Referendum zum EU-Austritt: Rettet mich vor den Briten!

Referendum zum EU-Austritt: Rettet mich vor den Briten!

, aktualisiert 17. Juni 2016, 19:58 Uhr
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Irrationale Argumente und Fremdenfeindlichkeit – das wirft unsere Autorin den Befürwortern eines EU-Austritts Großbritanniens vor.

Quelle:Handelsblatt Online

Dummköpfe und Rassisten – so urteilt eine Britin über Brexit-Befürworter. Dummerweise gehörte auch ihre Mutter dazu. Im Fall eines EU-Austritts hofft sie auf einen deutschen Pass. Hier macht sie ihren Gefühlen Luft.

DüsseldorfEine 35-jährige Landwirtin aus dem ostenglischen Lincolnshire, die anonym bleiben möchte, sieht dem Brexit-Referendum mit Entsetzen entgegen. Umso schockierter war sie, als sie erfuhr, dass auch ihre Mutter diesem Lager angehört. Bevor sie Landwirtschaft studierte, arbeitete die Britin jahrelang als Steueranwältin in London.

Der Gedanke an das Brexit-Referendum erfüllt mich mit Ärger, Verzweiflung und Panik. Niemand weiß, welche Folgen ein EU-Austritt für uns hätte. Die Brexit-Befürworter stimmen mit dem Referendum über etwas ab, was sie gar nicht verstehen. Sie treffen eine folgenreiche Entscheidung für die Zukunft, deren Folgen sie überhaupt nicht einschätzen können.

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Meiner Meinung nach sind alle Brexit-Befürworter ungebildete, fremdenfeindliche Fanatiker. Denen die Vorstellung gefällt, dass Großbritannien wieder der Mittelpunkt des „British Empire“ wird.

Als ich erfuhr, dass meine Mutter für den Brexit stimmen will, wurde ich ärgerlich. Solche Engstirnigkeit ertrage ich bei meinen Eltern nicht. Ich stritt mit ihr. Meine Mutter – 63, eine Altenpflegerin, die schon mit 15 von der Schule abging – hört darauf, was Leute in ihrem Umfeld sagen. Und diese sind alle fremdenfeindlich und für den Brexit. Meine Mutter hat auch unrealistische Vorstellungen. So glaubt sie, dass das staatliche Gesundheitssystem, der National Health Service (NHS), mehr Mittel hätte, wenn wir die EU verließen. Doch das Gegenteil ist wahr: Ich las, dass ein EU-Austritt das öffentliche Gesundheitssystem belasten würde – und schickte meiner Mutter diesen Artikel.

Ich sagte ihr auch, dass ihre Bekannten ungebildet seien und keine Ahnung hätten. Sie solle besser auf intelligentere und kompetentere Menschen wie ihren Freund, einen erfolgreichen Unternehmer, hören. Aus Angst vor mir sagte meine Mutter schließlich, sie werde gegen den Brexit stimmen. Etwas anderes traue sie sich nicht.


Seltsame Argumente eines Schreiners

Später stritt ich auch mit dem Schreiner meiner Mutter, dem etwa 60-jährigen Phil. Weil mich das Referendum so aufregt, wollte ich eigentlich ein Gespräch mit ihm darüber vermeiden. Dummerweise ließ ich mich dennoch auf eine Diskussion ein – und hatten gleich einen mordsmäßigen Streit.

Seine Sicht der Dinge: Wir hätten „den Krieg ebenso gut verlieren können“, wenn wir „heute von den Deutschen beherrscht werden“. Phil weiter: „Das Leben in den 70er-Jahren war besser.“ Damals habe er zwar kein Geld gehabt, sei aber glücklicher gewesen. Wenn Großbritannien aus der EU austräte, verbrächten  außerdem „die Kinder nicht mehr so viel Zeit mit ihrem Smartphone “.

Ich war sprachlos und konterte mit Fakten, die gegen den Brexit sprechen. Was sei mit den Handelsabkommen, die für Großbritannien bei einem EU-Austritt nicht länger gölten und die wichtige Importe wie Pflanzenschutzmittel womöglich verteuerten? Phil sagte: „Dann kaufen wir die Pflanzenschutzmittel halt in China oder Südamerika.“ Ich: „Warum sollten sie uns die Mittel verkaufen?“. Phil: „Weil sie für den Brexit sind.“ Ich fand diese Behauptung lächerlich. Warum sollten Chinesen und Südamerikaner Pflanzenschutzmittel für die britische Landwirtschaft entwickeln und diese zu günstigen Preisen verkaufen?

Ich zählte andere wirtschaftliche Vorteile einer EU-Mitgliedschaft auf und nannte Zahlen, die das untermauern. Phil: „Das sind alles Lügen. Die Zahlen stimmen nicht.“ Dagegen hielt er kursierende Zahlen, die den Vorteil eines Brexit belegen sollen, für richtig.


Zur Not heirate ich meinen deutschen Freund

Irgendwann riss mir der Geduldsfaden und ich beschimpfte ihn. Ich sagte ihm, dass er bald tot sein werde und im Grunde schon Vergangenheit sei. Und dennoch vermassle er mir mit seinen engstirnigen, ignoranten Meinungen die Zukunft. Er sei ein Rassist und ein Dummkopf und er solle mich nicht länger „ein ungebildetes Kind“ nennen. Immerhin sei ich 35 Jahre alt, hätte zwei Uni-Abschlüsse und sehr viel mehr Verstand als er.

Meine Mutter wurde immer nervöser, daher versuchte ich, mich zu beruhigen. Ich sagte ihr in ruhiger Stimme einmal mehr, sie müsse gegen den Brexit stimmen. Denn nur eine Handvoll respektabler Menschen befürworteten den EU-Austritt, und auch diese seien meiner Meinung nach alle Rassisten.

Ja, die Menschen hier sind fremdenfeindlich. Der einzige Grund, warum sie für den EU-Austritt sind, ist ihre Abneigung gegenüber Immigranten. Ihrer Ansicht nach haben sie ein Anrecht auf einen Job in Großbritannien – schlicht und einfach, weil sie Briten sind. Und deswegen räumen sie Ausländern, selbst wenn diese viel qualifizierter sind, kein Recht auf Arbeit in Großbritannien ein.

Warum ich in der EU bleiben möchte?

Ich mag mein jetziges Leben, uns geht es gut – und ich habe große Angst, dass sich alles zum Schlechteren verkehren könnte. Ein Brexit wäre aus meiner Sicht ein Rückschritt für Großbritannien. Ich möchte nicht in einem kleinen, fremdenfeindlichen Land leben, abgeschottet von anderen.

Ich verstehe und liebe die Grundsätze der EU-Mitgliedschaft – und bin überzeugt, dass niemand, der für den Brexit ist, sie versteht. Leider habe ich das Pech, in einem Land zu leben, in dem mehr als 49 Prozent fremdenfeindliche Dummköpfe sind. Sollte Großbritannien die EU verlassen, werde ich vor lauter Verzweiflung meinen intelligenten, wunderbaren deutschen Freund bitten, mich zu heiraten – damit ich einen deutschen Pass bekommen.

Übersetzt von Karen Wientgen

Quelle:  Handelsblatt Online
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