Reklame für die Mongolei: Kennen Sie Tögrög?

Reklame für die Mongolei: Kennen Sie Tögrög?

, aktualisiert 23. Januar 2016, 11:02 Uhr
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In Davos präsentiert sich auch die Mongolei.

von Thomas TumaQuelle:Handelsblatt Online

Von der Schweiz nach Ulan Bator oder: Wie man auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum innerhalb weniger Stunden zu einem leidenschaftlichen Anhänger der Mongolei werden kann.

DavosSeine Visitenkarte steckt er mir schneller zu, als ich „Dschingis Khan“ sagen kann. Orkhon Onon ist ein netter junger Mann und steht am Freitagabend gegen 19 Uhr noch etwas verloren in den Kongress-Katakomben des Interconti in Davos herum. Ich bin sein erster Gast, und Herr Onon ist ein bisschen aufgeregt. Er ist nicht nur Vorstandschef der Trade and Development Bank of Mongolia, sondern zugleich Mitorganisator jenes Events, das hier gleich anfängt: die „Mongolia Night“.

Haha, werden Sie denken: So ist das also, wenn im Windschatten des World Economic Forums (WEF) ein Entwicklungsland ein bisschen Werbung für sich macht. Haha, denke ich da auch noch und dazu: Für so einen Abend verbrennt die mongolische Regierung wahrscheinlich ihr halbes Marketing-Jahresbudget. Immerhin haben sie eine richtige Jurte aufgebaut („eine halbe, sonst sähe man das Innere ja nicht“, sagt Herr Onon).

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Auf großen Bildschirmen laufen Imagefilme, die zeigen, dass die Mongolei auch richtige Ärzte hat und Feuerwehrleute und Hochhäuser und sogar Ballerinen und Rockstars. Aber wer weiß schon, wie der Cro der Mongolei heißt? Oder der dortige Martin Walser? Oder der Barack Obama von Ulan Bator? Eben. Von der Weltgemeinschaft wird das Land weitgehend ignoriert. Deshalb treten jetzt eigens eingeflogene Tänzerinnen auf, und der Staatspräsident wird auch gleich kommen. Wahnsinn!

Dabei weiß ich nicht mal, wie der heißt, nippe aber schon an einem mongolischen Wodka, der jedes Yak zum Röhren brächte. Also schnell noch ein bisschen was zusammengoogeln: Tsachiagiin Elbegdordsch ist ein lupenreiner Demokrat. Und zwar ein richtiger. 52 Jahre alt, gelernter Journalist, der 1989 die Gründung einer demokratischen Bewegung ankündigte. Und was soll man sagen: Drei Jahre später hatte das Land eine Verfassung, Gewaltenteilung, die Marktwirtschaft und ein Parlament. Unter allen „Demokratien“ des alten Ostblocks ist die Mongolei mittlerweile eine der stabilsten.

Es ist noch nicht mal halb acht, und die Mongolei ist mir schon ziemlich sympathisch. Und das liegt nicht am Wodka. Gut, das Reich scheint ziemlich erdbebengefährdet zu sein, hat aber ja auch kaum etwas, das umfallen kann. Okay, die Säuglingssterblichkeit ist hoch. Und ja, angeblich leben in Ulan Bator mehrere tausend Jugendliche in Heizungstunneln.

Andererseits ist es ein Land der Rekorde, die man kaum erfinden kann: Hinter Kasachstan ist die Mongolei der zweitgrößte Binnenstaat der Erde und laut Wikipedia zugleich der „am dünnsten besiedelte unabhängige Staat “. Das heißt ja zugleich: Da ist Bauland noch wirklich günstig zu kriegen. Ob die in Davos so vielbeschworene Industrie 4.0 der unter Mongolen noch sehr beliebten nomadischen Viehwirtschaft wirklich neue Akzente vermitteln könnte, vermag ich zu bezweifeln. Aber landschaftlich scheint dieses weite Land wirklich große Reize zu bieten. Ein Drittel ist Hochgebirge. Außerdem leben dort Schneeleoparden, Gobi-Bären und die Przewalski-Pferde (diese kleinen dicken), die auch deutsche Zoobesucher längst ins Herz geschlossen haben – wie ich mittlerweile diese Perle Asiens.

Und dabei ist der „Goldene Falke der Demokratie“, wie Tsachiagiin Elbegdordsch von seinen Anhängern genannt wird, noch immer nicht angekommen im Interconti-Konferenz-Keller. So vieles, was ich bisher über die Mongolei nicht wusste: Dass 81,5 Prozent der Bevölkerung Chalcha-Mongolen sind, neben ein paar Burjaten und Dörwöd, was man nicht mit der Währung verwechseln sollte, die Tögrög heißt. Die Kalmücken sind übrigens auch Mongolen, leben aber überwiegend in Russland. Gleich wird eine Sängerin auftreten, die vielleicht Schnökös heißt und die Celine Dion der Mongolei ist. Wer weiß das schon? Wer weiß überhaupt irgendwas über dieses wundervolle Land, das übrigens nur zwei Nachbarn hat: Russland und China.

Dschingis Khan, der die Mongolen einst vereint hat, hieß übrigens eigentlich Termüdschin. Und als er 1227 starb, wurden nicht nur alle Lebewesen in seiner Umgebung getötet, sondern auch 2000 Menschen, auf dass niemand je mehr sagen möge, wo seine Grabstätte ist. Klassisches Mongolisch schreibt man senkrecht. Einer der bekanntesten mongolischen Dichter verfasst seine Werke überwiegend in Deutsch, denn Galsan Tschinag (so heißt er) hat einst in Leipzig Germanistik studiert, und nein, ich bin nicht betrunken, als nun endlich Tsachiagiin Elbegdordsch erscheint.

„No Photo please“, murmelt einer seiner Leibwächter, als ich das iPhone hebe. Die Mongolei hat nicht viel mehr Einwohner als Berlin. Aber man kann sich irgendwie nicht vorstellen, dass zu einem Berlin-Reklameabend mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller auch der Hollywoodstar Michelle Yeoh käme, oder? Und diese Filmlegende („Tiger & Dragon“) steht nun hier mit ihrem Lebensgefährten Jean Todt, Präsident des Weltautomobilverbandes. So ein Top-Besuch kostet womöglich die andere Hälfte des mongolischen Marketing-Jahresbudgets. Aber who cares. Nun lachen sie mit Tsachiagiin Elbegdordsch, bevor der das kleine Podium erklimmt und für seine Heimat wirbt: „It’s time to go to Mongolia!“

Als wüsste ich das nicht längst! Als würde ich nicht lieber heute als morgen in eine Jurte ziehen in Khatansuudal oder Bor-Undur, was ja alles wie Mittelerde klingt und womöglich auch so aussieht. Na ja, vielleicht doch lieber erst übermorgen. Vielleicht erstmal Urlaub in der Mongolei? Ein Paradies für wenig Tögrög ist es auf jeden Fall.

Ob’s mir gefallen habe, fragt Orkhon Onon am Ende. Gefallen? Begeistert hat es mich! Mongolia is the place to be. Danke, Tsachiagiin Elbegdordsch! Danke Orkhon Onon! Und sei es nur für die Erkenntnis, dass man mit schönen Frauen und Alkohol tatsächlich noch immer erfolgreich Reklame machen kann.

Quelle:  Handelsblatt Online
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