Rezension zu Evi Hartmann: Wir Sklavenhalter

Rezension zu Evi Hartmann: Wir Sklavenhalter

, aktualisiert 04. Juli 2016, 09:39 Uhr
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Nähen für 49 Euro im Monat: Die Fabriken sind gerade für Frauen oft die einzige Gelegenheit, Arbeit zu finden.

von Corinna NohnQuelle:Handelsblatt Online

Was wollen wir uns leisten: ein Shirt für drei Euro oder mehr Moral? Ist Kinderarbeit zu verteufeln und wie wichtig ist uns Besitz? Die Autorin Evi Hartmann zeigt - drastisch und originell - dass Fairplay möglich ist.

DüsseldorfEs gab im früheren Ostblock diese Plakate: Ein streng blickender Jungsozialist streckt dem Zuschauer den Finger entgegen, darunter die Frage, was man denn bitte schön zum Erreichen der Fünfjahresziele beigetragen habe? Auf dem Cover von Evi Hartmanns neuem Buch blickt keiner streng, aber das Gefühl, dass man hier unter Beobachtung steht, macht sich trotzdem breit. „Wie viele Sklaven halten Sie?“, steht in Signalrot auf dem Titel, es wirkt wie ein Aufschrei: „Und Du?“

Denn darum geht es in dieser Auseinandersetzung mit Globalisierung und Moral: In welchem Maße profitiert jeder von uns Konsumenten in der westlichen Welt von der Not armer Produzenten auf der anderen Seite der Erdkugel? Was kann jeder beitragen, um dem Elend Einhalt zu gebieten? Welche Ausreden sind weder recht noch billig?

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Denn das T-Shirt für drei Euro, das obendrein bei manchen Teenagern nur wenige Wochen im Kleiderschrank hängt, scheint uns ja nur billig. Dass immer wieder Menschen teuer dafür bezahlen, wird uns allerdings immer nur dann auf unangenehme Weise bewusst, wenn mal wieder ein Sweatshop in Bangladesch abbrennt und alle Fernsehkanäle die Bilder der dreckig rauchenden Ruinen abspulen. Die Liste mit Rohstoffen und Gütern, die der Westen konsumiert, die aber anderswo unter erbärmlichen Bedingungen gefördert und geschaffen werden, lässt sich fortsetzen: edle Metalle und seltene Erden, Kaffee und Honig, Spielzeug und Fußbälle.

Wer nun fürchtet, die Autorin überfrachte ihre Leser mit Schauergeschichten: keine bange! Hartmann – BWL-Professorin an der Universität Erlangen-Nürnberg - schreibt locker, hat ihre Ausführungen knackig unterteilt und mit lebensnahen Anekdoten gespickt. Sie holt den Leser quasi am Frühstückstisch ab, wenn sie zum Beispiel ausführt, dass ein Glas fair gehandelter Honig zwar doppelt so viel wie normaler Honig kostet, dass man mit dem Kauf aber Menschenleben rettet, weil diese Imker von ihrer Arbeit können. Sie geht auch auf kontroverse und interkulturelle Probleme ein, führt zum Beispiel aus, warum Kinderarbeit eben nicht per se zu verteufeln ist.

Das in westlichen Konsumkreisen beliebte Argument „ich kann doch nicht in allen Bereichen nachhaltig einkaufen“, lässt Hartmann nicht gelten. Nicht, weil es nicht stimmt. Wer kriegt das schon hin?, gibt die Mutter von vier Kindern zu. Aber lohnt es nicht, wenigstens mal beim Honig oder den T-Shirts anzufangen? Wer würde, zieht sie drastisch die Parallele, Menschen in Lebensgefahr nicht zur Hilfe eilen, weil er nur einen aber nicht alle fünf retten kann?


Welchen Honig kaufen Sie morgen?

Gleichzeitig nimmt sie jene aus der Schusslinie, die sich tatsächlich nur das Drei-Euro-Shirt leisten können. Wer mit Hartz IV zurechtkommen muss, aber sich zumindest bewusst ist, was am anderen Ende der Lieferkette passiert, bewahrt wenigstens seine Moral. In diesem Credo schwingt aber auch mit: Die meisten von uns können sich mehr Moral leisten – oft einfach dadurch, dass wir eben nicht mehr jederzeit alles konsumieren, sondern zielgerichtet. Wir müssen uns entscheiden, was uns wichtig ist: Besitz oder Moral.

Spezialisiert auf das sogenannte Supply Change Management, also die Erforschung der Lieferkette vom Rohstoff bis zum Endprodukt, verbindet Hartmann ihre Anekdoten mit hintergründigem Know-How und dem Appell, es besser zu machen – auch jenseits des Frühstückstisches, etwa als Vertriebsleiter in einem globalen Konzern. Weil die Autorin an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft tätig ist, kennt sie die Ausreden und (nichtigen) Argumente der Wirtschaftsführer, warum Moral und Business angeblich nicht vereinbar sind.

Hartmann zeigt, dass das eine Mär ist. Sie benennt moralisch vorbildliche Unternehmen und Role Models, setzt sich mit „Moral Nudging“ auseinander, seziert die Argumente der Billighersteller bis zur Unglaubwürdigkeit.

Harsch kritisiert die Professorin auch den Wissenschaftsbetrieb, der erst zögerlich das Thema Moral in die Lehrpläne der Wirtschaftsstudenten integriert. Klar, man kann seit einigen Jahren Wirtschaftsethik studieren. Aber sitzen da nicht die Weltverbesserer unter sich? Wer soll denn den Konzernlenkern von morgen beibringen, was Moral ist und dass es sich lohnt, dafür einzustehen, wenn es schon an der Universität keiner macht?

Am Ende beantwortet Hartmann auch die Frage auf dem Cover: Wer neue Kleidung und Lebensmittel einkauft, Smartphone und Auto besitzt, lässt etwa 60 Sklaven irgendwo auf der Welt für sich schuften. Nun plädiert Hartmann nicht dafür, die Globalisierung rückabzuwickeln. Aber sie appelliert eindringlich dafür, aus Angst vor einer radikalen Umstellung gleich die schrittweise Annäherung an eine moralischere Konsumagenda und an eine verantwortungsvolle Unternehmensführung zu verweigern.

Und, welchen Honig kaufen Sie morgen?

Quelle:  Handelsblatt Online
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