Projekt überführt die Brexit-Schwindler: Die Lügendetektoren

Projekt überführt die Brexit-Schwindler: Die Lügendetektoren

, aktualisiert 22. Juni 2016, 20:49 Uhr
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Boris Johnson führt die Lügen-Liste des Infacts-Projektes an.

von Anna GautoQuelle:Handelsblatt Online

Die britische Brexit-Debatte ist voller Mythen, Halbwahrheiten und Lügen. Eine journalistische Organisation hat sich zur Aufgabe gemacht, die Wahrheit aufzuspüren. Ein Porträt der Faktenjäger.

LondonIn einem kleinen Büro in der Londoner City führt der ehemalige Financial Times-Journalist Hugo Dixon sein Team durch die Morgenkonferenz. Sechs junge Menschen sitzen vor Laptops auf denen „I’m In“-Sticker kleben. Eine Mitarbeiterin beschreibt, was britische Medien kurz vor dem EU-Referendum titeln, welche Nachrichten und Kommentare die Abstimmung begleiten.

Die eurokritische Tageszeitung „The Telegraph“ etwa schreibt in einem Leitartikel, die EU-Befürworter versetzten die Nation in Angst, um sie für ihre Sache zu gewinnen. Ein Vorwurf, den die Brexitfreunde Premier David Cameron und seinem Remain-Lager besonders gern und häufig machen. Die Morgenrunde beschließt zu überprüfen, ob der Vorwurf einer genauen Prüfung standhält. Noch am selben Tag veröffentlicht Infacts, so nennt sich das journalistische Projekt von Gründer Hugo Dixon, dazu einen Artikel.

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Er vergleicht die sieben wichtigsten „Angst-Argumente“ beider Lager, das Ergebnis: Während „Remain“ bisweilen übertreibe, deren Aussagen aber der Wahrheit entsprächen, bestehe keine einzige der Angst-Thesen von „Leave“ den Wahrheitscheck. Fakten aus einer Kakophonie von Mythen, Gerüchten, Halbwahrheiten und Lügen herauszufiltern, diesem Ziel hat sich Infacts verschrieben.

In Online-Artikeln, Blogeinträgen und Videos testen sie die Behauptungen einer hoch emotionalen Debatte auf ihre Substanz. Dabei verfolgen die Infacts-Journalisten eine klare Haltung: „Wir wollen in der EU-bleiben, aber auf Basis von Fakten“, sagt Dixon, der auch schon die heutige Reuters-Marke „Breaking Views“ gegründet hat. „Wir wollen die Debatte von Verdrehungen befreien“. Obwohl sich Infacts vor allem auf das Leave-Lager konzentriert, kritisieren sie auch die EU-Befürworter, wenn die von der Wahrheit abweichen. Wem die Journalisten Fehler nachweisen können, den stoßen sie in den „Sin-Bin“, den Sünden-Eimer.

In dieser Online-Rubrik führt der ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson derzeit knapp vor dem Ukip-Vorsitzenden Nigel Farage. „Wir sind sehr vorsichtig, eine Aussage als Lüge zu bezeichnen“, sagt Dixon, seine braunen Lederschuhe balancieren auf einem Mülleimer. „Was wir aber als besonders dreiste Lüge werten, sind die 350 Millionen Pfund, die Großbritannien angeblich jede Woche nach Brüssel überweist“, sagt Dixon.

