Porsche 911 Turbo S Cabrio im Test: Das Kraftwerk bleibt geheim

Porsche 911 Turbo S Cabrio im Test: Das Kraftwerk bleibt geheim

, aktualisiert 05. Mai 2016, 07:53 Uhr
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Nach oben offenes Fahrvergnügen: Der neue Porsche 911 Turbo S weckt Begehrlichkeiten. Er ist schneller, stärker und teurer, als es im Alltag sinnvoll ist. Und wird damit zum idealen Fluchtfahrzeug, raus aus der Routine.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Länger als einen Tag Porsche zu fahren verdirbt den Charakter, sagt ein Kollege, mit Blick auf den roten Test-Sportwagen. Nach einer Woche im 911er-Turbo-Cabrio widerspreche ich. Es verdirbt einen nur für andere Autos.

DüsseldorfFrüher einmal, die reiferen Sportwagenfans erinnern sich, da stand die Wortpaarung „Porsche“ und „Turbo“ für Risiko, adrenalingesättigtes Heckschleudern, unruhige Tempojagd mit angstfeuchtem Klammergriff. Doch das ist lange her, anno 1974 sorgten die ersten Spoilertheken aus Zuffenhausen für Furore.

Heute ist der Porsche 911 Turbo mit 1,98 Meter zwar immer noch der breiteste seiner Modellfamilie, doch die extrem weit ausgestellten Kotflügel beherbergen nun Air Blades, 305er Breitreifen und Allradantrieb. Schon allein deswegen ist man meist entspannt unterwegs. Und selbst mit nur einer Hand am Steuer um einiges schneller, vor allem sicherer. Trotz eines Einstiegspreises, für den man in der norddeutschen Provinz ein hektargroßes Anwesen bekommt, ist dieser Porsche 911 Turbo S auch viel sozialverträglicher geworden.

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Kein Nachbar reißt wütend das Fenster auf, wenn ich vor Sonnenaufgang den 3,8-Liter großen Sechszylinder-Boxer des roten Cabrios anlasse. Die Porsche-Ingenieure haben den grollenden, heiseren Klang beruhigt. Zwar gibt es noch einen Kaltstart-Gasstoß beim Dreh des traditionell links sitzenden Zündschlüssels, aber der Auspuff klingt nach innen heftiger als außen. Die Umwelt wird nicht genervt. Auch der Potenz signalisierende Turboflügel wurde längst auf gesellschaftsfähige Abmessungen gestutzt.

Ein Detail gefällt mir aber auf Anhieb am alten Ur-Turbo besser: Da klappte man den Heckdeckel mit dem thekengroßen Spoiler auf, und sah den Motor. Und heute? Kunststoff in rot und schwarz, ein Schriftzug, ein Teil des Klappdachs, aber kein Boxer zu bestaunen. Die Besichtigung des 580 PS-Kraftwerks bleibt dem Werkstattmonteur vorbehalten. Normalsterbliche entdecken bei leicht ausgefahrener Heckklappe nur Einfüllstutzen für Wasser und Öl. Schade eigentlich. Andererseits halb so wild, es soll in der Alltagswoche mit dem stärksten und schnellsten Porsche-Cabriolet die einzige Enttäuschung bleiben.


Midlife-Crisis-Rot?

Wenn der Hersteller standardmäßig die Beschleunigung von Null auf Tempo 200 nennt (10,4 Sekunden), dann ahnt man schon, dass für diese Sorte Auto der Alltag die größten Herausforderungen bereithält. Stop and Go-Verkehr, nasses Altstadtpflaster, Straßenbahnschienen, Temposchweller, enge Parkhäuser, Gullideckel und kommunal vernachlässigte Schlaglochpisten sind einfach nichts für Sportwagen, selbst wenn sich die Federung auf so eine Art Komfort einstellen lässt und man dem Fahrwerk per Knopfdruck ein paar Zentimeter mehr Bodenfreiheit verschaffen kann.

