die man dem zweisitzigen Roadster überhaupt vorwerfen kann. Doch auf diese hypersensiblen Piepser ist man gleichzeitig angewiesen, weil das nach hinten extrem unübersichtliche Vehikel keine Rückfahrkamera hat. Die gibt es für unseren Boxster S aber natürlich auch in der Zubehörliste: Inklusive Ultraschallsensoren an Front und Heck kostet der digitale Blick nach hinten 1535,10 Euro.

Konzentrieren wir uns lieber schnell wieder auf das, was der 718 perfekt kann: Blitzschnell per Doppelkupplung durch 7 Gänge schalten und verführerisch mit dem knackigen Hinterteil wackeln. Wann immer das Drehmoment sich auf die breiten Reifen stürzt, macht uns der Porsche klar, dass er ein äußerst potenter Mittelmotorsportler mit Heckantrieb ist.

Wer ältere Boxster- oder Cayman-Modelle nicht sehr gut kennt, wird im 718 rein gar nichts vermissen. Alle anderen dürfen sich damit trösten, dass der neue Boxster fürs maximale Drehmoment nur halb so viel Drehzahl braucht, wie der alte als GTS.

Die Kraft, die hinten auf die Straße muss, zwingt immer wieder die Hinterachse und die Karosse zu minimalsten seitlichen Ausflügen. Nichts beunruhigendes, eher ein koketter Hüftschwung, der sofort von den elektronischen Assistenten wieder eingefangen wird. Das macht bei niedrigeren Geschwindigkeiten Spaß, bei hohem Tempo zeigt sich Nummer 718 unerschütterlich in puncto Geradeauslauf und Spurtreue. Beim zigsten Abspulen der Heimstrecken-Landstraße sind wir doch noch dankbar für die etwas zu engen Sitze, die uns zu aufrechter Verfassung zwingen.

Bleibt noch eine Frage: Wer kann diesem verführerischen 718 das Leben schwer machen? Der gebrauchte Cayman oder Boxster, denn der ist ebenfalls ein echter Porsche, und dazu günstiger. Es muss ja nicht immer der neueste heiße Scheiß sein. Auch vor dem Hintergrund, dass ja irgendwann sowieso alle älteren Porschemodelle Klassiker werden.

Andererseits: An diesen unerwartet dunklen, abgründigen Auspuffsound des Vierzylinders kommt für meinen Geschmack der Sechszylinder nicht ran. Und für einen ohnehin unvernünftigen Alltags-Fluchtwagen ist die Akustik ja nicht das schlechteste Argument. Ach, wenn man doch nur 70.000 Euro übrig hätte. Dann müsste man nur noch ein paar Pfund abspecken und ein bisschen Yoga üben.

Porsche 718 Boxster S (PDK)

Technische Daten

MittelmotorVierzylinder-Boxer, Benziner, Turbo
Hubraum2.497 cm³
Leistung257 kW / 350 PS bei 6.500 U/min
Max. Drehmoment420 Nm bei 1.900 - 4.500 U/min
AntriebHeckantrieb
Getriebe7-Gang-Automatik
Preisab 68.967 Euro

Fahrleistungen

Höchstgeschwindigkeit285 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h4,2 Sek.
Beschleunigung 0 - 160 km/h9,2 Sek.
Elastizität 80 - 120 km/h, 5. Gang5,0 Sek.
Durchzug (80 - 120 km/h)2,8 Sek.

Verbrauch & Emissionen

Innerorts9,5 l / 100 km
Außerorts6,0 l / 100 km
Kombiniert7,3 l / 100 km / 167 g/km
Abgasnorm & EffizienzklasseEuro 6 / F
Testverbrauch10,5 l / 100 km


Maße und Gewichte

Länge4.379 mm
Breite1.801 mm
Höhe1.280 mm
Radstand2.475 mm
Zul. Gesamtgewicht1.695 kg
Leergewicht1.385 kg (DIN) / 1.460 kg (EG)
Tank64 L. Nachfüllvolumen
Stauvolumen150 L vorn, 125 L. hinten
Quelle:  Handelsblatt Online
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