Renaturierung im Tagebau: Vom toten Loch zum lebenden See

Renaturierung im Tagebau: Vom toten Loch zum lebenden See

, aktualisiert 10. Juli 2017, 11:28 Uhr
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Blick vom Leipziger Ufer über den Zwenkauer See. In dem Tagebausee tummeln sich erste Lebewesen.

Quelle:Handelsblatt Online

Von ihrer Wasserchemie her ähneln Tagebauseen sauren Vulkanseen. Manche Tiere und Pflanzen lassen sich trotzdem in dem unwirtlichen Lebensraum nieder. Doch wie kommen sie überhaupt ins Wasser?

LeipzigNackte Ufer, trübes Wasser und am Horizont schickt ein Braunkohlekraftwerk Dampfwolken gen Himmel – für die meisten Menschen mag dieser See wenig verlockend aussehen. Für Robert Lange ist er etwas ganz Besonderes. Er beobachtet, wie sich hier Leben ansiedelt. „Die Chance hat man nur einmal im Leben, so etwas live zu sehen“, sagt er.

Lange ist Tauchlehrer am Zwenkauer See, im Süden Leipzigs. Sein Revier ist noch jung. Früher wurde hier Braunkohle abgebaut. Erst vor zehn Jahren begann die Flutung des Lochs. Und jetzt tummelt sich erstes sichtbares Leben darin. Gerade mal eine Handvoll Stichlinge habe sich im vergangenen Jahr im Einstiegsbereich zum Tauchrevier herumgetrieben. Heute seien dort schon 20 bis 30 Fische unterwegs. Auch Pflanzen breiteten sich aus.

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Doch wie kommt das Leben überhaupt in einen zunächst unbelebten See? Das gehe im Normalfall recht schnell, sagt Brigitte Nixdorf, die an der Brandenburgischen Technischen Universität unter anderem zu Tagebauseen forscht. Wasservögel bringen in ihrem Gefieder und an ihren Füßen Fisch- und Insekteneier, erklärt sie. Der Wind bläst Sporen und Samen in den See. Überflutungen schwemmen Leben ein: Fische, Krebschen und Larven. Und schließlich ist da noch der Mensch, der etwa Fische aussetzt.

Tagebauseen wie der Zwenkauer See machen es dem Leben allerdings schwerer. Sie sind oft sehr sauer und ähneln von der Chemie her eher Vulkanseen als gewöhnlichen Weichwasserseen. Mehr als 500 solcher Seen gibt es in Deutschland einem Bericht des Umweltbundesamts zufolge. Viele davon liegen in der Lausitz und im rheinischen Braunkohlerevier.

Die Säure entsteht durch das Graben nach Kohle und das Absenken des Grundwasserspiegels. „Dabei werden Erdschichten belüftet, die zuvor Jahrtausende lang abgeschottet waren“, erklärt Jörg Gelbrecht, Chemiker am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin.

Dadurch wird eingelagertes Pyrit – besser bekannt als Katzengold – unter anderem zu Schwefelsäure umgewandelt. Und die fließt später etwa mit dem Grundwasser in den See, wo sie je nach Konzentration die Ansiedelung von höherem Leben erschwert bis unmöglich macht.


Pflanzen haben es besonders schwer

Auch der Zwenkauer See war zu Beginn sehr sauer. Tausende Tonnen Kalk, die ins Wasser gegeben wurden, haben seinen pH-Wert mittlerweile normalisiert. Doch immer wieder kann Säure aus dem Boden nachströmen, wie die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV) erklärt, die in der Region für die Sanierung von stillgelegten Tagebauen verantwortlich ist. Bis diese Gefahr gebannt sei, dauere es Jahrzehnte, sagt Jörg Gelbrecht.

„Extreme Säure mit großer Härte ist etwas, was nur wenige Arten vertragen“, sagt Brigitte Nixdorf. Fische bräuchten einen pH-Wert von mindestens 5,5, um sich fortpflanzen zu können. Muscheln, Krebsen und Schnecken setzt Säure besonders zu – sie löst ihre Schalen und Panzer auf.

Und gleich doppelt schwer hätten es Pflanzen, erklärt Nixdorf. Denn Nährstoffe wie Phosphor werden im sauren Wasser gebunden und sind für die Pflanzen nicht verfügbar. Zudem gebe es darin wenig anorganischen Kohlenstoff, den die Pflanzen für die Photosynthese brauchen.

„Tot ist aber eigentlich fast gar kein Gewässer“, betont Nixdorf. Das Leben erobere auch saure Seen. „Bakterien sind fast immer drin.“ Manche Pilze kämen ebenfalls mit saurem Wasser klar. Ihnen folge pflanzliches Plankton. Später siedelten sich größere Wasserpflanzen und Kleinsttiere wie Wasserflöhe oder Rädertierchen an.

Noch später folgen bestimmte Insektenlarven, die schließlich die Nahrungsgrundlage für Fische bilden – wenn das der Säuregehalt erlaubt. Die Vielfalt in sauren Seen sei aber sehr gering, sagt Nixdorf. „Das resultiert auch in sehr verkürzten Nahrungsketten.“

Dieser Befund trifft wohl auch noch auf den Zwenkauer See zu. Nur wenige Geiseltierchen, Rädertierchen und einzellige Algen leben dort. Von Fischen wisse man gar nichts, heißt es bei der LMBV. Der See werde wohl auch langfristig nährstoffarm bleiben und immer wieder mit neuer Versauerung zu kämpfen haben. Für Tiere und Pflanzen dürfte er noch lange ein eher ein unwirtlicher Lebensraum darstellen.

Robert Lange hat für sein Unterwasser-Revier aber Hoffnung. Bei einem seiner Tauchgänge habe er Stichling-Männchen beobachtet, die ihren Laich bewachten, erzählt er. „Es wird.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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