Beim Cabrio kommt als Herausforderung noch die Fahrt zum Getränke- oder Supermarkt dazu, weil das Stoffklappdach den Stauraum so extrem einschränkt. Kurz gesagt: Dieser Testwagen, das ist wieder so ein Auto, das niemand braucht. Und das doch jeder mal fahren möchte. Aber bitte nicht im Alltag, da ist der Turbo hoffnungslos unterfordert.

In der Stadt und im Fahrmodus „D“ schaltet die Siebengang-Automatik zwar ruckfrei und extrem früh – bei 1.600 bis 2.000 Touren – in den nächsthöheren Gang. Trotzdem rollt das sehr straff gefederte rote Spielmobil rumpelig auf den superbreiten Pirelli P-Zero (hinten 305 mm breit), lenkt bei Tempo 50 alles andere als agil, und fühlt sich breit, lang und träge an. Beim Anfahren braucht das schwergängige Gaspedal mehr als nur Streicheleinheiten vom Fuß, auch die Lenkung mag eine feste zupackende Hand.

Nein, für die Stadt ist mir dieser Wagen wirklich zu schade, obwohl er hier die meisten neugierigen und bewundernden Blicke einfängt. Das karminrot-lackierte Spielmobil ist ein Eye Catcher erster Güte. Nur einer von 100 Betrachtern ist der Meinung, die Farbe habe den Namen „Midlife-Crisis-Rot“ verdient. Darf ich solchen Zeitgenossen vielleicht einen gewissen Neid unterstellen?

Klar, der Testwagen kostet mehr als 220.000 Euro, aber der flammneue 911 Turbo S als Cabrio ist praktisch komplett ausgestattet. Vor allem mit den begehrenswerten Porsche-Entwicklungen, die dynamisches Fahren schneller und sicherer machen. Die große Stunde des Chrono-Pakets, des Torque Vectoring, der aktiven Wankneigungsanpassung, der dynamischen Motorenlager, der variablen Turboladergeometrie, sie schlägt, wenn erst mal das Stadtschild im Rückspiegel verschwindet.

Dann schafft der Turbo S den Sprint aus dem Stand auf Landstraßentempo per Launch Control in drei Sekunden, leistet maximal 580 PS und 750 Newtonmeter Drehmoment, und ist bis zu 330 km/h schnell. Seine Launch Control ermöglicht einen Katapultstart, bei dem tief in die Sitze gepressten Insassen fast die Sinne zu schwinden. Und die riesigen Keramikbremsen beißen zu, dass einem das Hirn im Schädel nach vorne schwappt.

Der Overboost-Knopf im neuen Fahrmodi-Drehregler am Lenkrad wiederholt dieses atemberaubende Speedorgie praktisch jederzeit, denn er stimmt Motor und Getriebe für bis zu 20 Sekunden so ab, dass maximale Beschleunigung erreicht wird, unabhängig davon, welches Fahrprogramm ich gerade eingestellt habe. Das heißt, es vergehen zwischen Tempo 80 und Tempo 120 weniger als zwei Sekunden, auch wenn ich kurz zuvor nur locker herumgezockelt bin.


Wie aus der Kanone abgeschossen

Die auf dem Papier schon spektakulären Zahlen vermitteln aber kaum, was sich in den Gesichtern der Beifahrer abspielt, denen man die Kombination aus Launch Control mit anschließender Vollbremsung und Kehrtwende vorführt: Sie wissen nun wie es sich anfühlt aus einer Kanone abgeschossen zu werden, und brauchen einige Zeit, um das Adrenalin wieder auf Normalniveau zu pegeln. Geschwindigkeit als Rausch, das ist hier im Preis mit drin, aber andererseits auch unbezahlbar.

