Referendum zum EU-Austritt: Worum es Brexit-Befürwortern wirklich geht

Referendum zum EU-Austritt: Worum es Brexit-Befürwortern wirklich geht

, aktualisiert 21. Juni 2016, 20:13 Uhr
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In der Brexit-Debatte spielen Emotionen eine große Rolle – und der Traum nach einen starken souveränen Großbritannien.

von Nina Hook-ZurlinoQuelle:Handelsblatt Online

Viele Briten träumen vom Großbritannien der Vergangenheit: Ein glorifiziertes „British Empire“ hat Konjunktur. Die koloniale Nostalgie überlagert in der Brexit-Debatte die Fakten, schreibt eine Wahl-Britin aus London.

Mein lieber Freund,

ich sitze hier in einem Pub am Trafalgar Square in London und möchte still in mein lauwarmes Bier weinen. Gesprächsthema Nr. 1 ist der Brexit – und der Mord an der jungen Labour-Abgeordneten Jo Cox, die für den EU-Verbleib war. Die scharfen Worte in der immer hässlicher werdenden Brexit-Debatte sind nicht länger reine Rhetorik.

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Meine Kumpel, die mit mir in der Kneipe sitzen, lehnen einen EU-Austritt Großbritanniens ab. Sie fürchten die negativen Folgen eines Brexits für die britische Wirtschaft. Doch sie sorgen sich auch um die Entwicklung der britischen Gesellschaft.

Was haben Ukip-Chef Nigel Farage und andere – immer stärker an den rechten Rand rückende – britische Politiker nur angerichtet, dass es zu einem Mord an einer Abgeordneten kommen konnte? Dass ein Mann „Britain first“ („Großbritannien zuerst“) rief, bevor er auf die Politikerin schoss? Und all das in einem Land, das sich für seine Fairness und Anständigkeit rühmt? Wo man eine Tasse Tee trinkt, bevor man überstürzt handelt?

Die Vorstellung, nicht mehr zur EU zu gehören, sondern einfach nur eine verregnete Insel im Atlantik zu sein, war immer schockierend. Zumal der stärkste Verbündete ein von Präsident Donald Trump geführtes Amerika sein könnte. Trump als auch Marine Le Pen, Chefin der französischen Front National, stehen für eine Politik des Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit. Sie sind Todesengel unserer liberalen Ordnung. Und in diese Reihe gehören offenbar auch die Wortführer des Brexit-Lagers. Schockierend.

Wie konnte es dazu kommen, dass der Brexit in Großbritannien auf so viel Zustimmung stößt? Die Vorteile der EU-Mitgliedschaft schienen so offensichtlich, dass die Brexit-Gegner – die „Bremainer“ – zu lange still hielten und nicht die Werbetrommel rührten. Erst als die Brexit-Befürworter anfingen, ins Horn des Patriotismus zu blasen, wurden die Bremainer wach.

Vor wenigen Monaten waren die Argumente in der polemischen Debatte noch unterhaltsam und ulkig. „Wir sind ein Volk, das seit jeher mutig den Sprung ins Ungewisse wagt”, sagte etwa Nathan Gill, Parteichef von Ukip Wales. „Hätte sich Captain James Cook von seinen großen Reisen abhalten lassen? Aber nein!“, rief Gill und berief sich dabei auf den großen Seefahrer des 18. Jahrhunderts. Nur weil der EU-Ausstieg ein Schritt ins Ungewisse sei, solle man sich davon nicht abschrecken lassen.

Man muss kein Experte der Geschichte Englands sein, um zu erkennen, dass in der Brexit-Debatte das britische Empire romantisiert und glorifiziert wird: Damals, so die Vorstellung, war die Welt noch in Ordnung – damals, als England die sieben Weltmeere beherrschte, Kolonien aufbaute und auch zu Hause auf der Insel alles in Butter schien.

Koloniale Nostalgie kommt in Großbritannien gut an. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov zufolge sind 59 Prozent der Briten stolz auf das ehemalige Empire, mehr als jeder Dritte wünscht es sich sogar zurück. Reste der einstigen imperialistischen Größe schlummern offenbar nach wie vor in Herz und Hirn vieler Briten – und werden jetzt gerade wachgerüttelt.

Die Geschichte des Empires lässt sich famos einsetzen, um für einen EU-Ausstieg zu werben. Es gehe, so meinen die Brexit-Befürworter, beim Referendum um die Souveränität des Landes. Großbritannien solle sich nicht länger fremdbestimmen lassen – durch Brüssel, Deutschland, Frankreich und andere EU-Länder.


