Rhetorik-Ranking: Peter Terium setzt auf Klartext

Rhetorik-Ranking: Peter Terium setzt auf Klartext

, aktualisiert 17. Mai 2016, 12:48 Uhr
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Der Vorstandsvorsitzende von RWE auf der Bilanzpressekonferenz in der Zentrale in Essen. Sein Vortrag überzeugte die Experten.

von Claudia ObmannQuelle:Handelsblatt Online

Zur Halbzeit führt RWE-Chef Peter Terium das exklusive Redner-Ranking des Handelsblatts an. Doch es warten noch Titelverteidiger und spannende Newcomer unter den Dax-Chefs auf ihren Auftritt auf der Bühne.

DüsseldorfRandale gehört zur RWE-Hauptversammlung wie Butter zum Brot. Dementsprechend hat sich Vorstandschef Peter Terium auch in diesem Jahr von Umweltaktivisten, die in der Essener Gruga-Halle wieder minutenlang ihre Parolen brüllten, kaum aus dem Konzept bringen lassen. „Auch ich habe Kinder im protestfähigen Alter. Die sind aber in der Schule oder auf der Arbeit“, war alles, was ihm dazu jenseits seines Redemanuskripts rausrutschte, während die Ordner die jugendlichen Schreihälse aus dem Saal führten.

Allerdings wurde dadurch die Dramaturgie seiner Rede empfindlich gestört. Denn der gebürtige Niederländer musste diesmal all sein rhetorisches Geschick aufbieten, den enttäuschten Anlegern nicht nur die verheerende wirtschaftliche Lage ihres Unternehmens zu schildern, sondern sie auch von seiner Strategie überzeugen, mit der er den Konzern wieder auf Erfolgskurs bringen will. Das ertragreiche Netzgeschäft, den Vertrieb und die Erneuerbaren Energien abspalten und an die Börse bringen, parallel dazu den Kraftwerk-Bereich sanieren – seine Pläne schilderte er in klaren Worten. Ganz nach dem Motto der Rhetorik-Profis: „Ein Gedanke pro Satz.“

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Als der 52-Jährige nach nur 15 Minuten Vortrag sein Rednerpult verlässt, um in der Mitte der Bühne frei weiterzusprechen, wächst die Spannung auf den nächsten, offenbar wichtigen Punkt. Zu Recht. Denn Terium wirbt bei seinen Aktionären mit persönlichen Worten um Verständnis für den Dividendenverzicht: „Ich weiß, dass Sie eine schwere Zeit durchleiden. Und ich weiß, der Vorschlag, den ich heute an Sie richte, entspricht nicht Ihren Erwartungen. Aber wir müssen auf die Dividende verzichten, um zukunftsfähig zu werden.“

Terium liefert eine Ansprache ohne Fachjargon, Wortungetüme oder Passiv-Konstruktionen, mit denen sich die Verantwortlichen verschleiern lassen. Das alles sorgt für ein hohes Maß an Verständlichkeit und Transparenz bei den Zuhörern und das Gefühl, wie vom Redner anfangs versprochen, „reinen Wein eingeschenkt zu bekommen“. Dieser Auftritt bescherte Peter Terium im aktuellen Rhetorik-Wettstreit des Handelsblatts und der Uni Hohenheim die bislang in der aktuellen Hauptversammlungs-Saison höchste Punktzahl. Damit belegt der RWE-Chef zur Halbzeit den ersten Platz unter den insgesamt 30 Dax-Vorstandsvorsitzenden, die bis zum 30. Juni ihren Auftritt vor ihren jeweiligen Aktionären absolvieren müssen.

Schon jetzt, nach den ersten 15 Reden, ist zu beobachten, dass sich der erfreuliche Trend der Vorjahre fortsetzt: „Deutschlands Spitzen-Manager bemühen sich zunehmend, verständliche Reden auf ihren Hauptversammlungen zu halten“, konstatiert Kommunikationswissenschaftler und Studienleiter Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim. „Zur diesjährigen Halbzeit liegen die CEO-Reden bei einem Durchschnittswert von 14,2 Punkten – das sind 1,2 Punkte mehr als zum Abschluss des CEO-Rankings im Jahr 2015 und starke 4,4 Punkte mehr als zum Abschluss unserer ersten Untersuchung im Jahr 2012.“


Wie schlagen sich die Neuzugänge?

