Porsche Panamera 4 E-Hybrid im Handelsblatt-Test: Das grüne Gewissen hat 462 PS

Porsche Panamera 4 E-Hybrid im Handelsblatt-Test: Das grüne Gewissen hat 462 PS

, aktualisiert 22. Juni 2017, 05:51 Uhr
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Wer sich genug vor dem Design des Panamera verbeugt, könnte für einen kurzen Moment denken, er sei ein 911er mit langen Seitenfenstern. Immerhin. Dafür hat es beim Vorgänger nie gereicht.

von Florian HückelheimQuelle:Handelsblatt Online

Wenn Porsche-Fahrer etwas für die Umwelt tun möchten, tun sie es natürlich von der linken Spur aus. Möglich macht das der Panamera als Plug-in-Hybrid. Eine Ausfahrt klärt, ob er genau so grün ist wie seine Bremssättel.

DüsseldorfEr ist groß, schwarz und schwer. Und heute ist der Tag, an dem wir uns zum ersten Mal begegnen. Der Ladekoffer des Porsche Panamera 4 E-Hybrid und ich. Gestern habe ich mich in unter fünf Sekunden von null auf Hundert schießen lassen, heute brauche ich 15 Minuten, ehe ich dem Drehstromzähler in der Tiefgarage auch so ein Erlebnis verschaffen kann.

Doch der Reihe nach: Porsche befreit den zum Jahreswechsel überarbeiteten Panamera von seinem Buckel und macht optisch aus ihm das, was er schon immer sein wollte: ein 911er mit vier Sitzen, die man auch tatsächlich alle benutzen kann. Feine Kniffe wie eine um rund 3,5 Zentimeter gestreckte Karosserie samt 30 Millimeter größerem Radstand helfen dabei, die Silhouette geschmeidiger erscheinen zu lassen.

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Hinzu kommt, dass es nun jeweils ein kleines Seitenfenster hinter den Türen der Fondpassagiere gibt, dessen auslaufendes Ende nach unten zeigt anstatt nach oben wie bisher. Neue Rücklichter, die sich so auch im 911er wiederfinden könnten, strecken den ehemaligen Buckel zusätzlich und machen ihn endlich zu einem ästhetischen Heck.

Traditionelle 911er-Fans werden ihn aber nach wie vor mit Nichtbeachtung strafen – kein Boxermotor, keine intime Zweisamkeit, einfach kein Sportwagen. Recht haben sie. Käufer werden sich dennoch finden. Und für die, die vorgeben möchten, ein nachhaltiges Auto zu fahren, gibt es den Panamera auch als Plug-in-Hybrid.

Jetzt also Strom. Als ich den Testwagen zum ersten Mal laden möchte, entfährt mir beim Öffnen des schwarzen Nylon-Koffers (rund 45 mal 50 Zentimeter groß) im Kofferraum ein lautes Lachen. Statt eines Kabels, das ich als Hybrid-Neuling offenbar naiv erwartet habe, sehe ich vier einzelne Kabel, entsprechend acht Stecker, ein Ladegerät sowie eine mehrsprachige 300-Seiten-Bedienungsanleitung, zu der ich direkt greife. Denn mit Messer, Gabel, Schere, Licht und bis zu 30 Ampere Ladestrom spielt man besser nicht.

Schnell zeigt sich, alles halb so wild. Der gut elf Kilogramm schwere Kabelsalat will dem Fahrer nur alle Ladeoptionen bieten: Starkstrom, Hausstrom, Ladesäule. Entdecke die Möglichkeiten nach Stuttgarter Art.

Ich wähle Hausstrom, denn mehr gibt die graue Steckdose in der Tiefgarage nicht her. Dazu braucht es noch das etwas unhandliche und stets auf die Display-Seite kippende Ladegerät sowie die entsprechenden Kabel. Sind die eingesteckt, ist es tatsächlich alles ganz einfach. Noch das Ladegerät einschalten und das halbdigitale Cockpit zeigt eine Ladezeit an, die so gar nicht zu einem „Sportwagen, der das Limousinensegment revolutioniert hat“ passen will: 8 Stunden, 14 Minuten. Dazu schweigt auch die Produkt-PR, die neben zitierter Revolution sonst nur von Gänsehaut und Adrenalin beim Hybrid-Panamera spricht.


