Renault Scenic: Frühlingsgefühle auf Rädern

Renault Scenic: Frühlingsgefühle auf Rädern

, aktualisiert 23. März 2017, 09:56 Uhr
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In der vierten Generation wird der Renault Scénic vom Kompaktvan zum Crossover, der statt nüchternem Familienlaster-Design nun modische SUV-Elemente zeigt, wie schon der große Van Espace. Außerdem ziehen neue technische Highlights ein, wie der Notbrems-Assistent mit Fußgänger-Erkennung oder das Zusammenklappen der Rücksitze per Fingertip.

von Frank G. Heide und Lukas BayQuelle:Handelsblatt Online

Renault hat die Langeweile hinter sich gelassen. Der neue Scenic ist nicht nur Familienvan, sondern auch optisch ansprechend. Das Design hat allerdings seine Tücken.

DüsseldorfFamilienvans waren jahrelang ziemlich funktionale Fahrzeuge, deren Besitzer ihren Nachbarn nach dem Kauf etwas entschuldigend erklärten, dass ihr neues Auto natürlich nicht wahnsinnig schön, aber dafür eben praktisch sei. Dann wurden Klappen geklappt, Sitze verschoben, Staufächer erkundet und am Ende war man sich einig, dass man ein vernünftiges Auto gekauft hatte.

Doch seit der SUV-Hype grassiert, gelten Vans als aussterbende Art. Denn die kantigen Geländewagen bieten alle Vorteile der Vans ohne das biedere Image. Aber der Scenic von Renault, das ist so ein Van, der sich der SUV-Flut entgegenstemmen soll. Einer, in den man sich verlieben kann. Renault-Chefdesigner Laurens van den Acker hat dafür ganze Arbeit geleistet und den Scenic von seiner Biederkeit befreit.

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Auf den Straßen von Düsseldorf – zwischen Bentleys, Maseratis und Porsche - interessierte Blicke für ein Auto zu ernten, ist schwer genug. Mit einem Renault war es bislang geradezu unmöglich. Während wir den Scenic testeten, schauen aber selbst die Düsseldorfer Passanten mitunter zweimal hin. Das liegt nicht nur an der auffälligen Lackierung in Metallic-Orange. Auch die 20-Zoll-Reifen sind mit ihren futuristischen Felgen ein Hingucker – gerade weil sie auf den ersten Blick so ungewohnt groß an dem Familienvan wirken.

Vieles andere, das der riesige Espace großartig erledigt, macht der kleinere Scenic nicht unbedingt schlechter, aber eben eine Spur kleiner. Das Raumgefühl hat für etwas französisch-futuristisches, nicht völlig ausgeflippt, mehr so wie ein sehr freundlicher Alien. Dazu passt auch die Ambientebeleuchtung ganz toll, die sich individuell an die Stimmung des Fahrers und die Abstimmung des Fahrwerks anpassen lässt. Natürlich braucht man so ein Extra nicht. Aber man freut sich, es zu haben.

Das Infotainment-System wird nun – ganz zeitgemäß – über einen 8,7-Zoll-Touchscreen gesteuert. Der kostet extra, erspart einem aber das Cockpit-Gefühl, das früher beim Blick auf die Mittelkonsole aufkam. Leider ist er mitunter auch etwas unpraktisch. Um nahtlos zwischen Navigation und Radio hin und her zu wechseln, braucht man ein wenig Übung und riskiert, sich in den Menüs zu verheddern.

Auch die Sprachsteuerung versteht mitunter nur Bahnhof oder Französisch, jedenfalls nicht den Fahrer. Wie sie reagiert, falls im Hintergrund Kinder lärmen, will man sich lieber nicht vorstellen. Insgesamt ist das Multimedia-Infotainment-System aber intuitiv zu verstehen.

Etwas zu sehr versteckt haben die Franzosen leider die Fahrmodi. Während es für den Eco-Modus eine einzelne Taste gibt, sind die anderen Motor- und Fahrwerksabstimmungen erst übers Aufrufen der SenseMe-Menüs und Untermenüs zu erreichen. Das geht auch einfacher.

Dafür hat man zumindest optisch daran gedacht, die einzelnen Fahrmodi abzugrenzen. Schaltet man in den Eco-Modus, wird angezeigt mit welcher Drehzahl man besonders sparsam unterwegs ist. Beim Sportmodus verändern sich nicht nur Lenkung und Abstimmung, sondern auch die Beleuchtung im Innenraum.

