Produktpiraterie: „Gefälscht wird alles, was Profit verspricht“

Produktpiraterie: „Gefälscht wird alles, was Profit verspricht“

, aktualisiert 15. Februar 2016, 09:29 Uhr
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Den Negativ-Preis „Plagiarius“ erhielt in diesem Jahr ein Brillenhersteller aus Rathenow (Brandenburg) für eine gefälschte Fassung (oben). Unten zu sehen ist das Originalmodell „Arles“ von der Meyer Brillenmanufaktur Saarbrücken.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Geklautes Design, gefakte Markenlogos: Durch Fälschungen entsteht deutschen Unternehmen ein Schaden von etwa 56 Milliarden Euro im Jahr. Patentschutz-Experte Volker Bartels gibt Tipps, wie sich Firmen schützen können.

Deutsche Markenprodukte sind häufig Opfer von Plagiatoren. Im Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM) haben sich betroffene Unternehmen zusammengetan, um die internationale Fälschermafia zu bekämpfen. Der Vorsitzende des APM, Volker Bartels, erzählt, mit welchen Tricks die Plagiatoren arbeiten und wie sie sich in Schranken halten lassen.

Herr Bartels, die Fälschmafia scheint immer dreister zu werden. Wie äußert sich diese Unverfrorenheit?
Die Fälscher sind in den letzten Jahren tatsächlich immer dreister geworden. Inzwischen gibt es ganze Geschäfte im nachgemachten Markendesign. Es wird also nicht nur das Produkt, sondern auch der Markenauftritt in der Öffentlichkeit gefälscht.

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So wie komplett gefakte Apple Stores in China oder eine kopierte Filiale der Drogeriemarktkette dm...
Auch falsche Internetseiten werden von den Fälschern so gestaltet, als würden sie vom Originalhersteller stammen. Kurioserweise werden auf den Webseiten dann auch noch Fälschungen anderer Marken angeboten. Als Kontaktdaten und als Adresse für Reklamationen werden Daten ahnungsloser Dritter angegeben, die sich dann mit verärgerten Kunden konfrontiert sehen.

Welche Branchen sind denn betroffen?
Inzwischen sind beinahe alle Branchen betroffen. Die Klassiker sind sicherlich die Schuh- und Bekleidungsindustrie. Auch Modeschmuck und Accessoires wie Taschen, Uhren, Sonnenbrillen, Kopfhörer sowie Parfum und selbst Medikamente werden nach wie vor gerne gefälscht. Dass aber selbst günstige Körperpflegeprodukte, elektrische Haushaltsgeräte und einzelne Bauteile – vom Radlager bis zum Halbleiter für industrielle Großanlagen – gefälscht werden, ist vielen gar nicht bewusst. Und die vorgeschriebenen Prüfzeichen werden gleich mitgefälscht.

Hat der Internethandel dem Fälschermarkt einen Schub gegeben?
Das Internet hat den Vertrieb von Fälschungen zum Kinderspiel gemacht. Vielfach werden die Plagiate heute direkt aus den Herstellungsländern an die Endkunden verschickt. Das erschwert die Rechtsdurchsetzung, da die Absender im Ausland sitzen und oft anonym bleiben. Anstatt ganzer Container kommen die Fälschungen oft als Einzelsendung ins Land, was den Zoll auf Grund der großen Menge vor eine riesengroße Herausforderung stellt.

Viele kleine und mittelständische Hersteller meinen, weil sie nicht nach Fernost vertreiben, seien sie von Fälschungen nicht betroffen. Ein Irrglaube?
Das ist ein gefährlicher Denkfehler. Sicherlich ist die Geschäftstätigkeit in Fernost ein gewisser Risikofaktor. Ist das Produkt dort bekannt, wird es möglicherweise schneller gefälscht. Aber die Welt ist in dieser Beziehung deutlich kleiner geworden. Die Fälscher sind sehr gut darüber informiert, ob ein Produkt in Europa oder Amerika erfolgreich ist. Auf Messen sehen sich auch Fälscher gerne die neuesten Entwicklungen an. Und gefälscht wird schließlich alles, was Profit verspricht.

Wie können sich deutsche Unternehmen im Vorfeld am besten schützen?
Eine erfolgreiche Schutzstrategie beginnt mit der Sicherung der eigenen Schutzrechte, denn ohne diese ist ein Vorgehen gegen Nachahmungen kaum möglich. Die Registrierung der Marken, Designs und Patente sollte im eigenen Land und auf allen relevanten Verkaufsmärkten erfolgen – also auch im Ausland und bei Geschäftstätigkeit in China zum Beispiel in chinesischer Schrift. Die entsprechenden Internet-Domains sollten allein schon für die eigene Internetpräsenz gesichert werden. Aufgrund der zahlreichen Variationsmöglichkeiten ist ein 100-prozentiger Schutz vor Fälschungswebsites aber kaum zu erreichen.


„Der Ruf der Marke leidet“

Welche Methoden der sicheren Produktkennzeichnung sind inzwischen möglich?
Es gibt heute eine große Bandbreite an offenen und verdeckten Sicherheitsmerkmalen, von einfachen QR-Codes, Hologrammen und Mikrogravuren bis hin zu verschiedenen nicht kopierbaren Mustern und Markierstoffen – zum Beispiel fluoreszierende Farbpigmente. Es gibt sogar RFID-Labels, mit denen die gesamte Logistikkette erfasst werden kann.

Wenn Fälschungen auftauchen: Was raten Sie kleinen und mittelständischen Unternehmen dringend an, um sich dagegen zu wehren?
Das Wichtigste ist, nicht den Kopf in den Sand zu stecken und das Problem zu ignorieren. Sind Marken, Patente und Designs erstmal eingetragen, ist der Antrag auf Grenzbeschlagnahme der nächste logische Schritt. Erst dann kann der Zoll die Fälschungen bei der Einfuhr aufhalten. Der Einsatz von Schutztechnologien, die Marktbeobachtung und der Aufbau eines eigenen Vertriebssystems, gegebenenfalls die Veröffentlichung einer Händlerliste. Das sind nur einige Punkte, über die es sich ebenfalls nachzudenken lohnt. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, nicht alle sind immer sinnvoll. Hilfreich ist hier vor allem der Austausch mit anderen betroffenen Unternehmen, etwa beim Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM).

Ist das finanziell für kleine und mittelgroße Firmen überhaupt leistbar?
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die überschaubare Kosten verursachen und auf deren Grundlage man später aufbauen kann: zum Beispiel die Registrierung der Schutzrechte und die Beantragung einer Grenzbeschlagnahmung. Sicher, das Vorgehen gegen Fälschungen verursacht Kosten, der Schaden durch Fälschungen ist in aller Regel um ein Vielfaches höher. Unternehmen sollten sich fragen, ob sie es sich tatsächlich leisten können, nichts zu tun. Leidet der Ruf der Marke unter schlechten Imitaten oder geht der Umsatz aufgrund einer Schwemme von billigen Kopien zurück, lässt sich der Schaden oftmals kaum beziffern

Herr Bartels, vielen Dank für das Gespräch.

Quellle:  Handelsblatt Online
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