Privatsphäre im Netz: Das Datenschutz-Paradoxon

Privatsphäre im Netz: Das Datenschutz-Paradoxon

, aktualisiert 15. September 2016, 13:18 Uhr
Bild vergrößern

Wer sein Betriebssystem aktualisiert, muss die Allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptieren. Doch nur die Wenigsten lesen das Kleingedruckte.

Quelle:Handelsblatt Online

Datenschutz ist für die Deutschen nach wie vor sehr wichtig. Doch in Zeiten von sozialen Netzwerken, Fitness-Trackern und Co. ist die Privatsphäre in Gefahr. Nicht nur die Nutzer, auch die Unternehmen können etwas tun.

Düsseldorf„Wir haben unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen geändert. Bitte bestätigen Sie die neuen Nutzungsbedingungen.“ Ob Whatsapp, Facebook, IOS und Co. – eine Mitteilung, die wohl jeder kennt und mit gemischten Gefühlen aufnimmt. Die Nutzer wissen, dass sie zustimmen müssen. Im schlimmsten Fall kann nämlich die App, das soziale Netzwerk oder die neueste Version des Betriebssystems nicht mehr verwendet werden.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) zeigt: Die große Mehrheit, das sind 86 Prozent der Befragten, hält es für wichtig, die Inhalte der AGBs und Datenschutzbestimmungen zu kennen. Allerdings gaben auch mehr als 60 Prozent an, dass sie sich nur wenig bis gar nicht damit auseinandersetzen und die Bestimmungen gar nicht lesen.

Anzeige

Matthias Kammer, Direktor des DIVSI, ist von dem Ergebnis kaum überrascht: „Wer heute online kommunizieren will, kommt an Messengern und E-Mail-Diensten nicht vorbei – und damit auch nicht am Kleingedruckten – das erklärt das auf den ersten Blick paradoxe Verhalten.“ Dieser Gegensatz zeigt aber auch ein großes Problem auf: Datenschutz scheint wichtig zu sein, für viele Menschen ist die zunehmende digitale Vernetzung unserer Welt aber eine enorme Herausforderung.

Dem einzelnen Nutzer fällt es schwer, sich zwischen dem praktischen Nutzen von digitalen Inhalten und dem richtigen Umgang mit den eigenen Daten zu entscheiden. Das stellten die Kommunikationswissenschaftlerinnen Alice Ruddigkeit und Jana Penzel fest: „Der Lernprozess hinkt der rasend schnellen technischen Evolution ständig hinterher. Nutzer müssen sich daher auf ihr eigenes Bauchgefühl und begrenztes technisches Verständnis verlassen, wenn sie sich in neues Territorium wagen.“

Für Versicherer, Marketingstrategen und Finanzdienstleister sei es bisher zu aufwendig gewesen, gezielte Informationen über Kunden zu bekommen. Das Problem: Zu viele Informationen können sich negativ auswirken. Versicherungen könnten durch den Lebensstil teurer werden oder Kredite aufgrund einer Erkrankung verweigert werden. Dass sich bisher jeder selber entscheiden konnte, möglichst „unvollständige Informationen“ herauszugeben, ändere sich allerdings in Zeiten von Big Data.

So ist es heute möglich, durch eine gezielte Suche bei Google und in sozialen Netzwerken, viele Informationen zusammenzufügen. „Aus vielen kleinen Puzzleteilen entsteht jetzt ein sehr detailliertes Bild einer Person.“, lautet das Urteil der beiden Forscherinnen. Über den Namen, einen Eintrag im Telefonbuch und per Google Maps lässt sich zum Beispiel leicht überprüfen, wie jemand wohnt. Und wer mit einem leicht zu identifizierenden Nicknamen in Online-Foren unterwegs ist, muss damit rechnen, dass auch die intimsten Sorgen öffentlich werden. Ähnlich verhält es sich mit privaten Angaben bei Facebook.


Die Unternehmen stehen in der Verantwortung

Doch nicht nur die Daten, die jeder im Internet über sich preisgibt können ein Risiko für die eigene Privatsphäre werden, auch „Wearables“ rücken immer mehr in den Fokus von Datenschützern. Laut dem „Quantified Wealth Monitor 2016“, einer Studie des Marktforschungsinstituts Dr. Grieger und Ci, „trackt“ jeder fünfte Deutsche seine persönlichen Daten in mindestens einem Lebensbereich. Am liebsten überwachen die User dabei ihre eigene Fitness (18 Prozent), gefolgt von Ernährung (4,8 Prozent) und Finanzen (3,4 Prozent).

Kritiker warnen davor, dass Personen ohne „Wearables“ in Zukunft zum Beispiel höhere Krankenkassenbeiträge zahlen könnten, weil sie ihren Fitnesszustand nicht permanent übertragen. So belohnt die AOK Nordost schon den Kauf von Geräten, wie der Apple Watch, mit einem finanziellen Zuschuss. Die Generali-Versicherung bietet mit dem Programm „Vitality“ besonders fitnessbewussten Kunden Vergünstigungen und Rabatte an.

Auch KFZ-Versicherungen wie die Allianz bieten günstigere Tarife an, wenn sich Fahrer auf den „Bonus-Drive“ einlassen. Hier werden Fahrtdaten an die Versicherung übermittelt. Wer besonders vorbildlich fährt und einen hohen „Score“ sammelt, kann sparen.

Die Verantwortung für die eigene Privatsphäre liegt laut den Forscherinnen aber nicht nur bei den Nutzern. Immer wieder werden Unternehmen gehackt. Der Cloud-Speicherdienst Dropbox gab kürzlich zu, schon 2012 gehackt worden zu sein. Mehr als 60 Millionen Accounts seien betroffen. Die Seitensprungwebseite „Ashley Madison“ wurde erst im vergangenen Jahr angegriffen. Millionen Nutzerdaten wurden danach im Internet veröffentlicht.

Deshalb ist es für Ruddigkeit und Penzel wichtig, fortlaufend in die eigene IT-Infrastruktur zu investieren. Außerdem sollte jedes einzelne Unternehmen verantwortungsvoll mit den Daten der Kunden und Mitarbeiter umgehen. Es sei wichtig, die Angestellten mit speziellen Schulungen und Workshops zu sensibilisieren. Um der eigenen Neugier zuvorzukommen, sollte jeder Mitarbeiter nur Zugriff auf die Daten haben können, die für die tägliche Arbeit gebraucht werden. Wenn dann noch Dateien und Kommunikation verschlüsselt werden, sei schon viel für den Datenschutz getan.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%