Unparteiische Institutionen wie die Nationale Statistikbehörde hätten die Zahl längst widerlegt. Dennoch nutze Leave sie, um weiter Stimmung gegen die EU zu machen. Die Zahl steht auf Wahlkampfplakaten, Flugblättern und dem Brexit-Battle-Bus mit dem Boris Johnson über die Insel tourte. Noch schlimmer findet Dixon die Behauptung des Leave-Lagers, die Türkei würde im Jahr 2020 der EU beitreten. „Das ist nicht nur unwahr, das hat auch mehr Schaden als die 350-Millionen-Pfund-Lüge angerichtet“. Die Türkei-Prognose suggeriere, dass 80 Millionen Türken nach Großbritannien kommen werden. „Sie ist infam und wirkt wie pures Gift“, sagt Dixon. Denn abseits davon, dass nur wenig für einen EU-Beitritt der Türkei spricht, müssten alle EU-Staaten zustimmen. Mit seinem Nein könnte Großbritannien, wie jedes andere EU-Land, einen türkischen Beitritt verhindern.


Fehler auf beiden Seiten

Auch die Remain-Seite mache Fehler, sagt Dixon. Dafür hat haben sie die Online-Rubrik „In‘s-Sins“ auf der Seite. Darin kritisieren die Faktenchecker etwa Zahlen der britischen Regierung, die Großbritanniens Abhängigkeit von der EU belegen sollen. Demnach machten die Exporte des Königreichs in die EU 44 Prozent aus, während die EU umgekehrt nur acht Prozent ihrer Güter ins Königreich exportiere. Infacts aber hat herausgefunden, dass sich der Anteil britischer Exporte auf 14,6 Prozent beläuft.

Beide Seiten lagen schon daneben, allerdings seien die acht Fehltritte, die Insights bei den EU-Befürwortern gefunden hat, nicht so gravierend und zahlreich. Auf insgesamt 60 Mythen, die Infacts widerlegen konnte, schafft es das Leave-Lager.

Seit Infacts im Januar gestartet wurde, ist das Startup, das sich über Spenden finanziert, flott gewachsen. 120.000 Abrufe hat die Seite inzwischen am Tag, auf Facebook hat Infacts knapp 66.000 Likes, ein aktuelles Video, das die Briten aufruft, Europa zu führen, statt zu verlassen, wurde bislang über 190.000 Mal aufgerufen. Infacts weist nicht nur Politikern Unwahrheiten nach – es zwingt auch die eigenen Kollegen, ihre journalistische Sorgfaltspflicht einzuhalten. Damit haben die Wahrheitschecker gut zu tun.

Jack Schickler, vormals Redenschreiber der ehemaligen EU-Kommissarin Neelie Kroes, hält eine Ausgabe der britischen Tageszeitung Daily Mail in den Händen. Auf der Titelseite ist ein großes Foto mit Menschen zu sehen, die im Laderaum eines Lastwagens auf Schachteln sitzen. In riesigen Versalien steht daneben: „We’re from Europe – let us in.“ Im Artikel unter dem Bild steht: Die blinden Passgiere hätten bei ihrer Festsetzung angegeben, aus Europa zu kommen. Und: dass wegen der Freizügigkeit 500 Millionen EU-Bürger freien Zugang nach Großbritannien genossen.

„EU-Bürger würden sicher nicht versteckt in einem Lastwagen einreisen“, sagt Schickler. Die Aufmachung suggeriere das aber oder zumindest, dass die EU Flüchtlinge einfach nach Großbritannien durchwinke. Als Jack Schickler recherchiert, woher das Foto stammt, stößt er auf ein Video. Darin sagten die Flüchtlinge laut und deutlich zu Offiziellen, sie kämen aus dem Irak und aus Kuwait, so Schickler „Europa“ werde mit keinem Wort erwähnt.

Schickler konfrontiert Daily Mail mit seiner Recherche. Man habe sich auf Agenturmaterial verlassen, lautet die Antwort. Der Schaden ist da schon passiert, aber immerhin bringt die Zeitung tags darauf eine winzige Richtigstellung. Was von dem Projekt nach dem Referendum bleibt, weiß Dixon nicht. Jetzt konzentriert er sich mit seinem Kollegen mit voller Kraft auf das Votum. Dass es zu einem Brexit komme, kann sich Dixon nicht vorstellen – einfach weil er alles dafür getan hat, das zu vermeiden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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