Ein Sportler ist der Scenic trotzdem nicht. Weil uns der Diesel trotz souveräner Alltagsleistungen zu keinerlei Rennen oder Sprints zwingt, und weil das Fahrwerk schon in den ersten Kurven klar signalisiert: "Kein Sport, seh wu pleh!"


Die Tücken des Designs

Dafür kann man im Scenic gut innerlich loslassen und kommt auch nach längeren Fahrten entspannt an. Für den gestressten Vater oder die gehetzte Mutter ist vor allem der Komfortmodus ein überzeugendes Kaufargument. Denn dann schaltet der Scenic automatisch seine Massagefunktion ein, die sanft über den Rücken gleitet. Ist natürlich nicht vergleichbar mit einer Handmassage, beruhigt aber dennoch ungemein.
Für Eltern, die während der Fahrt einiges zu verstauen haben, bietet der Scenic variablen Stauraum in der Mittelkonsole, die sich komplett verschieben lässt. Wer das zum ersten mal ausprobiert, hat ein echtes Aha-Erlebnis. Und auch das Handschuhfach, das - wie im Espace - als Schublade herausfährt, ist größer als üblich.

Auf der Rückbank sitzen größere Mitfahrer leider etwas beengt. Insgesamt ist das Platzangebot im Scenic aber ausreichend. Vor allem die ebene Ladefläche erleichtert den Einkauf.

Das Highlight für Menschen, die auch mal im Baumarkt schwerwiegendes und unförmiges erstehen, ist - als Extra - die umklappbare Rücklehne des Vordersitzes. Von schräg hinten links bis nach vorne rechts, ganz knapp vor die Frontscheibe schiebt man mehrere Balken hinein, von denen der Längste 2 Meter 70 misst. Sacre bleu, passt, formidable! Versuchen Sie das mal in ihrem C-Klasse T-Modell-Dienstwagen.

Allzu schnell sollte man den Scenic nicht bewegen, dann ist er ein genügsames Lastentier. Der 1,6-Liter-Vierzylinder brummt nur, wenn man ihn zu stark beansprucht. Im Test bleibt er bei einem Durchschnittsverbrauch von 5,6 Litern auf 100 Kilometer – das ist fast ein Liter mehr als vom Hersteller angegeben, aber ein ordentlicher Wert.

Bei Regen fällt ein störender Nebeneffekt des Designs auf. Das Regenwasser verwirbelt genau dort an den Außenfenstern, wo man auf die Seitenspiegel blickt. Unter Sicherheitsgesichtspunkten ist das nicht ideal, weil ein Blick in den Rückspiegel bei starkem Regen eingeschränkt ist.

Das durchaus ansprechende Design sorgt leider auch für eine eingeschränkte Manövrierfähigkeit. Zwar lassen großzügige Dreiecksfenster vorne und hinten neben den Seitenscheiben den Wagen transparent wirken. Doch wo das Auto tatsächlich beginnt und endet, lässt sich nur schwer abschätzen.

Und der Einparkassistent im Testwagen ist ein äußerst wählerischer Monsieur. Bis er eine passende Parklücke akzeptiert, braucht er so lange, dass man gleich selbst einparken kann.

Und noch etwas anderes erschwert die totale Entspannung im Scenic: Die übereifrigen Assistenten und Warnpieper, die sich gar nicht mehr beruhigen können, wenn beim Rückwärtsfahren mal eine Buchsbaumhecke im Rückspiegel näher als zwei Meter ans Fahrzeug heranrückt und den tollen Metalliclack bedroht.

Dankbar ist man den Franzosen dann beim Blick auf das Kamerabild – das gerne etwas schärfer sein dürfte. Drückt man auf ein hier eingeblendetes „X“,so schweigen die nervigen Aufpasser und es herrscht wieder himmlische Ruhe im Scenic.

Fazit: Der Scenic ist ein Espace in klein, auch beim Preis. Familien bietet er auf moderne Art genau die klassischen, praktischen Extras, die man in einem Van erwartet. Leider ist er etwas unübersichtlich, und seine Bedienung nicht besonders intuitiv. Sollten Vans aber tatsächlich aussterben, könnten das exotische Orange-Metallic und die futuristischen 20-Zöller ihn zu einer Art Überlebenskünstler für Designliebhaber werden lassen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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