Präsidentschaftswahl: Franzosen erwarten ein Duell Macron – Le Pen

Präsidentschaftswahl: Franzosen erwarten ein Duell Macron – Le Pen

, aktualisiert 22. April 2017, 14:16 Uhr
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Wahlunterlagen des konservativen Kandidaten François Fillon (l, Les Républicains), des Sozialliberalen Emmanuel Macron (En Marche!) und der Rechtspopulistin Marine Le Pen (Front National).

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Der Wahlkampf in Frankreich ist vorbei. Die Überseegebiete haben den Urnengang bereits eingeläutet, am Sonntag geben dann auch die Bürger im Kernland ihre Stimmen ab. Das Ergebnis des ersten Wahlganges ist noch offen.

ParisDer Terroranschlag vom Donnerstagabend auf den Champs-Elysees beeinflusst voraussichtlich die französischen Präsidentschaftswahlen, wird aber den Ausgang des Ersten Wahlganges im Vergleich zu den bisherigen Erwartungen nicht radikal verändern. Das ist das Ergebnis der letzten Meinungsumfragen vor dem Urnengang vom Sonntag, die in Frankreich nicht mehr veröffentlicht werden dürfen. Die Kandidaten dürfen am Wochenende auch keinen Wahlkampf mehr führen.

Der Zieleinlauf am Sonntagabend wäre demnach so, wie er seit Wochen stabil vorausgesagt wird: Der Sozialliberale Emmanuel Macron läge an erster Stelle, gefolgt von der Rechtsextremen Marine Le Pen, dem Konservativen François Fillon und dem Linksaußen Jean-Luc Mélenchon. Allerdings sind die Umfrageinstitute vorsichtig und weisen darauf hin, dass es bei der Veröffentlichung der ersten Hochrechnungen nach Schließung der Wahllokale am Sonntag um 20 Uhr möglicherweise noch kein klares Spitzenduo geben werde, möglicherweise müsse man drei Köpfe zeigen.

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Wie bereits nach den Anschlägen in Toulouse im März 2012 und in Paris im November 2015 gewinnt die Furcht vor neuen Terroranschlägen nach der Ermordung des 39-jährigen Polizisten Xavier Jugelé an Bedeutung. War vor dem Anschlag auf den Champs-Elysees vom Donnerstagabend die Arbeitslosigkeit eindeutig der wichtigste Entscheidungsfaktor für die französischen Wähler, so liegt mittlerweile der Terrorismus gleichauf an erster Stelle.

Marine Le Pen wird die höchste Kompetenz bei der Bekämpfung des Terrors zugeschrieben, obwohl sie keinerlei Regierungserfahrung hat. An zweiter Stelle folgen gleich auf Fillon und Macron, weit abgeschlagen dahinter landet Mélenchon.

Die Wahlbeteiligung scheint nicht wesentlich geringer zu werden als vor fünf Jahren. Obwohl in den Medien nun seit Wochen in düsteren Worten vorausgesagt wird, die Franzosen blieben massenhaft den Urnen fern, bestätigt sich das in den Umfragen überhaupt nicht. Die Anzahl der Unentschieden so knapp vor dem ersten Wahlgang nicht höher als bei den vorausgegangenen Präsidentschaftswahlen. Natürlich setzen alle Kandidaten darauf, dass sie auf den letzten Metern in dem Wählerbassin der Unentschlossenen noch Stimmen für sich entscheiden können. Ob das allerdings das Ergebnis grundlegend verändern wird, ist alles andere als sicher. Denn man kann die Unentschiedenen nicht in größerem Umfang dem einen oder anderen der vier Bestplatzierten Kandidaten zuordnen.

Der große Trumpf für Le Pen ist, dass ihre Wähler nun seit Wochen die Entschiedensten sind. Für vier von fünf steht fest, dass sie ihre Entscheidung nicht mehr ändern werden. Bei Fillon ist dieser Anteil etwas geringer und bei Macron liegt er noch etwas niedriger, leicht über 70 Prozent. Das ist allerdings im Vergleich zum Monat März eine radikale Verbesserung für den Kandidaten, der mit seiner Bewegung „En Marche!“ das französische Parteienspektrum vollkommen durcheinandergewirbelt hat.

Noch vor einem Monat war nur ungefähr die Hälfte derjenigen, die sich für ihn entscheiden wollen sicher, bis zum Wahltag auch dabei zu bleiben. Den stärksten Stimmenschwund muss der sozialistische Kandidat Benoît Hamon befürchten, der schon jetzt unter acht Prozent gehandelt wird, und der noch einmal ein Drittel seiner Wähler einbüßen könnte.


