Professor Tacheles: Vier Präsidenten - zweierlei Maß

Professor Tacheles: Vier Präsidenten - zweierlei Maß

, aktualisiert 14. Januar 2017, 08:37 Uhr
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Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

von Michael WolffsohnQuelle:Handelsblatt Online

Ein großer Teil der Öffentlichkeit misst Donald Trump, die beiden Bushs und Obama mit zweierlei Maß - aus nachvollziehbaren Gründen. Das ist menschlich. Aber man sollte sich dessen bewusst sein. Ein Gastbeitrag.

„Vergesslich ist hässlich“ – aber menschlich. Vergesslichkeit ist eine Sache. Sie ist verständlich und verzeihlich. Mangelnde Werte-Verlässlichkeit ist eine andere Sache, über die man vielleicht hinwegsehen kann. Aber man sollte sich ihrer wenigstens bewusst sein und sich dabei nicht zum Moralapostel aufschwingen.

Konkret: Aus durchaus nachvollziehbaren politischen, ideologischen und persönlichen Gründen misst ein großer Teil der amerikanischen, deutschen sowie der weltweiten Politik und Öffentlichkeit Donald Trump, die beiden Bushs und Obama mit zweierlei Maß. Die jeweilige Bewertung der vier Männer erfolgt à la carte. Beim gleichen Sachverhalt gilt nicht der gleiche Maßstab.

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Noch konkreter: „Blut für Öl“ riefen 1991 deutschland- und weltweit Menschenmassen, als US-Präsident George H.W. Bush den ersten US-geführten Krieg gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein führte. Bush-Vater hatte diesen Krieg nicht in erster Linie wegen des Öls begonnen. Nicht nur die US-, sondern auch viele andere Nachrichtendienste hatten, wie sich später herausstellte, richtig herausgefunden, dass Saddam über Massenvernichtungswaffen verfügte.

Bush-Vater verließ sich auf die Geheimdienstinformationen und zog aus ihnen die ihm richtig scheinenden Schlüsse. Doch deutschland- und weltweit wurde die Richtigkeit dieser Informationen bestritten. Man könne sich eben auf Geheimdienstinformationen nicht verlassen.

Bush-Sohn griff im Jahre 2003 Saddams Irak aus dem gleichen Grund an. Nicht nur seine Dienste, eigentlich alle wichtigen, auch der BND (der davon später nichts mehr wissen wollte, was eine glatte Lüge war) hatten seiner Administration mitgeteilt: Der Diktator verfüge erneut über Massenvernichtungswaffen. Der Irak wurde und Führung der USA angegriffen, besiegt, Saddam entmachtet und dann erhängt.

Die Massenvernichtungswaffen wurden jedoch bis heute nicht gefunden. Kein Wunder, sagten deutschland- und weltweit die Bush-Sohn-Kritiker. Auf Geheimdienstinformationen könne man sich eben nicht verlassen.

Russlands Präsident führt gegen die USA einen Cyberkrieg. Das sagen die US-Geheimdienste ihrem amtierenden Präsidenten, Barack Obama. Aus den Informationen seiner Geheimdienste zieht Obama die ihm richtig scheinenden politischen und diplomatischen, nicht militärischen Schlussfolgerungen. Dass die Auswertung der US-Dienste zutreffe wird deutschland- und fast weltweit nicht bezweifelt.

Donald Trump, der gewählte Präsident, dem, zurecht oder nicht, deutschland- und weltweit fast nur Verachtung entgegenschlägt, macht nun genau das, was deutschland- und weltweit beinahe unisono von Bush-Vater und –Sohn verlangt worden war: Er bezweifelte (zunächst!) die Geheimdienstinformationen und zog aus ihnen die ihm richtig und wichtig scheinenden Schlussfolgerungen.

Mir geht es nicht um pro oder contra Trump. Darum geht es: Wer für sich die Richtigkeit seiner analytischen und moralischen Maßstäbe in Anspruch nimmt, kann nicht mit zweierlei Maß messen.

„Zivilcourage, Wie der Staat seine Bürger im Stich lässt“, heißt das neueste, brandaktuelle Buch des Historikers und Publizisten Prof. Dr. Michael Wolffsohn

Quelle:  Handelsblatt Online
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