Großes Kino, kleines Kino und 8 Liter Super Plus

Unter der Motorhaube arbeiten ein 136 PS-Elektromotor und ein 2,9 Liter großer Sechszylinder, der ein Klangprogramm von flüsterleise bis sportlich-sprotzelnd im Angebot hat. 330 PS stellt das Super Plus-durstige Aggregat zur Verfügung, beide Maschinen zusammen kommen auf vielversprechende 462 Pferde und einen Norm-Spritverbrauch von 2,5 Litern. In der Praxis sind es mindestens 8 Liter Benzin, wenn der Akku für die Elektromotoren nach 38 Kilometern (Werksangabe: 51 Kilometer) leer ist.

Um auf jene 8 Liter zu kommen, fuhren wir die wohl traurigsten 100 Kilometer, die wir je in einem Porsche zurückgelegt haben. Freudlos, gemächlich und auf der Autobahn stets im Windschatten von jedem, der mit 100 bis 120 km/h unterwegs war. Aber auch komfortabel, leise und mit genügend Zeit, sich vertrauensvoll in die Hände der zahlreichen Fahrassistenten zu trauen. Ja, das geht auch bei Tempo 210 – genau so komfortabel, allerdings mit etwa doppelt so hohem Spritverbrauch.

Der Panamera fährt im Stau von alleine, hält natürlich immer genügend Abstand zum Vordermann, der hochauflösende Touch-Bildschirm im Armaturenbrett gibt einen weitreichende Blick auf die Straßen der Umgebung frei oder lässt alle Mitfahrer dabei zusehen, in welche Richtung gerade Strom durch das Hybrid-System fließt.

Wer als Fahrer auf dieses große Kino keine Lust hat, lässt sich die Werte stattdessen im Mäusekino links oder rechts vom analogen Drehzahlmesser anzeigen. Der Zusatz Hybrid ist also auch im Cockpit Programm. Die spannendste Oberklasse-Spielerei dort war für mich das Bild der Wärmebildkamera, die per Infrarot-Technologie Fußgänger oder Tiere auch dort erkennt, wo die LED-Frontscheinwerfer nicht hinreichen.

Das System markiert Personen oder Tiere farbig im Bild und weist den Fahrer in letzter Instanz mit leichtem Blinken des rechten Scheinwerfers gezielt darauf hin, wenn ein Mensch die mögliche Fahrspur betritt. Ein nächtlicher Test mit unerschrockenen Mitfahrern am Straßenrand zeigt: Es funktioniert. Aufmerksame Fahrer würden die meisten Fußgänger aber wohl auch ohne diese Hilfe noch rechtzeitig erkennen. Das ist immerhin 2332,40 Euro günstiger als mit dem Nachtsichtassistent.

Ausgereiftere Technik bieten die Zuffenhausener auch im Antriebsstrang und beim Luftfahrwerk. Vom Wechsel zwischen Elektro- und Verbrennungsmotor ist nichts zu spüren. Im Hybrid-Modus bemerkt man höchstens bei ausgeschaltetem Radio das erste Hochdrehen des Sechszylinders beim Anlassen. Von Rucken im Getriebe keine Spur, auch nicht, wenn das System zurück auf reinen E-Betrieb schaltet. Dann klingt der Porsche ein bisschen wie eine Straßenbahn, wenn man das elektronische Motorgeräusch abschaltet, nur die Glocke fehlt.


