Risikokapital in den USA: Jenseits vom Valley versiegt der Geldstrom

Risikokapital in den USA: Jenseits vom Valley versiegt der Geldstrom

, aktualisiert 29. Mai 2017, 11:35 Uhr
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Rund um die texanische Fracking-Industrie formiert sich eine Start-up-Szene. Doch der Rohstoff Geld ist im Süden der Staaten knapp.

von Christof KerkmannQuelle:Handelsblatt Online

Geld ist doch knapp: In Kalifornien kommen junge US-Firmen zwar leicht an Kapital, in anderen Regionen hingegen haben es Gründer schwer. Etwa das texanische Labor Water Lens, das auf Wasseranalysen spezialisiert ist.

HoustonSeine Kunden trifft Keith Cole manchmal auf der Straße. Die Zentralen von Exxon, Halliburton und anderen Konzernen liegen nicht weit entfernt, Houston ist die Hauptstadt der amerikanischen Energiebranche und damit auch des Frackings. Überall in Texas sprengen Firmen mit der umstrittenen Methode Öl und Gas aus dem Schieferboden. Coles Firma Water Lens verkauft ihnen ein Verfahren zur schnellen Untersuchung des Wassers, das dabei in großen Mengen zum Einsatz kommt.

Für so ein Produkt gibt es keinen besseren Standort. „Die Nähe zu unseren Kunden und ihren Förderanlagen ist fantastisch“, sagt Cole. Trotzdem wünscht sich der Unternehmer manchmal, er käme aus dem Silicon Valley. Dort sei es viel leichter, Investoren zu gewinnen. „In Texas gibt es relativ leicht Risikokapital, wenn man etwas mit Computertechnologie macht. Aber alle anderen Branchen haben Probleme.“

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Amerika, das gelobte Land der Start-ups: Dieses Bild stimmt nur bedingt. Es gibt zwar Firmen, die Hunderte Millionen kassieren, Uber und Airbnb etwa, oder auch Slack und Palantir. Doch der Segen ist ungleich verteilt. Das bestätigt eine Erhebung der Unternehmensberatung Pricewaterhouse-Coopers (PwC) und des Marktforschers CB Insights: Die Investoren konzentrieren sich demnach auf einige Regionen und Themen. Produkte für die Energiebranche aus Texas zählen nicht unbedingt dazu, wie das Beispiel Water Lens zeigt.

Ein paar Tropfen reichen für den Test

Das Unternehmen hat ein Verfahren entwickelt, das die Inhaltsstoffe von Wasser innerhalb von zehn Minuten analysiert. Dabei spielen Naturwissenschaft und Informatik zusammen. Laborchef Tyler West demonstriert das anhand einer braunen Brühe, die aus einem Fracking-Bohrloch stammt. Er füllt mit einer Pipette etwas Flüssigkeit auf ein Plastiktablett mit vielen Zellen.

Diese enthalten gefriergetrocknete Chemikalien, die zum Beispiel auf Barium und Calcium, Chlorverbindungen und den Säuregehalt reagieren und sich verfärben. Dafür reichen ein paar Tropfen aus. Tyler schiebt das Tablett in ein Analysegerät, das anhand der Wellenlänge der Farben die genaue Konzentration bestimmt und die Ergebnisse auf dem Notebook ausgibt. „Da ist zehnmal mehr Salz drin als in Meerwasser“, stellt der Chemiker mit einem Blick auf die Tabelle fest.

20 Werte kann Water Lens bislang bestimmen, für weitere elf Stoffe entwickeln die Wissenschaftler derzeit Verfahren, etwa für den Gehalt von Nitrat. Die Besonderheit: Das geschieht mit einem einzigen Test, schnell und direkt vor Ort. „Damit kann man überall auf der Welt Wasser testen“, sagt Cole. 250 Dollar kostet das pro Durchgang.

Der Verbrauch beim Fracking ist enorm, nach einer Schätzung der Umweltorganisation Environment America produzierten die Förderstätten im Jahr 2014 mindestens 53 Milliarden Liter Abwasser, und darin ist Texas mangels Zahlen noch nicht einmal eingeschlossen. „Wenn man direkt weiß, was im Wasser ist, kann man es wiederverwenden“, sagt Water-Lens-Chef Cole. Ob fürs Fracking oder andere Zwecke, etwa die Landwirtschaft, zumindest wenn es nicht zu schmutzig ist.