Es wird gelogen, was das Zeug hält

Brexit-Gegnern läuft es bei derlei Argumenten eiskalt den Rücken hinunter: „Sicher, mit Sklaven und Kolonien ließ sich Freihandel prima gestalten“, sagt spöttelnd ein ehemaliger Kollege aus der Finanzbranche. Er verweist auf Umfragen unter 600 Ökonomen, von denen 88 Prozent einen EU-Ausstieg für wirtschaftlich riskant halten. „Wir brauchen keinen Sprung ins Ungewisse“, sagt der Ex-Kollege. „Die Zukunft ist schon jetzt wirtschaftlich und politisch herausfordernd genug. Und deswegen ist Großbritannien in der EU einfach besser aufgehoben.“

Die Aussicht eines EU-Austritts Großbritannien drückte bereits die Aktienkurse. Doch größere Kurs- und Währungseinbrüche werden von den Brexit-Befürwortern als schmerzhafte Geburtswehen angesehen, die einer bessere, EU-freien Zukunft vorausgehen. Für Brexit-Gegner sind es dagegen Vorboten einer düsteren Zukunft. Ihre größte Sorge: Dass rechtsstehende Tory-Parlamentarier das Referendum nutzen könnten, um an die Macht zu kommen.

Sachliche und faktisch richtige Argumente gehen zusehends in der politischen Schlammschlacht unter. Man hört Maggie Thatcher aus ihrem Grabe rufen: „Ich will mein Geld zurück!“, wenn Boris Johnson, Londons ehemaliger Bürgermeister – auf den Parteivorsitz der Konservativen hoffend – die Höhe der britischen EU-Beitragszahlungen anprangert. Und wenn Johnson sagt, dass die angeblich wöchentlich an die EU gezahlten 350 Millionen Pfund anderweitig großen Nutzen stiften können. Indem sie in das notorisch unterfinanzierte staatliche Gesundheitssystem NHS fließen. Oder in Schulen. Oder in Renten.

Wegen derartiger Argumente platzte dem konservativen Ex-Premier und Brexit-Gegner John Major deswegen kürzlich der Kragen: Die vorgebrachten Argumente seien armselig, irreführend und noch dazu arglistig täuschend, schimpfte er in einem Fernsehinterview, das für Schlagzeilen sorgte.

Inzwischen ist in der politischen Schlammschlacht nichts mehr ulkig oder unterhaltsam. So wird in der Brexit-Kampagne mit Fotos von Flüchtlingen an der kroatisch-slowenischen Grenze suggeriert, dass Dunkelhäutige vor der Tür Großbritanniens stünden. Es wird gelogen, was das Zeug hält.

Längst nicht alle Bremainer lieben die EU. William Hague, ehemaliger britischer Außenminister und Tory-Parteichef, brachte es kürzlich so auf den Punkt: „Es gibt Europa-Skeptiker, die den Ausstieg wollen, und es gibt Europa-Skeptiker, die für den Verbleib sind. Andere Leute gibt es hier eigentlich nicht.“

Auch wenn manche Brexit-Gegner Kritik an der Europäischen Union haben – so betonen sie doch, dass die EU trotz aller Nachteile die beste Institution für die Zusammenarbeit von Ländern sei. „Ginge es bei diesem Referendum um den EU-Beitritt, würde ich wohl dagegen stimmen“, sagte mein Kumpel James, ein ehemaliger IT-Abteilungsleiter in der Finanzbranche. „Aber wie soll ich meinen Kindern später erklären, dass ich gegen ein in der EU vereinigtes Europa gestimmt habe?!“

„Hoffentlich“, so sinniert einer meiner Freunde in der Kneipe, „hoffentlich besinnen sich meine Landsleute eines Besseren und trinken noch eine Tasse Tee, bevor sie wählen gehen.“ Wir lachen. Doch beim Gedanken, dass eine junge Parlamentarierin ermordet werden musste, um das Land zur Besinnung zu bringen, möchte man aber doch eigentlich leise in sein lauwarmes Bier weinen.

Liebe Grüße von der verregneten Insel

Nina

Nina Hook-Zurlino, 1965 in Lübeck geborene Tochter einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters, der als Gastarbeiter nach Deutschland kam, studierte Betriebswirtschaftslehre und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Hamburg. Nach dem Fall der Mauer arbeitete die gelernte Journalistin in Mecklenburg-Vorpommern.

1995 zog sie permanent nach London und arbeitete bis 2015 im Marketing internationaler Fondsgesellschaften, zuletzt als Leiterin des europäischen Marketings bei Henderson Global Investors. Mit ihrem Mann, Alastair Hook, gründete sie 1999 Meantime Brewing. Das Unternehmen wurde 2015 an SAB Miller verkauft.

Das Paar lebt mit seinem Foxterrier Minty in London.

Quelle:  Handelsblatt Online
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