Quote? Nein, danke!: „Warum wir keine Frauenförderung brauchen“

Quote? Nein, danke!: „Warum wir keine Frauenförderung brauchen“

, aktualisiert 10. November 2016, 10:17 Uhr
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Im Arbeitsalltag bei uns respektieren sich Frauen und Männer als gleichberechtigte Teammitglieder. Niemand lässt den anderen fallen.

Quelle:Handelsblatt Online

Gleichberechtigung fragt nicht nach dem Geschlecht, findet Abat-Vorstand Gyde Wortmann. Die Quotendebatte löst bei der Informatikerin Skepsis aus. Deshalb sagt sie: „Wir fördern keine Frauen.“ Ihr Ansatz trägt Früchte.

BremenGyde Wortmann spricht nicht gerne über Programme zur Förderung von Frauen. Der 50-jährigen Wirtschaftsinformatikerin geht es um den gleichberechtigten Menschen: „Mir ist es wichtig, jeden Mitarbeiter in einer vorurteilsfreien Haltung so zu fordern und fördern, dass er seine Stärken entfalten kann.“ Als Mitgründerin des SAP-Dienstleisters Abat und Finanz-Vorstand will sie ihre Leute da abholen, wo sie stehen, zwischen unterschiedlichen Positionen vermitteln, tragfähige Beziehungen und Vertrauen zueinander aufbauen. „Sonst wird alles zur Diensterfüllung“, so Wortmann. Für unser Businessnetzwerk Leader.In hat sie diesen Gastbeitrag geschrieben.

Frauen zu fördern, weil sie Frauen sind, wird unsere Arbeitswelt auf Dauer nicht verbessern. Wir sollten die individuellen Stärken der Mitarbeiter in ihrer Entfaltung unterstützen – ganz egal, ob es sich dabei um Männer oder Frauen handelt. Denn wirkliche Gleichberechtigung fragt nicht nach dem Geschlecht. Arbeitgeber müssen gleiche Chancen für alle garantieren. Die Veränderung der Rollenbilder von Mann und Frau ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

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Die Diskussion um eine Frauenquote im Arbeitsleben löst in mir Skepsis aus – es ist eine schwierige, teilweise emotionale Diskussion. In meinen Augen sollte sich die Aufmerksamkeit vielmehr der Persönlichkeitsentwicklung der Mitarbeiter zuwenden. Die Frauenquote macht Sinn, um auf das Thema Chancengleichheit aufmerksam zu machen. Ob sich mit einer Quote die umfassende Gleichberechtigung langfristig gesellschaftlich durchsetzen lässt? Ich glaube, wir brauchen eine nachhaltige Herangehensweise, die auf den einzelnen Menschen und seine besonderen Qualitäten abzielt. Wir müssen den Einzelnen – egal, ob Mann oder Frau – vorurteilsfrei gezielt unterstützen und seine besonderen Stärken entfalten. Deshalb sage ich: Bei uns fördern wir keine Frauen – wir behandeln sie gleichberechtigt.

Dass dieser Ansatz Früchte trägt, sehe ich in unserem Unternehmen: Vor einiger Zeit hatten wir überlegt, besondere Maßnahmen für die Förderung von Frauen anzubieten. Um den Bedarf zu klären, haben wir eine Befragung unter unseren Kolleginnen durchgeführt. Das Ergebnis war überraschend: Die Mitarbeiterinnen hatten kein Interesse an einer besonderen Frauenförderung. Sie fühlten sich auch ohne spezielle Maßnahmen gleichberechtigt. Eventuell ein Grund: Wir haben stets ein offenes Ohr für unsere Mitarbeiter und unterstützen sie immer dort, wo gerade Not am Mann – oder an der Frau – ist. Aber vielleicht sind die Grabenkämpfe zwischen Mann und Frau in der IT-Branche ja nicht so ausgeprägt, weil die IT eine noch relativ junge Disziplin ist.