Le Pen hat die treueste Wählerschaft

Derzeit sieht also viel danach aus, dass zwei Kandidaten in die Stichwahl kommen werden, die keiner der die Fünfte Republik dominierenden politischen Bewegungen –  der Linken und der Rechtskonservativen –  angehören. Bei einer Diskussion am Samstag räumte ein Vertreter der Konservativen ein, die Franzosen befänden sich „in einer Durchgangsschleuse zur Veränderung des Parteiensystems“.

Fillon und seine Anhänger haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sie von einem Effekt der „versteckten Stimmen“ profitieren könnten. Das soll bedeuten, dass hunderttausende Franzosen sich am Sonntag zwar für den konservativen Kandidaten entscheiden werden, dies aber den Meinungsforscher nicht sagen wollen. Die Demoskopen allerdings glauben nicht wirklich an diesen Effekt, weil mittlerweile viele Umfragen per Internet oder am Telefon durchgeführt werden und man nicht einem Befrager gegenüber sitzt, dem gegenüber es so etwas wie Scham über die Finanzskandale von Fillon geben könnte.

„Dieser angebliche Effekt des versteckten Votums für Fillon ist eine reine Fiktion“, sagte Benjamin Griveaux, Sprecher und engster Berater von Marcon, dem Handelsblatt. Es sei sogar so, dass die Demoskopen die Brutto-Umfragewerte für Fillon vorsichtshalber in ihren Endberechnungen  hochsetzten, um eine theoretisch mögliche Unterschätzung auszugleichen. Griveaux rechnet nicht mehr mit einem Durchbruch zugunsten von Fillon, weil dessen Kampagne zum Stillstand gekommen sei: „Vor Ort machen die Konservativen keinen Wahlkampf für ihn, wenn Sie aber keinen Wahlkampf machen, gewinnen Sie auch keine Wahl“.

Der Macron-Vertraute will den Tag nicht vor dem Abend loben, räumt aber ein, dass die Wahl noch offen ist. Dennoch scheint er zuversichtlich: „Wir gehen davon aus, dass die Werte für Macron solide sind, in den letzten Wochen ist es uns gelungen, die Wähler an ihn zu binden, das war unser wichtigstes Anliegen und ist durch den Wahlkampf vor Ort sehr gut vorangekommen.“

Auch der Front National scheint sich auf ein Duell Macron-Le Pen einzustellen. „Nach dem bedauernswerten Anschlag vom Donnerstag rückt der Kampf gegen den Terror und gegen den radikalen Islamismus wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit“, sagt Front National-Generalsekretär Nicolas Bay dem Handelsblatt.

„Und im Hinblick darauf gibt es Kandidaten, die glaubwürdiger sind als andere, vor allem Marine Le Pen“. Bay verweist darauf, dass seine Parteichefin seit Monaten in allen Umfragen auf dem ersten oder zweiten Platz liege und gleichzeitig die treueste Wählerschaft aufweise.

Mélenchon kann sich für die Endrunde qualifizieren

Doch aus den Umfragen geht auch hervor, dass sie gegen alle denkbaren Gegner im zweiten Wahlgang verlieren würde. „Zunächst muss man einmal sehen, dass sie auf ein sehr hohes Stimmenniveau kommt – in allen denkbaren Fällen 40 Prozent oder mehr“,  erläutert der FN Generalsekretär. „Außerdem bilden sich die Franzosen für die zweite Runde der Wahl noch einmal eine neue Meinung, und da wird eine große Rolle spielen, das so gut wie niemand eine Wiederholung der Präsidentschaft von François Hollande wünscht.“ Das werde sich laut Bay gegen Ex-Wirtschaftsminister Macron auswirken: „Der hat versucht, seine politische Vergangenheit auszuradieren, aber er bleibt doch die Verlängerung und Fortsetzung von Hollande.“

In den vergangenen drei Wochen war die Möglichkeit aufgetaucht, dass der Linksaußen Mélenchon sich für die Stichwahl qualifizieren könne. Kurz vor der Wahl liegt er aber hinter dem Führungstrio, sein Aufstieg ist gestoppt. Auch seine Sprecherin Raquel Garrido kann keine überzeugenden Argumente dafür anführen, dass es ihm doch noch gelingen sollte, sich für die Endrunde zu qualifizieren.

Sollte es zur Stichwahl zwischen Macron und Le Pen kommen, werde Mélenchon sich für keinen der beiden aussprechen. Wähler, die auf jeden Fall die Rechtsextreme verhindern wollen, wissen damit, woran sie sind: Auf Mélenchon können sie nicht zählen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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