Zum Vergleich: Wirtschaftszeitungen wie das Handelsblatt erzielen in punkto Verständlichkeit zwischen 12 und 14 Punkte. Ein Grund für diese positive Entwicklung sieht Brettschneider darin, dass die Vorstandsvorsitzenden zunehmend Reden halten, die sich nicht nur an institutionelle Anleger, Analysten sowie Finanz- und Wirtschaftsexperten richten. „Terium und Co. haben ihre Hauptversammlung für Reden genutzt, die auch für eine breitere Öffentlichkeit nachvollziehbar sind.“

Mit 18,2 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeits-Index führt also zur Halbzeit RWE-Chef Peter Terium das Handelsblatt-Ranking an. Auf Platz zwei folgt der Vorstandsvorsitzende von Bayer, Marijn Dekkers, mit 17,9 Punkten. Beide konnten sich mit einem Plus von 3,3 beziehungsweise 4,3 Punkten im Vergleich zum Vorjahr wesentlich verbessern. 2015 reichte es im Gesamtklassement für Terium nur für Platz zehn, für Dekkers nur für Platz 13. Das Feilen am Manuskript hat sich also für beide gelohnt. Auf dem dritten Platz liegt zur aktuellen Halbzeit Daimler-Lenker Dieter Zetsche mit 16,9 Punkten. Er konnte sich um 1,5 Punkte steigern.

Als einziger Chef der ersten Halbzeit blieb Stefan Heidenreich unter 10 Punkten. Auch beim inzwischen vierten Anlauf zeigt der Vorstandsvorsitzende von Beiersdorf in Sachen Verständlichkeit nur eine unterdurchschnittliche Leistung.

Das Vorjahresgesamtsieger-Trio aus Ex-BMW-Chef Norbert Reithofer, der 2015 eine überzeugende Abschiedsvorstellung gab, Fresenius-Vorstandsvorsitzenden Ulf Schneider und Telekom-Spitzenmanager Timotheus Höttges, die alle drei jeweils 18,4, Punkte holten, ist damit zur Halbzeit noch ungeschlagen.

Man darf gespannt sein, ob Schneider oder Höttges sich in diesem Jahr selbst übertrumpfen können. Oder ob einer der vielen Newcomer sich womöglich aus dem Stand an die Spitze katapultieren kann. Premierenauftritte im Automobilsektor haben in der zweiten Hälfte Reithofers Nachfolger, der neue BMW-Chef Harald Krüger, sowie Matthias Müller von VW. Im Finanzbereich treten erstmals an: Oliver Bäte bei der Allianz, Deutsche Bank-Chef John Cryan, sowie Carsten Kengeter. Er ist der neue Chef der Deutschen Börse und hat Reto Francioni abgelöst. Der rangierte stets im Tabellenkeller und war 2015 sogar Schlusslicht des Rhetorik-Rankings.

Der neue Börsen-Chef kann also quasi nur gewinnen und mit verständlicheren Ansprachen bei seinen Anlegern punkten. Gespannt sein darf das Publikum aber auch auf die Antrittsreden zweier Dax-Neulinge, die es erstmals geschafft haben, mit ihrem Unternehmen in die Riege der größten deutschen börsennotierten Konzerne vorzurücken: Vonovia-Vorstandsvorsitzender Rolf Buch, der Axel Heitmann mit seiner Lanxess verdrängt hat, und Pro-Sieben-Sat-1-Medien-Chef Thomas Ebeling, der nach dem überraschenden Abgang von K+S unter der Leitung des mittelprächtigen Redners Norbert Steiner als letzter mit der Startnummer 30 am 30. Juni erstmals die ganz große Hauptversammlungsbühne betritt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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