Protest gegen Rassismus: Ein Footballstar spaltet die USA

Protest gegen Rassismus: Ein Footballstar spaltet die USA

, aktualisiert 30. September 2016, 19:34 Uhr
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Der Footballspieler leistet stillen Protest gegen Rassismus in den USA.

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Ein schwarzer Footballstar bleibt sitzen, wenn die US-Nationalhymne erklingt – als Protest gegen Rassismus. Dafür erntet er Respekt, aber auch großen Hass. Warum die Geste des Afroamerikaners die USA aufwühlt.

San FranciscoDie einen wünschen ihm den Tod. Die anderen sehen ihn als den neuen Helden der USA, vielleicht sogar den nächsten farbigen Präsidenten: Der American-Football-Star Colin Kaepernick. Der 28-Jährige ist seit wenigen Wochen Hassobjekt Nummer eins in den USA. Am 3. Oktober wird er, niederkniend und in voller Football-Montur, die Titelseite des Times Magazin schmücken.

Der Spieler der San Francisco 49ers war beim obligatorischen Absingen der Nationalhymne vor dem Spiel einfach sitzen geblieben. Kaepernick sagte später, er könne nicht beim Singen der Nationalhymne stehen, wenn Schwarze grundlos erschossen und diskriminiert würden. Erst wenn die US-Fahne für alle Amerikaner stünde, könne er sie stehend ehren, die Hand auf dem Herzen.

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Kapernick verband auf diese Weise die Rassismus-Debatte mit Patriotismus – und traf damit eine tief gespaltene Gesellschaft an einer ihrer empfindlichsten Stellen.

Zunächst schien Kaepernicks stiller Protest nur ein „flash in the pan” zu sein. So nennt man in den USA unwichtigen Firlefanz, der hochgejubelt wird, aber am nächsten Tag schon vergessen ist – zum Beispiel, wenn das US-Promisternchen Kim Kardashian twittert.

Doch Kaepernick fand bald Nachahmer. Zunächst kniete ein Teammitglied aus Sympathie mit ihm. Später schlossen sich immer mehr Sportler aus anderen Teams diesem Protest an – statt sitzend wurde jetzt kniend gelauscht, die Lippen geschlossen. Eine High-School-Band im kalifornischen Oakland spielte die Hymne kniend.

Es entstand eine landesweite Bewegung , die fast täglich zur besten Sendezeit auf Millionen TV-Schirmen auf den Rassismus in den USA aufmerksam macht. Und dies in Form eines stillen Protests – und nicht über hässliche Bilder gewalttätiger Krawalle und brennender Vorstädte nach der Tötung unbewaffneter Afroamerikaner. Schon früher, bei Olympischen Spielen, hatten farbige Athleten auf dem Treppchen mal zur Hymne die Faust der Black Panther geballt. Doch die Welt hatte sich trotzdem weitergedreht.

Doch dieses Mal ist die Empörung groß. Football-Fans sind schockiert von Kaepernicks Verhalten. Indem er sitzenblieb, habe er öffentlich die Nationalhymne missachtet – und damit auch die Fahne und die Nation. Das ist die Meinung der echten – überwiegend weißen – patriotischen Fans der amerikanischsten aller amerikanischen Sportarten.

Dabei blicken viele Football-Fans auf den Rängen gelangweilt auf ihr Smartphone, kippen vor dem Fernseher auf dem Sofa rülpsend noch ein Bier nach oder plaudern, wenn die Hymne gesungen wird.

Fans kauften sich ein 100 Dollar teures Kaepernick-T-Shirt, um es auf Youtube demonstrativ vor dem Hintergrund einer US-Fahne zu verbrennen. Andere zweifelten Kaepernicks Patriotismus an und erklärten, mit seiner Aktion beleidigte er alle US-Veteranen.

Der mächtige Football-Verband NFL stellte sich dagegen vorbehaltlos hinter seine Spieler und ihr Recht, Missstände ansprechen zu dürfen. Und selbst viele Kriegsveteranen meldeten sich zu Wort: Sie seien genau für dieses Recht des stillen, freien Protests in den Krieg gezogen und nicht für das Recht einiger, anderen befehlen zu dürfen, ob sie stehen oder sitzen müssen.


Was droht beim Super Bowl?

