Regulierung: Rohstoffhändler haben Angst vor EU

Regulierung: Rohstoffhändler haben Angst vor EU

, aktualisiert 14. April 2016, 12:17 Uhr
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Eisenerzberge des Bergbaugiganten Rio Tinto in Parker Point, Westaustralien.

von Holger AlichQuelle:Handelsblatt Online

Die Rohstoffbranche wird nach den Wünschen der Europäischen Union stärker reguliert. Die Händler fühlen sich mit Bankern über einen Kamm geschert und beklagen sich auf einem Rohstoff-Gipfel lautstark.

LausanneWohin steuert die chinesische Wirtschaft? Einigen sich die Ölförderländer auf eine Begrenzung des Angebots, um den Preisverfall zu stoppen? Zwei Tage diskutierte das Who is Who der Rohstoffhändler auf dem „FT Commodities Global Summit“ solche Fragen. Eine der größten Bedrohungen für ihr Geschäft orten die Rohstoff-Manager aber ganz woanders: in Brüssel.

 Denn seit Jahren arbeitet die EU an neuen Regeln für die Finanzindustrie, die auch die Rohstoff-Branche erfassen soll: Mifid II heißt das Regelwerk. Es ist so komplex, dass seine Anwendung jüngst auf das Jahr 2018 verschoben wurde. Was die Rohstoffbranche aber nicht beruhigt.

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„Die Regulierung droht nachhaltige Folgen für die Geschäftsmodelle der Branche zu haben“, warnte Guillaume Vermersch, Finanzchef des Rohstoff-Riesen Mercuria. „Man kann Rohstoffhändler nicht mit Finanzinstituten vergleichen“, schimpfte Torbjörn Törnqvist, der CEO der Ölhändlers Gunvor.

Das Regelwerk Mifid II betrifft die Rohstoff-Branche in zwei Punkten. Zum einen sieht das Regelwerk Positionslimits vor. Laut den jüngsten Vorschlägen der europäischen Marktaufsichtsbehörde Esma soll kein Marktteilnehmer mehr als 35 Prozent alle Termin-Geschäfte für eine bestimmte Rohwaren-Kategorie besitzen dürfen. Damit soll verhindert werden, dass ein Marktteilnehmer das Angebot künstlich verknappt und damit die Preise für Lebensmittel nach oben treibt.

In den USA gibt es vergleichbare Regeln, aber sie umfassen bei weitem nicht so viele Warengruppen wie die EU-Pläne. „Über 1000 Produktgruppen sind betroffen“, sagte Paul Willis, Rohstoff-Experte der britischen Marktaufsicht FCA.

Der zweite Punkt ist, dass Rohwaren-Händler unter bestimmten Bedingungen ihre Absicherungsgeschäfte wie Banken mit Eigenkapital absichern sollen. Das hängt laut den EU-Plänen von zwei Faktoren ab: Zum einen vom Anteil spekulativer Derivate-Geschäfte, denen also kein Absicherungsgedanke zu Grunde liegt, am gesamten Handelsvolumen eines Händlers. Machen Spekulationsgeschäfte mehr als 10 Prozent des Handels aus, sollen Rohstoffhändler unter Mifid II fallen.

Zum zweiten sehen die Entwürfe eine Art Marktanteils-Test vor, sprich, welcher Anteil ein Händler mit seinen Transaktionen eines bestimmten Kontraktes am gesamten EU-Markt hat. Der Schwellenwert hier variiert je nach Warengruppe zwischen drei Prozent bei Öl-Produkten und 20 Prozent für Co2-Emissionsrechte.

Die Branche fürchtet, dass die Regeln ihre Risikoabsicherung verteuert. „Wenn wir die physischen Händler davon abhalten, ihre Risiken abzusichern, dann erhöhen wir die Risiken“, so Gunvor-Chef Törnqvist.


Warum sich Rohwaren-Händler nicht als Risiko sehen

Rohwaren-Händler würden kein Risiko für das Finanzsystem darstellen. Denn sollte ein Händler pleite gehen, sind die Rohwaren, die einem Vertrag zu Grunde liegen, ja immer noch vorhanden und können von der Gegenpartei, etwa einer Bank, verkauft werden. Würden den Händler durch zu harte Regulierung die Absicherungsgeschäfte verteuert, droht diese dem Markt Liquidität zu entziehen. Höhere Preisausschläge wären die Folgen. „Und das ist das Gegenteil von dem, was die Politik eigentlich erreichen will“, sagte Gert-Jan van den Akker, Manager der Agrar-Händlers Cargill.

Auch mit Blick auf die Banken-Regulierung hat die Branche Anlass zu Sorge. So sehen die neuen Eigenkapital-Regeln Basel III, die auch die EU umsetzt, erhöhten Kapitalbedarf bei Banken vor, finanzieren diese Rohstoff-Lieferungen.

Laut Alzbeta Klein von der International Finance Corporation, einer Tochter der Weltbank, hat dies dazu geführt, dass das Finanzierungsvolumen seit 2008 bereits um zehn Prozent gesunken ist.

Noch stellt der erhöhte Eigenkapitalbedarf der Banken für die Rohstoff-Branche aber kein großes Problem dar. Denn da die Rohwaren-Preise auf breiter Front stark gesunken sind, haben die Händler geringeren Finanzierungsbedarf. „Die Kreditlinien bei den Banken sind bei weitem nicht ausgeschöpft“, so ein Bank-Manager zum Handelsblatt. Banken könnten daher die gestiegenen Eigenkapitalkosten nicht auf die Rohwaren-Händler überwälzen.

Doch das Blatt könnte sich wenden. Denn sollten die Rohstoffpreise wieder ansteigen, steigt damit auch der Finanzierungsbedarf für die Händler. Wegen des erhöhten Kapitalbedarfs seien die Geschäfte für Banken aber weniger attraktiv. Als Folge könnte der Rohstoffhandel ernsthafte Finanzierungsprobleme bekommen, warnte Klein.

 

Quelle:  Handelsblatt Online
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