Religion in den USA: Beten hilft!

Religion in den USA: Beten hilft!

, aktualisiert 16. Dezember 2016, 15:14 Uhr
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Auch in den USA nimmt die Zahl der Kirchenbesucher und -mitglieder ab. Aber insgesamt ist das Land doch noch viel mehr religiös geprägt als zum Beispiel Deutschland.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Viele Amerikaner sind religiös, aber längst nicht alle davon sind konservativ. Die persönliche Erfahrung zeigt: Fromm zu sein hat in den USA ganz viele Varianten. Eine Weltgeschichte.

New YorkDer Pfarrer, hochgewachsen mit deutschem Namen und deutschen Vorfahren, begrüßt mich auf Deutsch mit „Herzlich Willkommen!“ Im Grunde bin ich schon in diesem Moment in die Gemeinde aufgenommen. Sie ist in den letzten vier Jahren für mich, der ich zuvor nie ein regelmäßiger Kirchgänger war, zu einer Art Familienersatz geworden.

Auch in den USA nimmt die Zahl der Kirchenbesucher und -mitglieder ab. Aber insgesamt ist das Land doch noch viel mehr religiös geprägt als zum Beispiel Deutschland. Aus der Ferne fallen dabei meist die sehr konservativen Christen ins Auge. Diejenigen, die zum großen Prozentsatz Donald Trump gewählt haben, um sicherzustellen, dass er Konservative ins Oberste Gericht der USA beruft, Leute, die gegen Abtreibungen und Schwulenehen sind.

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Aber dieses Bild täuscht. Meine eigene Gemeinde, mitten in Manhattan am Times Square gelegen, ist dafür das beste Beispiel. Ein altmodisches Gebäude, viel klassische Musik, viele alte liturgische Traditionen. Aber hier sind Schwule ausdrücklich willkommen und können in der Kirche heiraten. Die meisten Gemeindemitglieder sind, jedenfalls für amerikanische Verhältnisse, links oder zumindest sehr liberal. Religion hat hier eindeutig auch eine soziale Komponente.

Wenn man aus dem säkularen Deutschland kommt, verwirrt die häufig zu hörende religiöse Sprache zunächst, wirkt mitunter sogar aufgesetzt. In Amerika ist es völlig normal zu sagen „Gott segne dich“. Das sagen sich nicht nur Kirchgänger gegenseitig, so bedanken sich auch Bettler auf der Straße. Auch die Formel „Ich bete für dich“ ist viel häufiger zu hören als in Deutschland. Und meistens ist sie auch wörtlich gemeint. Ich habe selber die Erfahrung gemacht, dass sie auch Trost bieten kann, wenn man welchen braucht. Beten hilft: Man weiß, dass andere an einen denken. Man fühlt sich nicht allein in dieser riesigen Stadt, in der man sich schnell allein fühlen kann.

Kirchengemeinden sind in den USA vor allem Gemeinschaften. Man betet nicht nur zusammen, sondern isst auch zusammen und verbringt die Freizeit gemeinsam. Jeder in dem Maß, wie er will, niemand wird gezwungen, das ist jedenfalls meine Erfahrung. In einer Stadt, wo es viele Bettler und viele Milliardäre gibt, treffen sich Leute mit viel und wenig Geld in der Kirchenbank.


Eine bunte religiöse Welt

Dabei gibt es keine staatlichen Kirchen, sondern eine Vielzahl verschiedener Konfessionen, die ich bis heute nicht auseinander halten kann: Lutheraner, Katholiken, Methodisten, Baptisten, Episkopale. Ökumene spielt keine wirkliche Rolle, aber Berührungsängste sind auch nicht allzu ausgeprägt. Ich bin Mitglied einer lutherischen Gemeinde mit einem katholischen Musiker, der daneben auch bei einer Synagoge angestellt ist. Damit hat niemand ein Problem. Auf der anderen Seite gibt es lutherische Gemeinden, die wegen winziger theologischer Differenzen nicht miteinander Abendmahl feiern. Das hindert aber niemanden daran, miteinander Feste zu feiern.

Es geht nicht um zwei große Kirchen, die ständig damit beschäftigt sind, ihre Beziehungen neu definieren. Stattdessen gibt es Unmengen unterschiedlicher Gemeinschaften, die ihre Unterschiede pflegen, aber oft auch untereinander befreundet sind. Das erinnert fast, pardon, an Stämme: Jeder hat seine eigene Tradition, aber man raucht zusammen die Friedenspfeife.

In New York gibt es jede Art von Gemeinden, ganz winzige, aber auch welche mit Tausenden von Mitgliedern. Meine Gemeinde ist recht klein, hat aber einen harten Kern. Ein paar Minuten entfernt liegt eine Mega-Church, die in einem alten Theater Gottesdienste feiert und weltweit übers Internet verbreitet. Ich war mal dort – zusammen mit rund 1.800 anderen Besuchern, und das an einem Dienstag, nicht etwa am Sonntag. Es gibt traditionelle Gemeinden, sogar eine unweit des Kaufhauses Macy’s, in der katholische Gottesdienste auf Latein und mit gregorianischem Gesang gefeiert werden.

In anderen Gemeinden peitschen die Prediger die Gläubigen so lange auf, bis sie halb in Trance in den Sitzreihen taumeln. In meiner Kirche geht es relativ ruhig zu, aber sehr persönlich, alle sind eine Art Freundeskreis, innerhalb dessen sich noch festere Freundschaften bilden. Fast alle Gemeinden haben auch Ausländer als Mitglieder, so wie mich oder einen Freund aus Korea. Bei den lateinischen Katholiken stammt der beste Gregorianik-Sänger von den Philippinen.

Nicht zu vergessen ist, dass die Religion in der amerikanischen Geschichte auch bei der Emanzipation der Schwarzen eine große Rolle gespielt hat. Martin Luther King war ein Prediger, er hat in der letzten Ansprache vor seiner Ermordung von der glänzenden Stadt auf dem Hügel gesprochen – ein starkes, biblisches Bild. Seine Bewegung ist auch von weißen Religiösen unterstützt worden.

Religion ist überall auf der Welt das, was man daraus macht. In den USA ist die Spannbreite besonders groß, und daher die religiöse Welt besonders bunt. Bevor ich dorthin gekommen bin, hätte ich nie gedacht, dass sie so viel Bedeutung für mich bekommen würde.

Quelle:  Handelsblatt Online
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