R3-Chef David Rutter: „Goldman und JP Morgan kommen zurück“

R3-Chef David Rutter: „Goldman und JP Morgan kommen zurück“

, aktualisiert 25. Mai 2017, 13:43 Uhr
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Rutter ist überzeugt: „Goldman und JP Morgan kommen zurück, wenn unsere Plattform ein Erfolg wird. Dann können sie gar nicht daran vorbei gehen.“

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

40 Großbanken haben sich zum Tech-Konsortium R3 verbündet. Firmenchef David Rutter verkündet nun eine erfolgreiche Finanzierungsrunde – und plant und den Ausbau der Plattform „Corda“ als Blockchain ohne Blocks.

New YorkDavid Rutter strahlt vor Selbstbewusstsein, als er sich in einem Nebenraum der Consensus-Konferenz im Marriott-Hotel am Times Square zum Interview einfindet. Der Chef des Konsortiums R3 hat gerade unter seinen 40 Mitgliedern 107 Millionen Dollar an frischen Finanzmitteln eingesammelt. In den nächsten Wochen möchte er in einer zweiten Runde noch einen zweistelligen Millionenbetrag von außenstehenden Investoren aufbringen.

Rutter kann eine Erfolgsmeldung gut gebrauchen. Denn R3, ansässig, in New York hat in den vergangenen Monaten vor der eigenen Haustür zwei prominente Gründungs-Mitglieder verloren – zuerst Goldman Sachs und dann JP Morgan. „Das sind zwei mächtige Banken, die sind gewohnt, großen Einfluss zu haben, wo immer sie sich beteiligen“, sagt er. „Wir konnten ihnen das nicht bieten. Wir haben eine Vielzahl von Mitgliedern, zu je rund einem Drittel in Amerika, Europa und Asien.“

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Zumindest für Goldman deckt sich diese Einschätzung mit anderen Aussagen aus Finanzkreisen. Hinzu kommt, dass die beiden Geldhäuser eigene Wege suchen. JP Morgan etwa hat eine Blockchain mit dem Namen „Quorum“ entwickelt und Anfang der Woche Z-Cash als Partner für die Geheimhaltungsfragen gewonnen. Z-Cash ist bekannt für die gleichnamige virtuelle Währung, bei der Empfänger und Sender von Zahlungen nicht veröffentlicht werden, auch nicht in anonymisierter Form wie bei Bitcoins.

Rutter ist überzeugt: „Goldman und JP Morgan kommen zurück, wenn unsere Plattform ein Erfolg wird. Dann können sie gar nicht daran vorbei gehen.“ Dabei erläutert er, dass es drei Möglichkeiten gibt mit R3 zusammenzuarbeiten: als Kunden, Mitglieder und Investoren.

Die Mitgliederliste umfasst Namen wie Bank of America (Bofa) und Wells Fargo in den USA, in Deutschland etwa die Deutsche Bank und die Commerzbank, außerdem internationale Konzerne wie Nomura, Mitsubishi Finance, UBS und HSBC. Bofa und HSBC gehören zusammen mit Intel Capital und dem Staatsfonds Temasek aus Singapur zu den Top-Investoren. Wenn der zweite Teil der laufenden Finanzierungsrunde geschafft ist, hat Rutter nach eigener Einschätzung genug Finanzmittel für die Zukunft: „Ich hoffe, dass ich nie mehr Geld einsammeln muss.“

R3 ist im September 2015 mit neun Mitgliedern gestartet. „2016 war das Jahr der Experimente“, erzählt Rutter. Im laufenden Jahr sollen die ersten Pilotprojekte beginnen, 2018 dann größere Anwendungen, und 2019 will er „substanzielle Neuerungen“ für die Finanzbranche durchgesetzt haben. Die Grundidee ist, mit einer gemeinsamen Plattform mit dem Namen „Corda“ die vertikalen Software-Silos der einzelnen Banken durch eine horizontale gemeinsame Basis zu ersetzen.

Während sonst in der Branche meist der Handel und vor allem die Abwicklung von Wertpapieren als erstes Ziel für die Anwendung der Blockchain gelten, will Rutter sich zunächst auf das Cash-Management konzentrieren. „Wer mit Wertpapieren handelt, muss auch Geld bewegen“, erklärt er seine Priorität.


Die Kunden sollen eine digitale Identität bekommen

Ein zweiter vordringlicher Bereich ist die gesetzliche Vorgabe für Banken, genau ihre Kunden zu kennen – in der Branche unter dem Kürzel KYC (know your customer) bekannt. „Es macht wenig Sinn, dass jede einzelne Bank die Kundendaten neu erhebt“, sagt er. Ihm schwebt eine einheitliche digitale Identität für Kunden vor, abgesichert durch biometrische Daten wie Fingerabdruck oder die Iris. Diese Identität soll künftig für alle Banken abrufbar sein. Rutter bereitet es keine Sorge, dass manche Kunden hierüber nicht glücklich sein dürften, etwa wenn sie nach finanziellen Problemen den Neustart versuchen. „Für Leute mit Bonitätsproblemen wird es eigene Angebote mit etwas höheren Kosten geben“, sagt er. Er findet es deswegen auch in Ordnung, dass Kunden mit lupenreiner Vergangenheit unter sich bleiben und entsprechend gute Konditionen bekommen.

