Private Krankenversicherung: Trotz Mini-Zinsen gut aufgestellt

Private Krankenversicherung: Trotz Mini-Zinsen gut aufgestellt

, aktualisiert 22. Juni 2017, 16:14 Uhr
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Uwe Laue, Vorsitzender des PKV-Verbands und Vorstandschef des Versicherungsunternehmens Debeka, sieht die Branche krisensicher aufgestellt.

von Peter ThelenQuelle:Handelsblatt Online

Der PKV-Verband seine Mitgliedsunternehmen stabil aufgestellt – und das trotz niedriger Zinsen. Die Altersrückstellungen erreichen ein neues Rekordniveau aber die Zahl der Vollversicherten sinkt weiter.

BerlinSeit Jahren wird der bevorstehende Niedergang der privaten Krankenversicherung immer wieder vorhergesagt. Doch die Branche hält sich trotz aller Kassandrarufe, steigender Gesundheitsausgaben und anhaltender Niedrigzinsen aufrecht und wächst weiter, wenn auch nur noch im Zusatzversicherungsgeschäft. „Wir befinden uns derzeit in ruhigem Fahrwasser“,  kommentierte der wiedergewählte Vorsitzende Uwe Laue die Lage aus Anlass der Jahrestagung des Verbands am Donnerstag.

In der Zusatzversicherung erreichte die Branche mit 25,1 Millionen Verträgen und einem Zuwachs von 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein neues Rekordniveau. Im Vollversicherungsgeschäft ging es zwar das fünfte Jahr in Folge abwärts, doch mit deutlich langsamerem Tempo: Während  bei den PKV-Unternehmen 2013 auf dem Höhepunkte der Mitgliederkrise in einem  Jahr 66.200 Versicherte mehr durch Tod oder den Wechsel zur gesetzlichen Krankenversicherung verloren gingen als neue Mitglieder gewonnen wurden, waren es im vergangenen Jahr nur noch 14.600 Mitglieder. „Im  zweiten Halbjahr 2016 waren wir schon wieder leicht m Plus“ gibt sich Laue optimistisch, räumt aber auf Nachfrage ein, dass dieser Trend sich im ersten Halbjahr dieses Jahres wieder gedreht hat.  Insgesamt gab es zum Jahreswechsel 8,77 Millionen Vollversicherte, die Hälfte davon Beamte.

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Finanziell sieht Laue die Branche gleichwohl krisensicher aufgestellt. Er verweist auf die Berichte über die Solvenz- und Finanzlage zum 31. Dezember vergangenen Jahres, die die Unternehmen im Mai erstmals vorlegen müssen. Danach liegen bei der gewichteten Solvency-II-Bedeckungsquote alle PKV-Unternehmen deutlich über 100 Prozent. „Das bedeutet, die Unternehmen verfügen über mehr Kapital als erforderlich wäre, um mit einer Krisenlage fertig zu werden, wie sie theoretisch nur alle 200 Jahre vorkommt“, erläutert Laue die Daten.  Auch bei den Alterungsrückstellungen, über die in der PKV Reserven gebildet werden, um die im Alter wachsenden Gesundheitskosten der Versicherten abzudecken, gebe es keine Anhaltspunkte zur Besorgnis: Sie wurden 2016 um fast dreizehn Milliarden Euro auf insgesamt 233 Milliarden Euro aufgestockt. Das bedeutet ein Plus von  5,9 Prozent. „Das zeigt auch in Zeiten anhaltender Niedrigzinspolitik in Europa wächst die nachhaltige und generationengerechte Vorsorge der PKV, mit der wir für den demografischen Wandel so gut gerüstet sind.“  

Allerdings sollte man die Rückstellungen als Indikator für eine solide Finanzlage nicht überschätzen. Bilanztechnisch handelt es sich dabei um Verbindlichkeiten der Unternehmen gegenüber den Versicherten. Aussagekräftiger ist da schon eher die Durchschnittverzinsung der Anlagen, die Lauer mit immer noch knapp unter vier Prozent angab.  