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen aufblühen, wenn ihre Stärken gezielt gefördert werden. Gute Führung ist für mich, wenn es gelingt Mitarbeiter dort abzuholen, wo sie stehen. Frauen haben in manchen Bereichen eine besondere Art Dinge anzugehen: Sie wirken ausgleichend und stellen Gemeinschaft häufig über den eigenen Egoismus. Sie versuchen zwischen unterschiedlichen Positionen zu vermitteln, tragfähige Beziehungen herzustellen und Vertrauen zueinander aufzubauen. Darauf muss man eingehen. Dass dieser Führungsstil auch bei Frauen erfolgreich ist, sehe ich bei der täglichen Arbeit: Obwohl wir unsere Kolleginnen nicht speziell fördern, wurde Abat im Jahr 2015 vom Jobbewertungsportal kununu.com unter die zehn frauenfreundlichsten Unternehmen in Deutschland gewählt.


Motivation von Kindesbeinen an

Ich denke, der Gleichberechtigung in der Arbeitswelt stehen noch die Vorurteile der übrigen Gesellschaft über die Rolle der Frau und die technischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten von Mädchen entgegen. Wohl deshalb ist der Anteil der Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Studiengängen immer noch gering und es ist schwierig, Frauen als Mitarbeiterinnen für technische Berufe wie in der IT-Branche zu gewinnen. Es wäre mein Wunsch, dass sich dies ändert. Denn gemischte Teams funktionieren meiner Erfahrung nach am besten.

Deshalb müssen wir noch früher ansetzen: Wir müssen die Erkenntnis verbreiten, dass Mädchen Fächer wie Mathematik und Physik genauso gut wie Jungen beherrschen können. Erst dann werden mehr Mädchen und Frauen ein Interesse dafür entwickeln. Als Gesellschaft müssen wir daher eine Haltung entwickeln, die Mädchen in technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen von Kindesbeinen an ebenso fördert wie Jungen. Laut einer Studie der Koordinierungsstelle des Girls'Day entscheiden sich Mädchen im Rahmen ihrer Ausbildungs- und Studienwahl noch immer überproportional häufig für „typisch weibliche“ Berufsfelder oder Studienfächer – trotz besserer Schulabschlüsse.

Mehr als die Hälfte der Mädchen wählt aus nur zehn Ausbildungsberufen – darunter kein naturwissenschaftlich-technischer. Sie lassen sich viel häufiger zur Verkäuferin, Industriekauffrau oder Bankkauffrau ausbilden. Im Kern heißt das: Mädchen und junge Frauen schöpfen ihre Berufsmöglichkeiten nicht voll aus. Aus diesem Grund müssen wir die Sozialisation von Mädchen und Teenagern verändern – um sie auch für technische Berufe wie der IT zu begeistern.

Im Arbeitsalltag bei uns respektieren sich Frauen und Männer als gleichberechtigte Teammitglieder. Wir versuchen, allen die gleichen Chancen einzuräumen, sich persönlich und fachlich weiterzuentwickeln. Wir möchten die Stärken des Einzelnen „veredeln“ und nutzen, um unser Unternehmen voranzubringen. Dazu gehören unterschiedliche Herkunft, Fähigkeiten, Know-how und Perspektiven. Das gilt gleichermaßen für Frauen und Männer. Diese Vielfalt macht uns als internationales Unternehmen erfolgreich. Wenn wir wirkliche Chancengleichheit durchsetzen wollen, dürfen wir Mitarbeiter nicht von vorneherein kategorisieren, sondern müssen sie als Personen begreifen, die besondere Qualitäten haben. Mit dieser Einstellung verändern wir unsere Arbeitswelt nachhaltig – und verbessern die Bedingungen für alle.

Über die Autorin

Gyde Wortmann hat die Abat-Gruppe 1998 mit gegründet. Das Unternehmen hat rund 450 Mitarbeiter und erwirtschaftet knapp 45 Millionen Euro jährlich. Die 50-jährige Wirtschaftsinformatikerin ist Vorstand Finanzen. In der Unternehmensführung legt sie besonderen Wert auf Familienfreundlichkeit sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Quelle:  Handelsblatt Online
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