Diese Einstellung findet nicht überall Zuspruch. Am Montag hat eine Gruppe von Unternehmen, darunter auch Microsoft, die Gründung einer „Decentralized Identity Foundation“ (DIF) bekannt gegeben. Erklärtes Ziel ist, jedem Bürger die Herrschaft über seine virtuelle Identität zurückzugeben, so dass er darüber bestimmen kann, wer welche Daten abgreifen darf. Dabei kam auch das sehr heikle Problem zur Sprache, dass biometrische Daten, wenn sie einmal gestohlen worden sind, nicht ersetzt werden können.

Eine Besonderheit der Plattform Corda ist, dass es sich sozusagen um eine Blockchain ohne Blocks handelt. Rutter spricht daher lieber von Distributed Ledger Technology (DLT), also einer technikbasierten, dezentralen Buchhaltung. Ähnlich wie bei der Blockchain, die zunächst als Technik hinter der virtuellen Bitcoin-Währung entwickelt wurde, gibt es auch bei Corda keine zentrale Instanz, die zum Beispiel Zahlungsvorgänge, den Besitz vor Wertpapieren oder Kundendaten registriert. Sondern die Daten werden dezentral festgehalten.

Anders als bei der Blockchain bekommt bei Corda aber nicht jeder, der sich in das Netz einklinkt, alle Daten. Sondern nur diejenigen, die betroffen sind, erhalten die Information. Während Bitcoin-Zahlungen in den „Blocks“ für jedermann sichtbar sind, wenn auch mit anonymisierten Adressen, sehen bei Corda nur Empfänger und Sender, was passiert. „Wir vertrauen uns gegenseitig, daher hat es keinen Sinn, Terrabytes an Daten durch die Welt zu schicken“, sagt Rutter. Bei Bitcoins soll die Blockchain sicherstellen, dass niemand dasselbe Geld zweimal verschickt. In einem Netz von Banken, die sich kennen, ist das nicht notwendig. Aus der Perspektive der harten Bitcoin-Fans ist R3 damit freilich noch relativ nah an der alten Weltordnung, wo die Banken die Herrschaft haben.


Aufseher bekommen Vorteile

Aus Rutters Sicht bietet die künftige Bankenwelt auch Aufsehern große Vorteile. Die Behörden könnten in Krisenfällen schneller Eingreifen oder mögliche Probleme erkennen, sagt er. In dem Punkt ist er sich mit Christopher Giancarlo einig, dem geschäftsführenden Chef der US-Derivateaufsicht (CFTC), den er als „Freund“ bezeichnet.

Giancarlo hat schon oft die Ansicht vertreten, dass beim Zusammenbruch von Lehman Brothers in der Finanzkrise 2008 eine „verteilte Buchhaltung“ sehr schnell für Transparenz gesorgt und damit den Schaden für das Finanzsystem eingedämmt hätte. „Ich würde noch weiter gehen und sagen, dass damit möglicherweise der Zusammenbruch hätte verhindert werden können, weil die Aufseher mitbekommen hätten, was los ist“, sagt Rutter, der die Zeit als Chef des elektronischen Brokers ICAP miterlebt hat.

Trotz seiner großen Spannweite ist das Projekt R3 nicht ohne Konkurrenz. Seit März 2017 bietet zum Beispiel IBM eine eigene Blockchain für den Finanzbereich an. Das findet innerhalb von Hyperledger statt, einer Dachorganisation für die Entwicklung von offener Software, an der unter anderem die Deutsche Börse beteiligt ist. Die meisten Banken sind an einer Vielzahl von Projekten und Konsortien beteiligt, die sich zum Teil ergänzen, zum Teil auch in Konkurrenz zueinander stehen.

Am Ende geht es natürlich ums Geld. Die dezentrale Struktur soll nicht nur sicherer und schneller funktionieren als die bisherigen Software-Silos der Finanzbranche, sondern auch billiger. „Wir geben keine eigenen Schätzungen ab, aber ich habe Studien gelesen, nach denen die Einsparungen bis 100 Milliarden Dollar betragen können“, sagt Rutter. Klar ist: Die Banken wissen seit langem, dass sie Technik nicht mehr einzeln für sich entwickeln können, sondern zusammenarbeiten müssen, um unnötige Kosten und Verzögerungen zu vermeiden. R3 ist eines der großen Projekte in dem Bereich.

Quelle:  Handelsblatt Online
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