Quartalsbilanz an den Börsen: „Es besteht das Risiko eines Zinsschocks“

Quartalsbilanz an den Börsen: „Es besteht das Risiko eines Zinsschocks“

, aktualisiert 04. April 2016, 12:49 Uhr
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Die Erholung könnte weiter gehen.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Der Jahresauftakt war völlig verpfuscht, doch die Quartalsbilanz ist längst nicht so duster wie befürchtet. Christian Müller-Glissmann, Anlagestratege von Goldman Sachs, über Chancen und Risiken in den kommenden Monaten.

Selbst Profis wurden vom Absturz zum Jahresbeginn eiskalt erwischt. Selbst wer wie Christian Müller-Glissmann, Anlagestratege von Goldman Sachs Asset Management, mit begrenztem Aufwärtspotenzial und höheren Schwankungen gerechnet hat, wurde überrascht.

Müller-Glissmann , haben Sie mit einem solch turbulenten Jahresauftakt gerechnet?
In unserem Jahresausblick 2016 hatten wir im vergangenen Dezember auf begrenztes Renditepotential für globale Aktien hingewiesen – bei höhrerer Volatilität. Wir nannten dies einen ‚fat and flat‘-Markt.

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Das müssen Sie erklären.
Aktienbewertungen sind seit letztem Jahr unserer Meining nach zu teuer. Daher haben sie weniger Puffer für Schocks, insbesondere wenn es nicht genug Wachstum gibt, um die Bewertungen wieder zu normalisieren. Als wichtigste Risiken hatten wir China und Ölpreise gesehen.

Damit lagen Sie sehr richtig…
Allerdings waren auch wir überrascht, wie schnell sich diese Risiken zu Beginn des Jahres realisiert hatten und wie stark Aktienmärkte anschließend unter Druck kamen.

Wie geht es weiter? Welche Gefahren lauern?
Wir denken, dass die momentane Erholung primär durch eine Kombination von mehr China-Optimismus und der Fed getrieben wurde, die auf schwächeres US-Wachstum seit Beginn das Jahres und mehr globale Risiken reagiert hat. Letzteres hat zu einem schwächeren Dollar geführt, was den Druck auf Öl und Schwellenländer reduziert hat. Das US Wachstum dürfte sich allerdings im zweiten Quartal weiter erholen – seit März haben die Makrodaten aus den USA eher positiv überrascht. Das könnte mehr Inflation treiben – bereits jetzt ist die US-Kerninflation über zwei Prozent. Damit würde auch der Druck auf die Fed wieder steigen, doch die Zinsen weiter anzuheben.

Das hätte auch Auswirkungen auf die Märkte…
Mit den momentan niedrigen Zinsniveaus an den Anleihemärkten besteht das Risiko eines Zinsschocks im zweiten Halbjahr. Darüber hinaus ist die Erholung des Ölpreises unserer Meinung nach verfrüht – die fundamentale Situation hat sich noch nicht viel verbessert. Und seit Beginn des Jahres sind fast alle Anlageklassen extrem stark mit dem Ölpreis korreliert. Dazu kommen im weiteren Jahresverlauf auch noch erhöhte politische Risiken durch das anstehende Referendum in Großbritannien und die US-Präsidentschaftswahlen.

Gestärkter Euro Euro drückt auf europäische Aktien

Wo sehen Sie Chancen?
Wir denken, dass sich der Ölpreis im Laufe der zweiten Jahreshälfte bei rund 50 Dollar stabilisieren wird. Weiterhin erwarten wir, dass das US-Wachstum sich bis dahin weiter verbessert und die Fed einen weiteren Zinsschritt vollzogen haben wird. Auch in Europa und Japan sollte sich das Wachstum leicht aufhellen. Die größte Wachstumsverbesserung erwarten wir aber in den Schwellenländern, die sich in vielen Fällen von schweren Rezessionen erholen.

Was heißt das für Märkte?
Das sollte grundsätzlich ein freundlicheres Umfeld für Aktien sein, auch für die aus den Schwellenländern. Entscheidend ist, dass das Gewinnwachstum wieder anspringt – seit Beginn des Jahres wurden Gewinnerwartungen global eher nach unten revidiert. Bevor wir eine solche Erholung sehen, könnte es allerdings, getrieben durch Öl- und Zinsmärkte, zu erhöhter Volatilität kommen.

Der Dow Jones hat seinen verpfuschten Jahresauftakt schon wieder wettgemacht, der Dax noch nicht, woran liegt das?
US-Aktien haben besonders von den besseren Makrodaten und der Fed profitiert – das ist das sogenannte ‚Goldilocks‘-Szenario für Aktien: Wachstum steigt an, aber die Zentralbank hält die Zinsen niedrig. Darüber hinaus hatten vielen amerikanische High Yield Kreditinvestoren wegen der Volatilität seit letztem Jahr ihre Positionen über Aktien abgesichert. Seit Mitte Februar haben sich die Kreditmärkte in den USA stabilisiert und Investoren haben ihre Aktien-Hedges reduziert.

Der Euro Stoxx 50 steht noch ein bisschen schwächer da, warum?

Während US-Daten zuletzt positiv überraschen konnten, war das Makroumfeld in Europa eher gemischt. Auch Gewinnrevisionen waren in 2016 bislang stark negativ. Ein entscheidender Faktor war sicherlich auch der starke Euro: Durch die Fed, die nach der Zinswende Ende letzten Jahres bisher keine weiteren Zinsschritte vorgenommen hat, und die EZB, die anstelle von weiteren Zinssenkungen nun Unternehmensanleihen kauft, wurde der Euro gestärkt. Aber auch politische Risiken wie beispielsweise die anstehende Entscheidung über einen möglichen Brexit könnten eine Rolle gespielt haben.

Der MSCI Emerging Markets hat 2016 bisher besser abgeschnitten als der MSCI World. Erleben wir ein Comeback der Schwellenländer?
Schwellenländer-Aktien haben stark von dem höheren Ölpreis und den allgemein höheren Rohstoffpreisen profitiert – viele sind Nettoexporter – gepaart mit einem schwächeren Dollar. Aber auch die Positionierung war mit Sicherheit ein wichtiger Faktor – viele Investoren waren letztes Jahr bereits zurückhaltend bei Schwellenländern und die starke Rally seit Februar hat vermutlich Investoren ‚gezwungen‘ mehr Emerging-Markets-Aktien zu kaufen.

Also sind die Schwellenländer ein Kauf?
Wir denken, dass ein stark fallender Ölpreis oder ein neuerlicher Zinsanstieg mit daraus resultierender Dollarstärke, kurzfristig wieder Druck auf Schwellenländer ausüben könnten. Aber wie bereits angesprochen erwarten wir für Schwellenländer den größten Wachstumsschub in 2016 - auch ein stabilerer Ölpreis sollte hier helfen. Übrigens sind auch die Bewertungen von Aktien und vielen Währungen in den Schwellenländern verglichen mit den USA und Europa attraktiv.

Herr Müller-Glissmann, danke für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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