Regulierung in Großbritannien: Britische Banker wollen keine Chefs mehr sein

Regulierung in Großbritannien: Britische Banker wollen keine Chefs mehr sein

, aktualisiert 08. März 2016, 16:54 Uhr
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Viele Banker wollen aus Angst vor hohen Strafen nicht mehr Chef werden.

Quelle:Handelsblatt Online

Aus Angst vor drastischen Strafen wollen viele Banker in London nicht mehr befördert werden. Bei Fehlentscheidungen drohen ihnen seit dieser Woche bis zu sieben Jahren Gefängnis.

LondonIn die Londoner „City“, in der Banker jahrelang mit großen Summen jongliert haben, zieht eine neue Bescheidenheit ein. Den Geldhäusern an Europas größtem Finanzhandelsplatz fällt es immer schwerer, Führungspositionen zu besetzen, wie Anwälte und Berater berichten. Manche Manager spielten ihre Verantwortung neuerdings auch gerne herunter. Das hat man so noch nicht erlebt.

Der Grund: Großbritannien verschärft die Regeln für eine Branche, deren Eitelkeit und Übermut den Steuerzahler in der Finanzkrise Milliarden kostete. Seit dieser Woche können Manager leichter persönlich haftbar gemacht werden, wenn in ihrer Bank etwas grundlegend schiefgeht. Geldstrafen und Arbeitsverbote sind dabei im Ernstfall noch das geringste Übel. Steht ein Institut wegen individueller Fehlentscheidungen vor dem Abgrund, drohen sogar bis zu sieben Jahre Gefängnis.

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Mit ihrem Senior Managers Regime (SMR) gehen die Briten weiter als andere europäische Staaten und die USA. Am wichtigen Finanzplatz London bleibt das nicht ohne Konsequenzen. „Ich weiß von Kunden, bei denen die Angestellten partout keine Senior-Positionen haben wollen“, erklärt Sarah Henchoz von der Kanzlei Allen & Overy, die Banken berät. „Die Leute machen sich Sorgen, dass sie nachts wach liegen und sich fragen, was ihr Team so treibt und ob sie zum Sündenbock gemacht werden, wenn etwas schiefläuft.“

Die neuen Regeln, die von der britischen Notenbank und der Finanzaufsicht FCA kontrolliert werden, gelten zunächst für Vorstandschefs, Finanzchefs, Spartenchefs und Vorsitzende wichtiger Ausschüsse in den Verwaltungsräten. Sie alle werden von den Aufsehern genau durchleuchtet. Schätzungen zufolge dürfte das etwa 10.000 Manager und Mitarbeiter in 900 Banken betreffen.

Das sind noch nicht so viele - im Schnitt zwölf Personen pro Institut. Der Kreis wird in den nächsten Jahren aber deutlich ausgeweitet. Ab März 2017 müssen die Banken jährlich die „Eignung und Anständigkeit“ von etwa 65.000 Mitarbeitern nachweisen, die zwar nicht zum Senior-Management gehören, aber dank ihrer sonstigen Leitungsfunktionen zu „wichtigen Risikoträgern“ im Unternehmen zählen. 2018 dann soll das Regelwerk nicht mehr nur für klassische Banken gelten, sondern beispielsweise auch für Vermögensverwalter.

Persönliche Haftung heißt in der Praxis: Die Banker müssen en detail dokumentieren, wie sie Entscheidungsprozesse gesteuert und dabei sichergestellt haben, dass es keine Regelverstöße gibt. Sie müssen auch Jahre später noch genau nachweisen können, wann sie was entschieden und gegebenenfalls an wen delegiert haben.


Prüfungen verlaufen streng

In einigen Fällen führe das dazu, dass Manager bei den Aufsichtsbehörden behaupteten, ihr Einfluss auf die Untergebenen sei gar nicht so groß wie gedacht, berichtet Ron Gould, der früher auf Aufsichtsseite tätig war und heute Finanzinstitute bei der Umsetzung neuer regulatorischer Vorgaben berät. „Aber das ist wahrscheinlich mehr Wunschdenken als alles andere.“ Denn die individuellen Prüfungen verlaufen streng. Von einem sogenannten „Schnüffeltest“ der Aufseher ist die Rede.

Nach Einschätzung von Adrian Crawford von der Kanzlei Kingsley Napley hätten viel mehr Banker für die Tricksereien bei wichtigen Zinssätzen wie dem Interbankenzins Libor zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn es die strengeren Dokumentationspflichten schon früher gegeben hätte.

Der britische Bankenverband BBA versucht derweil dem Eindruck entgegenzutreten, die neuen Regeln aushöhlen zu wollen. Vielmehr biete sich jetzt die Chance, zu überprüfen, ob man die richtigen Leute in den richtigen Positionen habe und ob die Job-Beschreibungen klar genug seien, heißt es bei der Lobby-Organisation. Branchenkenner sagen, wenn zumindest das gelinge, wäre ein großer Schritt getan, um das Vertrauen in die Londoner „City“ wiederherzustellen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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