Apropos Demografie: Mutmaßungen darüber, dass der Mitgliederschwund im Bereich der Vollversicherung dazu führe, dass das Durchschnittsalter der privat Versicherten nun schneller ansteigt und mit ihm auch die Durchschnittsausgaben und im Nachhinein die Prämien für eine private Krankenversicherung, wies Laue mit sehr plausiblen Argumenten zurück. Tod, das Sinken des Einkommens unter die jährliche steigende Versicherungspflichtgrenze und der Wechsel des Erwerbstätigenstatus seien die Hauptgründe für Abgänge aus der PKV. Und hier führe der nachhaltige Aufschwung am Arbeitsmarkt dazu, dass vor allem viele privat Versicherte Soloselbstständige wieder einen sozialversicherungspflichtigen Job finden würden. Diese Soloselbstständigen waren aber in der Vergangenheit eher ein schlechtes Geschäft für die PKV. Viele konnten mangels Einkommen am Ende nicht einmal mehr ihre PKV-Beiträge zahlen und landeten im Notlagentarif der PKV. Es könnte also gut sein, dass sich zumindest einige PKV-Unternehmen derzeit im Vollversicherungsgeschäft sogar gesund schrumpfen.


Starke Beitragssprünge

Zum Thema Prämienerhöhungen gab  der PKV-Chef sich eher wortkarg. Immerhin mussten 85 Prozent der Vollversicherten zum ersten zum Teil deutliche Beitragserhöhungen hinnehmen. Auf lange Sicht, betonte Verbandsgeschäftsführer Volker Leienbach, seien die Beiträge in der PKV sogar etwas weniger als bei den gesetzlichen Kassen gestiegen. Nach einer Übersicht aus dem Bundesgesundheitsministerium stiegen dort seit 2007 die Beiträge im  Durchschnitt um 3,2 Prozent pro Jahr. Bei der privaten Versicherung lag der durchschnittliche Anstieg nur bei drei Prozent.

Allerdings kommt es in der PKV immer wieder zu starken Beitragssprüngen. Das hat zum einen damit zu tun, dass die PKV einen am persönlichen Risiko orientierten Beitrag in Euro und Cent fordert, die Gesetzlichen Kassen einen prozentualen Beitrag. Hier steigen die Einnahmen also mit jeder Einkommenserhöhung und jeder Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze automatisch. Dagegen darf die PKV ihren Beitrag nur erhöhen, wenn sie so genannte auslösende Faktoren nachweisen kann. Das ist zum Beispiel bei der von Laue geführten Debeka ein Anstieg der Leistungsausgaben um mehr als fünf Prozent in einem Jahr. Auch eine höhere Sterblichkeit der Versicherten kann ein solcher auflösender Faktor sein. Dies führt aber dazu, dass sich in der PKV zusätzliche Kostenbelastungen über mehrere Jahre aufstauen bis eine Prämienerhöhung rechtlich möglich ist. Der Verband wünscht sich hier eine Verstetigung.

Auch die Zinsentwicklung müsste in Zukunft als auslösender Faktor berücksichtigt werden können. Die Niedrigzinsen haben bei den Prämiensteigerungen vieler Unternehmen vor allem im vergangenen Jahr eine große Rolle gespielt. Ansonsten wünscht sich die Branche von der nächsten Bundesregierung eine schnelle Umsetzung der neuen Gebührenordnung für Ärzte. Hier sei man bei den Verhandlungen mit der Ärzteschaft nach jahrelangem Streit und Verzögerungen auf der Zielgeraden. Im Durchschnitt sollen  die „Preise“ die die privaten Krankenkassen für ärztliche Behandlung Zahlen nun nicht einmal um sechs Prozent steigen. „Das wird aller Voraussicht nach nicht beitragsrelevant werden“ sagte Laue. Genau wissen aber wird man dies erst 2020, wenn die neue GOÄ ein Jahr in Kraft ist. Daraus folgt, dass vor 2019 nicht mit einem Inkrafttreten zu rechnen ist.  

Nicht extra betonen musste Laue die strikte Ablehnung der Branche der Pläne der SPD, der Grünen und der Linken für eine Bürgerversicherung. Hier hänge alles davon ab, wer in der nächsten Regierung sitzt, meinte Laue. Sollten die aktuellen Prognosen eintreffen, wäre dies eine schwarz-gelbe Koalition, unter der die PKV keine grundlegenden Veränderungen zu ihren Lasten befürchten müsste.       

Quelle:  Handelsblatt Online
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