Range Rover Evoque Cabriolet im Test: Offen für Offroad

Range Rover Evoque Cabriolet im Test: Offen für Offroad

, aktualisiert 16. Juni 2016, 07:19 Uhr
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Hier kommt das neue Evoque Cabrio. Und es kommt gewaltig, einfach unübersehbar. Und somit nicht unbedingt als Angebot, das sich an schüchterne Menschen wendet. Oder an Liebhaber praktischer Autos. Im kleinsten Range Rover geht es darum gesehen zu werden.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Autos, die Emotionen wecken, sind nicht unbedingt nützlich. Manche sind sogar das genaue Gegenteil, und wirken dennoch begehrlich. Weil sie etwa extrem viel Lifestyle bieten. Der Evoque hat jetzt mehr davon als je zuvor.

Engelskirchen/DüsseldorfCabrios haben zwei Prozent Marktanteil, SUV sind die am schnellsten wachsende und inzwischen zweitstärkste Fahrzeug-Kategorie. Was bekommt man, wenn man beides mixt? Einen offenen Offroader. Und Jaguar Land Rover sagt, der ist nicht nur einzigartig, der wird sich auch auf jeden Fall gut verkaufen.

Mit unübersehbarem Selbstbewusstsein, und gestützt von guten Zulassungszahlen, preist die britische Traditionsmarke Range Rover derzeit ihr neuestes Modell an, das Evoque Cabriolet. Ein Auto, das niemand braucht, von dessen Besitz aber angeblich sehr viele Menschen träumen. Bis zu 15 Prozent der jährlich gebauten rund 125.000 Evoque sollen zu der Variante mit dem riesigen Stoff-Klappdach greifen, die in der Top-Ausstattung über 60.000 Euro kostet.

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Weil es nicht um schwarzen britischen Humor, sondern um handfeste Marktanteile geht, haben die Entwickler intensive Feldforschung betrieben. So wurde seit 2012 schon auf Automessen ein entsprechendes Concept Car auf Stimmenfang geschickt, und das Echo war offenbar überwältigend. Und bevor der Zweitonner pünktlich zum Sommer anrollte, bestellten sogar schon mehr als 500 Interessenten blind.

Optisch ist der neue Evoque-Ableger ein echter Kracher, der Blicke magisch anzieht. Allerdings muss man dafür 18 Sekunden investieren, in denen sich das Dach auf Knopfdruck öffnet. Nur dann starren die Passanten. Geschlossen nimmt kaum ein Außenstehender den Unterschied zum „normalen“ Evoque wahr, der ebenfalls badewannenartig hohe Seitenwangen mit schmalen Scheiben kombiniert.

Das ist dann wohl auch die Krux des Angebots, das der Hersteller ein Cabrio für alle Jahreszeiten nennt: Es wendet sich an Menschen, die gerne angeschaut werden. Die einen Lifestyle-Anspruch ans Auto pflegen, der weit über den Nutzwert geht.

Das Cabrio, das es aus Gründen der Karosseriesteifigkeit ausschließlich als Zweitürer gibt, hat einen winzigen Kofferraum von 251 Liter, der auch noch extrem flach zugeschnitten wurde, weil das Dach wunderbar flach aufliegt. Das heißt, hier muss einiges an Falttechnik versteckt werden.

Von den vier großzügig bemessenen Sitzen sind nur die vorderen gut erreichbar. Der Einstieg nach hinten, wo auch die Kopffreiheit knapp wird, ist eine orthopädisch bedenkliche Übung, wenn man Kleidergröße XL trägt.

Eine weitere modelltypische Unart schaut sich der offene beim geschlossenen Evoque ab: Die Heckscheibe bleibt die schon oft kritisierte „Schießscharte“, ein Sehschlitz, der den Fahrer zu 100 Prozent abhängig macht von Rückfahrkamera und Parkpiepsern.

Last but not least sollte auch der Anschaffungspreis eine eher untergeordnete Rolle spielen, denn man zahlt Lifestyle-Aufschlag. So haben zwar die beiden zum Marktstart (ab 4. Juni) angebotenen Motorisierungen (ab 51.200 Euro) zwar stets Allradantrieb, Lederausstattung, Touchscreen, 18-Zoll-Felgen, Zweizonen-Klimaautomatik und Einparkhilfen an Bord.

Aber die guten Zutaten des Testwagens, wie LED-Scheinwerfer, ein sehr gutes Head-up-Display (HUD) und die wirkungsvolle 360-Grad-Kamera sind selbst beim 180-PS-Ingenium-Diesel in der Top-Ausstattung SE Dynamic ab 60.300 Euro noch nicht dabei.

Ganz locker kann man im Evoque weitere Tausende versenken bis im Konfigurator die 75.000-Euro-Marke fällt, denn die selbstbewusst bepreiste Optionsliste ist lang. Und beinhaltet ein kleines Ärgernis: Das für längere Offenfahrten unverzichtbare Windschott kostet immer 300 Euro extra, das dürfte Schotten und Schwaben gleichermaßen gruseln.

Zumal der Luftverwirbler nicht automatisch hochklappt, sondern stets mühsam von Hand auf- und abgebaut werden muss, und entweder im Kofferraum herumrumpelt oder die typische lange Seitenlinie optisch zerstört. Und eine weitere Entscheidung ist zu treffen: Ist das Windschott einmal aufgebaut, kann auf den hinteren Sitzen niemand mehr Platz nehmen, denn sie werden mit abgedeckt.