Nicht nur in Texas stellen sich solche Fragen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt, dass Wasserknappheit zu den größten Problemen des 21. Jahrhunderts zählen werde. Der Verbrauch sei im vergangenen Jahrhundert doppelt so schnell gewachsen wie die Bevölkerung. Immer mehr Regionen seien davon betroffen. Der sparsame Umgang mit dem kostbaren Nass, so hofft Cole, entwickelt sich daher zu einem großen Geschäft.


Ein zweistelliger Millionenbetrag fehlt

Um wachsen zu können, müsste die Firma jedoch Geld haben. Am besten eine zweistellige Millionensumme, beispielsweise um mehr Gefriertrockner für die Verarbeitung der Chemikalien zu kaufen. Doch es ist schwierig, die Investoren zu überzeugen. „Sie sagen: Das klingt großartig, aber funktioniert das auch?“, berichtet Cole. Die vier Millionen Dollar, mit denen sich seine Firma bislang über Wasser hält, stammen alle von Privatleuten, nicht von Risikokapitalgebern.

Die Gründe für die Zurückhaltung können vielfältig sein, manchmal liegt es auch an der Firma selbst. Viele Gründer in den USA machen eine ähnliche Erfahrung wie Water Lens: Wenn es um ein kompliziertes wissenschaftliches Verfahren geht, tun sie sich schwer, die Risikokapitalgeber zu überzeugen. Diese investierten 2016 in Geschäfte rund ums Internet etwa 22 Milliarden Dollar, wie die Marktforscher von PwC und CB Insights ermittelt haben; weitere 13,5 Milliarden Dollar in Telekommunikation und 11,1 Milliarden Dollar ins Gesundheitswesen. Die anderen Branchen folgen mit großem Abstand.

Zumal ein beträchtlicher Teil des Kapitals ins Silicon Valley fließt, also jene Gegend zwischen San Francisco und San Jose, die Firmen wie Intel, Apple und Google berühmt gemacht hat. 2016 erhielten Firmen dort 24,9 Milliarden Dollar. Das ist weniger als im Vorjahr, entspricht aber immer noch 42 Prozent sämtlicher Investitionen in den USA. Das Tal der Technik ist wie ein Schwarzes Loch, das alle Materie anzieht.

Bei der Handelskammer in Austin, der Hauptstadt von Texas, kennen sie das Problem. Die Region boomt zwar, Tausende Technikspezialisten arbeiten dort. Google, Apple und Facebook betreiben im Zentrum Niederlassungen, der Computerriese Dell hat im Umland sein Hauptquartier. Auch Start-ups siedeln sich an, Water Lens etwa hat sein Labor in Austin. 5 500 High-Tech-Firmen mit 129.000 Mitarbeitern zählt die Statistik. Es könnten noch mehr sein, wenn es nur genügend Fachleute gäbe.

Trotzdem sagt Technikchef Jonathan Packer: „In jeder Stadt, die nicht in Nord-Kalifornien liegt oder New York, Boston und Los Angeles heißt, mangelt es an Risikokapital.“ Das gelte auch für Austin, gerade, wenn es nicht um IT und Internet gehe. Nur wenige Venture-Capital-Firmen sind in der texanischen Hauptstadt ansässig, und sie verwalten deutlich weniger Geld als ihre Konkurrenten an der berühmten Sand Hill Road in San Francisco. Das meiste Geld erhalten zudem Start-ups, die IT-Lösungen und Software entwickeln; das ist die Stärke der Stadt.

Wirtschaftsförderer Packer weiß um die Einseitigkeit: „Wir müssen Expertise in anderen Branchen aufbauen.“ Es gebe bereits einen Fonds und Inkubatoren, die sich auf die Gesundheitsforschung fokussieren. An der Universität hat jüngst eine neue Klinik aufgemacht, die Innovationen ermöglichen soll; die Stiftung des Unternehmers Michael Dell unterstützte die Gründung. Hoffnung setzt er zudem auf Konsumgüter. Der Gründer von Sweet Leaf Tea betätigt sich nach dem Verkauf als Investor, vielleicht auch in Texas.

Keith Cole würde davon womöglich profitieren. Derzeit hat Water Lens zwar genug Reserven, um das Verfahren eigenständig weiterzuentwickeln. „Mehr Geld würde uns aber helfen, deutlich schneller zu wachsen.“ Dem Seriengründer schwebt eine zweistellige Millionensumme vor, die er spätestens nächstes Jahr aufnehmen will. Er ist überzeugt: Es wäre gut investiertes Geld. „Diese Idee kann richtig groß werden.“ Immerhin, das Selbstbewusstsein ist in Texas genauso groß wie in Kalifornien.

Quelle:  Handelsblatt Online
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