Proteste gegen Fahrdienst: Uber spaltet die Schwellenländer

Proteste gegen Fahrdienst: Uber spaltet die Schwellenländer

, aktualisiert 25. März 2016, 18:32 Uhr
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„Warum lassen wir zwei Unternehmen unser gesamtes Transportsystem ruinieren, das über Jahrzehnte funktioniert hat?“

von Frederic SpohrQuelle:Handelsblatt Online

Uber und kein Ausweg: Wegen moderner App-Angebote fürchten hunderttausende Taxifahrer in ärmeren Ländern um ihre Existenz. Uber-Fahrer werden aus ihren Autos gerissen und verprügelt. Die Regierungen scheinen überfordert.

BangkokDer digitale Fahrdienstleister Uber reagiert schnell: Nährt euch bloß nicht dem Stadtzentrum von Jakarta, warnte das Unternehmen seine Fahrer. Auch Wettbewerber Grab forderte seine Chauffeure auf, unbedingt die grünen Jacken auszuziehen, um nicht erkannt zu werden. Der Grund für die Vorsicht: Im Herzen der indonesischen Hauptstadt machten Taxifahrer Jagd auf die ungeliebten Konkurrenten.

Über soziale Medien und TV-Sender verbreiteten sich Szenen wie kurz vor einem Bürgerkrieg: Männer wurden aus ihren Autos gerissen und verprügelt, brennende Autoreifen blockierten Straßen der Metropole. Schließlich rückten rund 7000 Sicherheitskräfte an, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen.

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Die Wut, die sich am Dienstag entlud, hatte sich über Monate aufgestaut. Nicht nur in den Industriestaaten stoßen der digitale Fahrdienstleister und seine Nachahmer auf erbitterten Widerstand der etablierten Taxifahrer. Auch in Indonesien fürchten viele Taxifahrer um ihr Geschäft – und sie haben deutlich mehr Grund zur Sorge, als ihre Kollegen in den reichen Industriestaaten. Ihnen droht der Rückfall in bittere Armut.

In Schwellen- und Entwicklungsländern ist Taxifahrer einer der typischen Jobs für Arbeiter, die vom Land in die Stadt ziehen. Ihr Lohn liegt oft nur geringfügig über dem Existenzminimum, viele schicken das Geld zurück zu den Familien in ihren Heimatdörfern. Durch die digitale Konkurrenz sinken ihre Einkommen jetzt rapide: In Indonesien beklagten einige, sie würden seit dem Markteintritt rund 60 Prozent weniger verdienen. Gegenüber lokalen Medien sagten sie, sie würden nur noch rund 5 Dollar pro Tag einnehmen.

„Warum lassen wir zwei Unternehmen unser gesamtes Transportsystem ruinieren, das über Jahrzehnte funktioniert hat?“, sagte der Sprecher einer indonesischen Taxifahrer-Organisationen. „Sie zahlen keine Steuern und haben keine Taxameter. Wir werden einfach zur Seite geschoben.“ Oft müssen die Taxifahrer auch Gebühren an Taxi-Unternehmen abführen oder ihre Autos häufiger kontrollieren lassen. In manchen Staaten müssen sie erst eine teure Lizenz erwerben.

Die App-Angebote, die für die Kunden sowohl komfortabler und häufig auch günstiger sind, sorgen so für extreme Spannungen. Nicht nur in Indonesien kam es zu Gewalt: Auch in Kenia wurden Uber-Fahrer in diesem Monat angegriffen, berichtet der amerikanische Radiosender „Voice of America“. In der kolumbianischen Hauptstadt Bogota wurden bei Demonstrationen gegen Uber vier Polizisten verletzt.

Bald könnten Auseinandersetzungen in Tansania, Ghana und Uganda folgen – dorthin will Uber noch dieses Jahr expandieren.


„Dann haben wir erst recht Chaos“

Der Uber-Chef für das subsaharische Afrika, Alon Lits, kündigte bereits an, man werde versuchen, die Taxi-Unternehmen stärker einzubeziehen als bei früheren Markteintritten.

Angesichts fehlender Bahnen und Metros sind die Taxifahrer in Asien und Afrika häufig das Rückgrat des städtischen öffentlichen Nahverkehrs – und die Markeintritte von Uber und seinen Konkurrenten ein entsprechendes Politikum. In Indonesien sieht sich auch der indonesische Präsident Joko Widodo gezwungen, sich in den Konflikt einzuschalten. Am Tag nach den Krawallen versprach er, eine „faire Lösung“ für alle Beteiligten.

Doch die Regierung scheint uneins, wie diese fairen Regeln aussehen sollen: Während das IT-Ministerium hinter Uber steht, unterstützt das Verkehrsministerium die traditionellen Taxi-Unternehmen. Auch anderthalb Jahre nach dem Markteintritt von Uber existiert noch kein Gesetz, dass das moderne Taxi-Business regelt.

Uber wartet in der Regel nicht, bis es einen Rechtsrahmen für sein Geschäftsmodell gibt, sondern prescht einfach vor – oft mit aggressiven Rabatt-Angeboten. Selbst an Verbote hält sich Uber nicht immer, sondern lässt Fahrer zunächst einfach weiterfahren oder passt die Regeln leicht an, sodass es in einem rechtlichen Graubereich operiert. In darauffolgenden Verhandlungen hat das Unternehmen dann oft schon den Rückhalt der Bevölkerung. Für sie bedeuten die Angebote der Fahrdienst-Apps zumindest ein bisschen Erleichterung vom Verkehrswahnsinn in den Megacitys.

Entsprechend selbstbewusst tritt Uber gegenüber den Behörden auf, zum Beispiel zuletzt in Indien. „Wir bitten die Regierung des Bundesstaates Karnataka ihr Versprechen zu bestätigen, schnell moderne Regeln zu schaffen, die auf den Wünschen der Kunden basieren, Innovationen fördern und die Verkehrssituation der Stadt verbessern“, teilte Uber im März mit. Zuvor hatten die Behörden den Motorrad-Service der App in Bangalore für gesetzeswidrig erklärt.

Auch in Indonesien haben sich Uber und Grab bereits eine gewisse Machtposition erarbeitet, wie Aussagen der Regierung zeigen. „Wenn wir den Betrieb jetzt verbieten, werden wir viele neue Arbeitslose haben“, sagt Innenminister Luhut Panjaitan. „Dann haben wir erst recht Chaos.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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