1000 Meter in unter 13 Sekunden oder: 278 km/h

In Kurven und beim Beschleunigen ist das 700 Newtonmeter starke System häufig Opfer seiner eigenen Masse. Einmal auf Geschwindigkeit frisst die Limousine einen Autobahnkilometer nach dem nächsten. Bei Top-Speed 278 vergehen 1000 Meter in gut 13 Sekunden. CO2-sparend ist das nicht, sorgt aber endlich für die Adrenalinschübe, die Porsche verspricht.

So sanft man im Panamera dahingleiten kann, so zupackend oder -tretend sollte der Fahrer sein, wenn es drauf ankommt. Ein Hybrid-Panamera wiegt nach EU-Maßstäben mindestens 2.245 Kilogramm. Gegenüber einem normalen Panamera 4 sind das glatte 320 Kilogramm mehr. Vollbeladen können es etwas mehr als 2,7 träge Tonnen werden, mit denen die üppig dimensionierten Bremsscheiben so ihre Arbeit haben.

Wer ein sattes Nicken vor jeder roten Ampel vermeiden will, lernt im rot belederten 2+2-Sitzer das vorausschauende Fahren von ganz alleine. Und er lernt, was ein Porsche-Fahrer sonst nie tut: nach einer Elektro-Ladesäule Ausschau halten.

Die 80 Liter Super Plus im Heck, je nach Motorisierung sind sonst bis zu 100 Liter möglich, reichen selbst mit schwerem Gasfuß für eine Weile, der Akku freut sich dagegen schon bald über eine neue Füllung. Die kann entweder per Motorkraft bereitgestellt werden, was wenig wirtschaftlich ist, oder kommt idealerweise aus einer Ladesäule. Ohne Zugangskarte, ID-Chip oder ähnliches geben die aber in der Regel keinen Saft ab. Findet man doch eine, sieht die Ladedauer bei leerem Akku schon etwas freundlicher aus als beim Versuch mit Hausstrom und Ladegerät: 5 Stunden, 11 Minuten. Immerhin.

Fazit: Die Bekanntschaft mit dem hybriden Zuffenhausener hinterlässt genau diesen Eindruck: immerhin. Das klingt gemein bei so vielen Dingen, die Porsche im Innern und von Außen bei diesem Panamera richtig macht. Gemein ist aber auch, dass der auf den ersten Blick grünere Porsche gut 14.500 Euro mehr kostet als ein herkömmlicher 330-PS-Panamera 4. Dafür bekommt man giftgrüne Bremssättel, 320 verbrauchstreibende Kilo Mehrgewicht, fast 100 Liter weniger Stauvolumen und einen 20 Liter kleineren Tank. Ein grünes Gewissen hat offenbar seinen Preis

Technische Daten

Porsche Panamera 4 E-Hybrid

Motor:Sechszylinder V-Motor mit Bi-Turbo, Elektromotor
Hubraum:2.894 ccm
Max. Leistung (Verbrennungsmotor):243 kW / 330 PS bei 5.250-6.500 U/Min
Max. Drehmoment (Verbrennungsmotor):450 Newtonmeter bei 1.750-5.500 U/Min
Max. Leistung (Elektromotor):100 kW / 136 PS bei 2.800 U/Min
Max. Drehmoment (Elektromotor):400 Nm bis 2.300 U/Min
Max. Systemleistung:340 kW / 6.000 U/Min
Max. Systemmoment:700 Nm bei 1.100-4.500 U/Min
Antrieb:Allradantrieb
Getriebe:8-Gang-Automatik

Maße und Gewichte

Länge:5.049 mm
Breite:1.937 mm
Höhe:1.423 mm
Radstand:2.950 mm
Leergewicht:2.245 kg
Kofferraumvolumen:405 Liter

Fahrdaten

Höchstgeschwindigkeit:278 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h:4,6 Sek.
Durchschnittsverbrauch kombiniert:2,5 Liter / 100 km
Stromverbrauch in kWh / 100 km15,9
CO2-Emission:56 g/km
Kraftstoff:Super Plus-Benzin
Abgasnorm / CO2-Effizienzklasse:Euro 6 / A+
Quelle:  Handelsblatt Online
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