Psychiater zum Fall Jo Cox: „Politiker bedenken nicht, was sie bei labilen Menschen auslösen"

Psychiater zum Fall Jo Cox: „Politiker bedenken nicht, was sie bei labilen Menschen auslösen"

, aktualisiert 20. Juni 2016, 15:35 Uhr
Bild vergrößern

Gedenken an die Labour-Abgeordnete Jo Cox im nordenglischen Birstall, wo die Brexit-Gegnerin am vergangenen Donnerstag ermordet wurde.

von Jakob BlumeQuelle:Handelsblatt Online

Der Mörder der britischen Abgeordneten Jo Cox soll psychisch verwirrt sein. Im Interview spricht der Psychiater Jürgen Müller über die Hintergründe solcher Taten – und welche Verantwortung politische Scharfmacher haben.

BerlinHerr Müller, was bringt einen Menschen dazu, mit Messer und Pistole auf eine Politikerin loszugehen?
Es gab in der Vergangenheit häufiger Attentate auf Politiker. Viele, aber nicht alle, waren tatsächlich politisch motiviert. In anderen Fällen waren geisteskranke oder wahnhafte Vorstellungen Auslöser für die Tat. Beide Motive muss man deutlich auseinander halten.

Kurz nach dem Mord hat der Bruder des Verdächtigen gesagt, der Mann habe psychische Probleme. Eine Schutzbehauptung?
Der Begriff „psychische Probleme“ ist recht unspezifisch. Es kann natürlich sein, dass sich der Mann in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung war oder noch ist – seine Tat erklärt das noch lange nicht. Aus der Ferne kann ich nicht beurteilen, ob der Mörder von Jo Cox im Wahn gehandelt hat. Vielleicht hat er sich einfach radikalisiert.

Anzeige

Was geht im Kopf von psychisch kranken Attentätern vor?
Diese Menschen handeln auf dem Boden eines psychotischen, wahnhaften Systems. Dabei haben  Ängste eine große Bedeutung. Diese Ängste können eine reale Basis haben. So kann es die Verunsicherung über gesellschaftliche Veränderungen sein; die Sorge davor, abgehängt zu werden und in der Politik nicht mehr repräsentiert zu werden. Manche fühlen sich sogar bedroht. Solch ein wahnhaftes System kann sich aus aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Debatten nähren. In der Öffentlichkeit exponierte Akteure wie Politiker können darin einbezogen werden. Schließlich fühlen sich diese psychisch kranken Menschen so stark herausgefordert, dass sie sich gezwungen sehen, aktiv zu werden.

Gibt es üblicherweise einen Schlüsselmoment, der die Tat konkret auslöst?
Bei radikalisierten, psychisch nicht schwer gestörten Tätern sind sicher anstehende politische Entscheidungen und symbolkräftige Zusammenhänge relevant. Bei psychisch gestörten Tätern sind Erlebnisse im persönlichen Umfeld oder Verschlechterungen der zugrundeliegenden Erkrankung häufig entscheidender.

Denken Sie, dass Politiker, die Debatten zuspitzen, auch einen Teil der Verantwortung tragen?
Ja, das denke ich schon. Aggressive Rhetorik kann dazu beitragen, dass sich verletzliche Personen sehr verunsichert fühlen oder sich auch ins Recht gesetzt sehen und sich radikalisieren. Ich denke jedoch, dass die wenigsten Politiker bei ihrer Wortwahl bedenken, was sie damit bei psychisch labilen Menschen auslösen können.

Für die Attentaten auf Jo Cox und Henriette Reker waren, wütende, ältere Männer verantwortlich. Sind manche Bevölkerungsgruppen anfälliger für Radikalisierung?
Einen speziellen Typ Mensch, der sich häufiger radikalisiert als andere, gibt es nicht. Da spielen viele Faktoren eine Rolle: Bestimmte Lebenserfahrungen, Orientierung zu schwierigen gesellschaftlichen Milieus, vereinfachte Denkstrukturen und eine gewisse Autoritätsgläubigkeit. Davon sind psychische Krankheiten deutlich abzugrenzen.

Hat die Zahl psychisch Kranker, die gewalttätig werden, zugenommen?
Der Anteil der Menschen mit psychischen Krankheiten in der Bevölkerung ist stabil und liegt bei der Schizophrenie stabil bei einem Prozent. Das ist die Häufigkeit, mit der diese Krankheit auftritt. Sie ist weltweit auch nicht angestiegen. Und natürlich begehen nur die wenigsten psychisch Kranken eine Straftat. Ein möglicher, gefühlter Anstieg der Fallzahlen ist eher auf die öffentliche Aufmerksamkeit zurückzuführen, die Anschläge auf Politiker erfahren. Wenn jemand ein Wahnsystem im familiären Bereich aufbaut und schließlich seine Frau umbringt, fällt die Medienberichterstattung eben deutlich kleiner aus und weckt keine politischen Assoziationen

Wie stellen Sie fest, ob Sie es mit einem psychisch kranken Täter oder eher mit einen radikalisierten Fanatiker vor sich haben?
Dazu muss ich zunächst die Akte des Menschen studieren und nach psychischen Auffälligkeiten und anderen möglichen Vorzeichen einer psychischen Störung untersuchen. Auch ein ausführliches Gespräch mit dem Täter gehört dazu. Schließlich muss ich prüfen, ob eine Diagnose zu stellen ist und entscheiden, ob zwischen der psychischen Erkrankung und der Tat ein Zusammenhang besteht. Daraus lässt sich dann auch eine mögliche Schuldunfähigkeit ableiten. Ich kann als Gutachter allerdings nur Empfehlungen abgegeben. Die Entscheidung, ob ein Täter schuldunfähig ist, oder in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden muss, liegt beim Gericht.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%