Pseudonym Tyler Durden: Autoren des Finanzblogs „Zerohedge“ enttarnt

Pseudonym Tyler Durden: Autoren des Finanzblogs „Zerohedge“ enttarnt

, aktualisiert 29. April 2016, 15:46 Uhr
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Umstrittenes, aber viel gelesenecs Finanzportal.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Mit spitzen, zuweilen zynischen und oft unterhaltenden Analysen hat das Wall-Street-Blog Zerohedge eine große Fangemeinde erschlossen. Die Autoren blieben anonym – doch jetzt hat ein heftiger Krach das geändert.

New YorkOb sie auch so gut aussehen wie Brad Pitt? Der spielte 1999 im Filmklassiker „Fight Club“ den athletischen Underdog Tyler Durden, der den Kampf mit dem Establishment aufnimmt und das korrupte System in die Knie zwingt.

Genau mit dieser Attitüde bombardiert der Blog „Zerohedge“ seit sieben Jahren seine Leser. Er fasziniert mit komplizierten Analysen, taucht ab in die Tiefen der Kapitalmärkte mit ihren Verästelungen. Ab und zu twittert er auch nur eine interessante Grafik. Vor kurzem etwa präsentierte er eine Kurve, die den Anstieg der Mieten in den USA zeigt. Das soll ein Beleg dafür sein, dass die wahre Inflation höher ist, als die Statistik zeigt.

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Wer eine zusammenhängende gedankliche Linie bei den Beiträgen sucht, ist freilich schnell irritiert. Serviert wird, was dem Publikum schmecken könnte, scheint das Rezept zu sein – was freilich für viele Medien gilt. Auch das Prinzip Angst ist Teil des Konzepts, so wird bei „Zerohedge“ viel und dramatisch vor künftigen Katastrophen gewarnt.

„ZARpocalypse now?“, heißt ein Eintrag über einen angeblich anstehenden „Summer of Shocks“ vom Freitag. Das ZAR steht für den südafrikanischen Rand, dessen Kurs zum Yen angeblich ein Krisenbarometer ist.

„Zerohedge“ hat sich schnell zu dieser Art von „Geheimtipp“ entwickelt, an denen gar nicht so viel geheim ist. Außer – bis vor kurzem – die Identität des Blog-Autors, der sich hinter dem Pseudonym Tyler Durden verbirgt.

Die Antwort: Es sind gleich drei Autoren. Einer davon hat das Trio aber gerade im Streit verlassen und gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg geplaudert.

Der starke Mann im Hintergrund heißt Daniel Iwandjiski. Er ist 37 Jahre alt, stammt aus Bulgarien, arbeitete früher bei einem Hedgefonds und wurde 2008 wegen Insiderhandel gesperrt. Es handelt sich also um einen echten Wall-Street-Insider. Und angeblich hat er immer noch eine Menge Geld. Dass Iwandjiski hinter Zerohedge steckt, wurde früher schon vermutet, war nie aber ganz klar. Jetzt hat er es auf Anfrage von Bloomberg bestätigt.


„Kämpfer gegen das Establishment“

Die zweite wichtige Figur heißt Tim Backshall. Er ist 45 Jahre alt und Analyst von Kreditderivaten, also Produkten aus dem heißesten Topf der Wall-Street-Alchemie. Er ist sehr bekannt, weil er häufig als Experte in den Medien auftaucht, außerdem twittert er als „Credittrader“. Weithin bekannt war bisher aber noch nicht seine Verbindung zu Zerohedge.

Der dritte Mann ist der Abtrünnige, der das Geheimnis jetzt gelüftet hat. Er heißt Colin Lokey und ist erst 32 Jahre alt. Früher arbeitete er für die bekannte Website „Seeking Alpha“. Iwandjiski ist sauer über seinen Verrat, wünscht ihm aber trotzdem alles Gute. Backshall schweigt. „Tyler“ wirft Lokey in einem Blog-Eintrag aber vor, er sei ein psychisch instabiler Alkoholiker mit einer Vergangenheit als Drogenhändler, was letztlich zu seinem Abgang geführt habe.

Lokey heuerte im vergangenen Jahr bei dem Blog an – für 6.000 Dollar Monatsgehalt und einen Jahresbonus von 50.000 Dollar. Jetzt wirft er seinem ehemaligen Arbeitgeber vor, dort gehe es nur um Klicks und Geld. Er sei als Autor politischer Stücke gezwungen worden, besonders reißerische Thesen zu vertreten.

Iwandjiski räumte gegenüber Bloomberg ein, die Webseite sei profitabel. Lokey habe aber frei arbeiten können. Er fügte hinzu: „Natürlich ist es die Aufgabe jedes Verlegers, Einnahmen zu maximieren.“ Lokey wiederum wirft dem Blog Heuchelei vor: Er gebärde sich als Kämpfer gegen das Establishment, sei aber Teil desselben und verfolge auch dessen Ziele.

Damit ist Zerohedge so amerikanisch, wie es amerikanischer gar nicht mehr geht. Denn auch der US-Wahlkampf zeigt: Wer immer kann, versucht sich als Kämpfer gegen das Establishment zu profilieren, auch wenn er bis über beide Ohren in dessen Geld schwimmt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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