Um die vernichtende Wucht von Kaepernicks kleinen Geste zu verstehen, muss man sich eine Gesellschaft vergegenwärtigen, die längst nur noch von Flagge und Hymne zusammengehalten wird. Wird sie gespielt, verschwinden für einen Augenblick alle Rassen- und Klassenunterschiede. Vergessen sind alle Spannungen, wie groß sie auch seien.

Der arbeitslose Schwarze aus dem Ghetto und der Hedgefonds-Manager aus Manhattan stehen, zumindest im Geiste, unter der Flagge Hand in Hand vereint, um im Ernstfall gemeinsam und unterschiedslos in den Krieg ziehen. In den Hollywood-Filmen ist das Stehen unter der Flagge die Stelle, wenn die Streicher einsetzen. Das ist das Schmiermittel, mit dem alles in Bewegung gehalten wird.

Colin Kaepernick hätte in den Augen der konservativ-rechten Patrioten dieses letzte Tabu nicht brechen dürfen. Mike Ditka, ehemaliger Football-Trainer und Donald-Trump-Unterstützer, erklärte schlicht, wer die Flagge der USA nicht ehre, solle „machen, dass er rauskommt“. Das bedeutet soviel wie: „Dann mach doch rüber.“ Die Fronten in der Rassismus-Debatte verhärten sich zusehends, die Positionen werden extremer.

Den Vogel schoss ein weißer Pastor einer Baptistenkirche in Alabama – dem Bundesstaat mit der schlimmsten Sklavengeschichte – ab. Wer die Hymne nicht stehend mitsingen wolle, könne schon mal hinten an der Wand Aufstellung nehmen, sagte der Pastor vor einem Football-Spiel einer lokalen Highschool, deren Stadionsprecher er ist. Die Soldaten, die sonst die Schüsse für sie auffängen, könnten dann ein paar Schüsse auf sie abfeuern. Die Zuschauer johlten.

Zunächst stimmte ihm auch seine Gemeinde zu. Erst als die Gewaltphantasien dank Twitter die Grenzen der trostlosen Kleinstadt McKenzie verließen und ein Sturm des Entsetzens über die Kirche hereinbrach, wurden alle Tweets schnell gelöscht. Pastor Allen Joiner verkündet jetzt, er sei „völlig missverstanden“ worden. Die Schulbehörde distanzierte sich von ihm.

Auch das ist Amerika: Ein schwarzer Sportler protestiert gegen fundamentale Missstände im Land – und wird im Internet gemobbt, bekommt sogar Todesdrohungen. Gleichzeitig hat ein weißer Milliardär gute Chancen, nächster US-Präsident zu werden; ein Mann, der erklärt, dass das Land restlos am Ende, verschuldet, der Gewalt verfallen und fundamental ungerecht sei.

Die Hautfarbe macht vor US-Gerichten einen großen Unterschied. Als ein weißer, wohlhabender Elite-Student eine bewusstlose Frau hinter einem Müllcontainer vergewaltigte, bekam er eine sechsmonatige Haftstrafe. Sein Vater schrieb sogar noch dem Gericht, das sei ein „heftiger Preis für 20 Minuten Action“ und man dürfe seinem Sohn deswegen doch nicht das Leben zerstören. Das Urteil löste einen landesweiten Aufschrei aus, aber das war es auch.

Als Cory Batey, schwarzer Ex-Footballer der Vanderbuilt-Universität, sich an einer bewusstlosen Frau verging, bekam er eine 15-jährige Haftstrafe. Colin Kaepernick will nicht sechs Monate für alle, sondern 15 Jahre.

Wie weit wird die von Kaepernick ausgelöste Protestwelle noch gehen? Roger Goodell, Chef des Football-Verbands NFL, plagen schon Albträume. Und diese haben mit dem amerikanischen Super-Sportspektakel Super Bowl zu tun, das am 5. Februar 2017 sein wird. Goodells Ängste: Ein Präsident Donald Trump regiert dann die USA. Wenn vor dem Football-Spiel die Hymne erklingt, knien ein Dutzend Spieler und streckt die Sängerin die rechte Faust in die Luft. Derweil dröhnen im Himmel F16-Kampfflugzeuge der Luftwaffe. Zehntausende Fans verfolgen im Stadion das Geschehen – und über den Fernseher 120 Millionen Amerikaner.

Quelle:  Handelsblatt Online
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