Motor, Turbo, Schaltung und Getriebeabstufung sind für Fahrleistungen konstruiert, die im Alltag wahnsinnig wirken. Wer den Tankwart zum besten Freund haben will, lässt einfach den Fuß auf dem Gas. Dann leistet die 7-Gang-Automatik per Doppelkupplung perfekte Arbeit. Bei maximal 7.200 Umdrehungen knallt jeder Gangwechsel dem Fahrer den nächsten Drehmomentknüppel ins Kreuz hinein. Aber einmal von der Leine gelassen, geben Lenkung, Fahrwerk, Bremsen gemeinsam mit einer ganzen Armada unsichtbar eingreifender elektronischer Helfer dem Fahrer stets das sichere Gefühl: Da ist sogar noch Reserve, da geht noch was.

Nun ist seit dem ersten 911-Turbo 1974 auch die Konkurrenz gewachsen. Mercedes hat den AMG GT S, wenn auch (noch) nicht offen, McLaren baut inzwischen erfolgreiche Straßensportwagen, auch Audi, Lamborghini, Ferrari, Aston Martin und Maserati bieten offene Renner für die Straße an. Die meisten sind kaum weniger schnell, und nur selten billiger. Und Letztgenannte haben eher den Reiz des Exotischen, des Neuen. Denn den 911er, den gibt es ja schon seit einer halben Ewigkeit.

Doch genau diese langen Jahre der von Motorsport-Ingenieuren getriebenen Evolution machen den Porsche Turbo so einzigartig. Mir erscheint seine Fahrbarkeit am gefühlten Limit unerreicht. Man braucht weder Rennlizenz noch jahrelanges Training, um als Normalsterblicher Grenzbereiche der Physik zu erleben, und muss dennoch nicht gruseln oder lebensgefährliche Risiken eingehen.

Stets ist Leistung im Überfluss da, nie gibt es Traktionsprobleme. Das früher berüchtigte Turboloch wurde komplett abgeschafft, bösartige Überraschungen jeglicher Art sind dem Fahrzeug völlig fremd. Und wer es nicht krachen lassen will, genießt auch im Normalmodus schon beim Cruisen Kraft im Überfluss.

Der adaptive Frontspoiler saugt förmlich den Asphalt an, das Fahrwerk verwandelt ihn in Euphorie und hinten gröhlen vier Endrohre die Hymne vom ewigen Fahrspaß. Ein letzter Blick in den Rückspiegel, ein fast überflüssiges Feature: Wer soll denn da schon kommen?

Fazit: Kein festes Dach, kaum Kofferraum, hoher Spritdurst, zu viel Leistung, sündhaft teuer: Dieses Auto braucht kein Mensch. Aber wer mal damit gefahren ist, der will es haben. Nennen Sie mich charakterschwach, aber ich finde das geil.

Porsche 911 Turbo S Cabrio

7-Gang-Automatik, variabler Allradantrieb
Boxer-Sechszylinder mit Biturbo3.800 ccm Hubraum
Leistung:427 kW / 580 PS bei 6.750 U/min
Max. Drehmoment:750 Nm bei 2.250 - 4.000 U/min

Fahrleistungen

Höchstgeschwindigkeit330 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h3,0 Sek.
Beschleunigung 0 - 200 km/10,4 Sek.
1/4-Meile (400 m)11 Sek.

Maße und Gewichte

Länge4.507 mm
Breite1.880 / 1.978 mm
Höhe1.294 mm
Radstand2.450 mm
Spurweiten v/h mm1.541 / 1.590
Tankinhalt68 L.
Leergewicht (DIN)1.670 kg
Zul. Ges.gewicht2.045 kg
Kofferraumvolumen115 / 160 Liter
Räder / Reifen9 J x 20 245/35 ZR 20


11,5 x 20 305/30 ZR 20

Verbrauch & Emissionen

SuperPlus
Innerorts in l/100 km12,1
Außerorts in l/100 km7,6
Kombiniert in l/100 km9,3
CO2-Emission in g/km216
SchadstoffklasseEuro 6
EnergieeffizienzklasseF
Quelle:  Handelsblatt Online
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