Reisende Handwerker in Frankreich: Die „Gesellen der Pflicht“

Reisende Handwerker in Frankreich: Die „Gesellen der Pflicht“

, aktualisiert 07. November 2016, 17:20 Uhr
Bild vergrößern

In Frankreich gilt eine Berufsausbildung, erst recht eine handwerkliche, auf der sozialen Stufenleiter als das Unterste.

Quelle:Handelsblatt Online

In Frankreich reisen Handwerker auf der Suche nach Wissen und Tradition durchs Land. Sie nennen sich „Gesellen der Pflicht“ – das klingt altmodisch, ist in der Umsetzung aber erstaunlich modern.

ParisWer im Stadtzentrum von Paris hinter dem Hotel de Ville an der Kirche Saint-Gervais vorbeigeht, stößt auf ein großes Eckhaus mit einer merkwürdigen Aufschrift: „Les compagnons du devoir“. Der compagnon ist im Französischen ein Geselle, wie im Deutschen mit der doppelten Bedeutung: als Begleiter oder als Handwerker.

„Die Gesellen der Pflicht“, das klingt äußerst altmodisch, ein wenig sektenhaft. Wie kommt diese seltsame Organisation ins moderne Paris, und auch noch in ein Viertel, das zu den teuersten gehört? Was dahinter steckt, erfährt man, wenn Tag der offenen Tür ist und einer der Gesellen – seit 20 Jahren gibt es auch Gesellinnen – bereitwillig Auskunft gibt.

Anzeige

Wir stoßen auf Kevin, 21, der noch sehr jung aussieht, aber beim Reden eine erstaunliche Reife ausstrahlt. „Der ausführliche Titel unserer Organisation ist ‚Association ouvrière des compagnons du devoir et du tour de France‘“, präzisiert er. Der geschichtliche Hintergrund verliert sich in grauer Vorzeit, als Berufe entstanden sind und Gesellen sich auf die Reise machten, um sich als Handwerker und Mensch weiter zu entwickeln.

In Frankreich gibt es erste schriftliche Zeugnisse aus dem frühen 18. Jahrhundert. Die Assoziation aber wurde erst 1941 gegründet: Unter dem Vichy-Regime und der Nazi-Besatzung wurden die compagnons verdächtigt, eine Art Freimaurer zu sein, zum Selbstschutz gründeten sie ihren Verband.

Die Ziele haben sich seit dem Mittelalter nicht verändert: „Es geht darum, Wissen über Berufe, die mit Handarbeit verbunden sind, und gleichzeitig eine bestimmte Denkweise aufzunehmen und weiterzugeben“, sagt Kevin. Die Reise durch Frankreich, die „tour de France“, dient beidem: der beruflichen Weiterbildung und der persönlichen Reife. Ein „guter Mann zu werden“ war das Ziel – als noch keine Frauen aufgenommen wurden.

Kevin hat Schmied gelernt und ist seit zwei Jahren auf der Reise. Er kennt die ältesten Techniken wie die modernsten. „Nichts vom alten Wissen soll verloren gehen, aber wir wollen auch in jedem modernen Betrieb arbeiten können“, erläutert er. Jedes Jahr kommt er in eine andere Stadt, lebt dort in einem Haus der compagnons und arbeitet tagsüber in einem regulären Unternehmen. „Abends von acht bis zehn dann gibt es Weiterbildung, die Älteren schulen mich und ich die Jüngeren.“


„Viele haben ein Studium abgebrochen“

Das klingt wirklich altertümlich. Aber auch sehr modern. Viele Jugendliche gehen heute auf eine Weltreise vor oder nach dem Studium, weil sie das Gefühl haben, nicht fertig zu sein, obwohl sie ein Diplom in der Hand haben.

In Frankreich kommt etwas anderes hinzu. Auf Handwerk ist man im Allgemeinen nicht stolz. In unserem Nachbarland ist eine Berufsausbildung, erst recht eine handwerkliche, auf der sozialen Stufenleiter das Unterste, etwas für Jugendliche, die nichts geschafft haben.

Die compagnons aber sind alles andere als Versager. Janny Thomas, der das Haus in Paris leitet, berichtet, dass man mit 16 Jahren in die Association eintreten könne. Mittlerweile aber habe die Mehrzahl der neu Aufgenommenen das Abitur. „Viele haben ein Studium abgebrochen, weil sie den Sinn nicht erkennen, mehr suchen als ein Diplom.“ Die Devise der Assoziation lautet: „Sich nicht bedienen und sich nicht knechten lassen, sondern dienen.“

Wer aufgenommen werden will, muss zunächst die Berufsausbildung abschließen, die Assoziation hat ihre eigenen Berufsschulen. Zum Abschluss kommt die Initiation: Der Kandidat muss ein Gesellenstück anfertigen. In die Bewertung fließt nicht nur die technische Fertigkeit ein, sondern auch die Haltung, mit der der Kandidat Schwierigkeiten bewältigt. Die Pflicht aus dem Namen des Verbandes ist eine moralische: Was einem gegeben wurde, soll man weiterreichen an die Jüngeren. „Dabei ist klar, dass ein compagnon mit Familie weniger Zeit hat als ein Rentner, der sich mehr kümmern kann.“ sagt Kevin.

Wie lange will er noch reisen? „Es gibt keinen fixen Zeitrahmen – bis ich das Gefühl habe, fertig zu sein, mich gut in meiner Haut fühle und glaube, mein Leben meistern zu können.“

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%