Edel-Variante von „Kommunal-Orange“

So ungewöhnlich wie das Auto selbst, so klassisch sind seine von Jaguar Land Rover bei Deutschlandpräsentation betonten Stärken. So kann man dem kleinsten Range Rover beispielsweise offen im Gelände all das abverlangen, was man von Offroadern der Schwestermarke Land Rover erwarten darf. Wer also schon immer an der frischen Luft sitzen wollte, während er im Schneckentempo Steilhänge runterpoltert oder sich souverän Sanddünen heraufwühlt, der muss nun nicht länger in einen alten Willys Jeep Overland oder Land Rover Series II / III setzen, sondern findet endlich auch ein Neuwagen-Angebot. Und zwar eines, das selbst auf dem Prachtboulevard einen guten Eindruck macht.

Interessenten, die neben etwas Alltagsnutzen eher den kleinen Landstraßen-Sonntagsausflug ansteuern, sollten wissen, dass der Evoque das Gegenteil von Übersicht und Agilität bietet. 2,09 Meter ist das Fahrzeug breit, und seine Seitenwagen sind so hoch, dass es schwer fällt, den Arm auf der Tür abzulegen.

Natürlich bekommt man im 1,61 Meter hohen Wagen auch das typische Plus der SUV-Übersicht, aber Anfang und Ende des Autos sind auf den ersten Kilometern nur schwer einzuschätzen. Ich fühlte mich in dem komplett schwarz ausgestatteten Testwagen unter dem geschlossenen (tiefschwarzen) Dach außerdem leicht eingesperrt.

Zu den absoluten Stärken des Evoque, die aber nicht dem Cabrio vorbehalten bleiben, zählt die 360-Grad-Rundumsicht, die sich im Gelände ebenso bezahlt macht wie beim Einparken. Einen Teil des individuell einstellbaren Überblicks liefert die Stereokamera im Innenspiegel als Sensor für die Abstandshaltung, die Spurhaltung und den Notbremsassistenten.

Ein Lob verdienen die Entwickler des neuen HUD, dass die wichtigsten Informationen, die sich der Evoque-Pilot selber zusammenstellen darf, auf die Windschutzscheibe projiziert. So behält man den Blick auf dem Straße, das ist extrem sicher. Schade nur, dass es selbst in der Top-Ausstattung immer zu den aufpreispflichtigen Optionen zählt (1.300 Euro).

Immerhin ist dieses Extra noch gut 300 Euro günstiger als die Farbe des Testwagens, die „Seht mich an!“ ruft: „Phoenix Orange (Premium Metallic)“. Was auf den ersten Blick entgegen britischem Understement wie eine Edel-Variante von (Stadtreinigungs-)„Kommunal-Orange“ aussieht, macht den Evoque selbst im regennassen Wechsel zwischen Licht und Schatten einer Landstraße zum Hingucker. Weil ein hochbeiniges Cabrio aber ja kein Vernunftmobil ist, greift auch an diesem Punkt die Devise „Wenn schon, denn schon!“.

Den Fahrkomfort fand ich akustisch und im unteren Rücken gefühlt hölzern und teils ein wenig rumpelig. Die sehr breiten 18-Zöller sind auf gepflegten Asphalt angewiesen, um ruhig zu bleiben. Lenkung, Federung und Wankneigung sind ebenso wie der Geradeauslauf für ein SUV sehr ordentlich, aber das war der im Verkauf so erfolgreiche Evoque auch schon vor dem aktuellen Facelift.

Auch der 180 PS starke Diesel unseres Testwagens versteckt sich akustisch nicht, er bildet damit einen gewissen Gegensatz zum riesigen Stoffdach, das ganz ausgezeichnet lärmisoliert ist. Das ist kein Drama, der britische Ingenium-Diesel mit angenehm früh spürbaren 430 Newtonmeter Drehmoment klingt – wie im Jaguar XE – einfach etwas kerniger als etwa die Triebwerke deutscher Premiumanbieter.

Wer seinen Blick auf die Anzeige zwischen Tacho und Drehzahlmesser richtet, wird vielleicht mit Überraschung feststellen, dass die Automatik mittlerweile in neun Gangstufen ihre Arbeit verrichtet. Sie tut dies im Alltag aber so schnell und geräuschlos, dass man davon so gut wie nichts mitbekommt.

Dass der mindestens 1.963 Kilo schwere Brite eher ein Genussauto ist, zeigen auch die Fahrdaten: Der Testwagen schafft maximal 195 km/h und braucht 10,3 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100.

Neben der Automatik, auf die man auch über gut positionierte Paddles am Lenkrad Einfluss nehmen kann, verfügt das Cabrio - wie alle Range Rover - die „Terrain Response“-Steuerung, das „Wade Sensing“-System für Wasserdurchfahrten sowie die Offroad-Geschwindigkeitsregelung „All-Terrain Progress Control“ (ATPC). Diese Systeme ermöglichen Laien, wie wir ausgiebig testen konnten, sich dort ganz auf das Fahren zu konzentrieren, wo der Evoque seine wahre Stärke zeigt: Im Steinbruch.

Schon schade, dass man ihn dort in Zukunft wohl nicht mehr sehen wird, wenn er erstmal verkauft ist.

Technische Daten:
Länge: 4,37 Meter, Breite: 1,98 Meter (Breite mit Außenspiegeln: 2.09 Meter), Höhe: 1,61 Meter, Radstand: 2,66 Meter, Wendekreis: 11,3 Meter, Kofferraumvolumen: 251 Liter, maximale Zuladung: 474 Kilo. 

Antrieb:
 TD4 180 PS 4WD, 132 kW/180 PS, maximales Drehmoment: 430 Nm bei 1.750 U/min, Beschleunigung: 0 - 100 km/h: 10,3 Sek., Vmax: 195 km/h, Durchschnittsverbrauch: 5,7 Liter, CO2-Ausstoß: 149 g/km, Abgasnorm: Euro 6, Preis: ab 54.100 Euro.

Quelle:  Handelsblatt Online
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