Risikomanagement bei der vernetzten Produktion: Gefährliche Nebenwirkungen

Risikomanagement bei der vernetzten Produktion: Gefährliche Nebenwirkungen

, aktualisiert 20. April 2017, 13:54 Uhr
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"Viele Unternehmen unterschätzen das Risiko, dass ihr Produkt beispielsweise durch ein Smartphone ersetzt werden könnte, ähnlich wie ein Parkautomat in Zeiten des Handytickets."

von Andreas SchulteQuelle:Handelsblatt Online

Die Vernetzung trägt neue Risiken in die Produktionsbetriebe. Doch wenige Unternehmen befassen sich systematisch damit. Dabei hat jede Störung des IT-Systems das Potenzial, die ganze Produktion zum Erliegen zu bringen.

KölnBeim ostwestfälischen Familienunternehmen Schwering & Hasse Elektrodraht ist sie schon Realität, die neue Welt der Industrie 4.0: Hier sind 300 Produktionsmaschinen an ein zentrales Lenkungssystem angebunden, sekündlich senden sie mehrere Tausend Datensätze. Die gesamte Fertigung wird an zentraler Stelle überwacht. Stimmt zum Beispiel die Temperatur der Ofenanlage nicht oder gerät die Lackschicht des produzierten Kupferdrahts zu dünn, schlägt die zugehörige Software sofort Alarm.

Die Technik hilft dem Unternehmen, in gleichbleibend hoher Qualität zu fertigen. Nötig geworden ist die Automatisierung durch den immer höheren Takt - bei Produktionsgeschwindigkeiten von bis zu Tausend Metern Draht pro Minute würden manuelle Prüfungen zwangsläufig lückenhaft sei. Den Sensoren an den Maschinen aber entgeht nichts. „Unsere Qualitätssicherung ist auf dem neusten Stand“, sagt Geschäftsführer Andreas Levermann.

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Doch die Vernetzung hat auch eine Schattenseite. Denn jede Störung des IT-Systems hat nun das Potenzial, gleich die ganze Produktion zum Erliegen zu bringen. Und der neue Datenpool verrät viel über das Know-how des Unternehmens - verheerend, geriete er in falsche Hände. Levermann setzt auf Prävention: „Die Sicherheit unserer Produktion überprüfen wir regelmäßig, unter anderem, indem wir Hackerangriffe simulieren lassen.“

So vorausschauend gehen längst nicht alle Firmen vor, die den Weg zur vernetzten Produktion beschreiten. Experten mahnen, dass vielfach noch keine systematische Auseinandersetzung mit den Risiken stattfindet. Die IT-Sicherheit ist dabei nur ein Aspekt - mit dem verstärkten Einsatz von Robotern treten etwa neue Arbeitsschutzrisiken auf. Auch betriebswirtschaftliche und strategische Betrachtungen sind nötig. „Unternehmen sind gut beraten, ihr Risikomanagement frühzeitig auf Industrie 4.0 auszurichten“, sagt Dirk Schäfer, Geschäftsführer von Kerkhoff Consulting.

„Die erste Frage muss lauten, wie sieht mein Geschäftsmodell im Jahr 2025 aus“, sagt der Berater. Denn: Die Digitalisierung aller Wirtschaftszweige stellt auch an physische Produkte neue Anforderungen - und macht sie im Extremfall sogar überflüssig. „Viele Unternehmen unterschätzen das Risiko, dass ihr Produkt beispielsweise durch ein Smartphone ersetzt werden könnte, ähnlich wie ein Parkautomat in Zeiten des Handytickets.“


Separate Schutzräume nötig

Erst wenn die strategische Analyse ergibt, dass das eigene Produkt zukunftssicher ist, lohnt sich eine technische Umstellung auf die Industrie 4.0. Damit aber steigt die Abhängigkeit von IT-Systemen - bei vielen Unternehmen löst das Unbehagen aus, ergab eine Umfrage des Industrieversicherungsmaklers Marsh: 79 Prozent der 260 befragten Firmen in Deutschland gaben an, dass eine Betriebs- oder Systemstörung für sie das größte Cyberrisiko darstellt.

Doch obwohl das Szenario präsent ist - die Folgen eines so bedingten Stillstands der Produktion werden oft falsch beurteilt, beobachtet Marco di Filippo, Sicherheitsexperte des IT-Dienstleisters Koramis. Viele gingen davon aus, einen Betriebsausfall von einigen Stunden bis zu wenigen Tagen finanziell stemmen zu können. Berücksichtigt werde aber meist nur der Produktionsausfall. Dass es auch darüber hinaus zu Folgekosten kommen kann, zeigt ein Beispiel aus Kanada. Dort wurde eine Keksfabrik Opfer einer Cyberattacke. Die Hacker brachten die Steuerungssoftware derart durcheinander, dass Teig in Leitungsrohren verklebte und mühsam herausgeschnitten werden musste.

Viele Geschäftsführer verkennen zudem die Gefahr, ins Visier von Hackern zu geraten. „Viele sagen: 'Bei uns ist doch nichts zu holen, wir sind kein lohnendes Ziel'“, berichtet di Filippo. Aber so funktioniere die Logik der Angreifer nicht: Sie schlügen dort zu, wo es wenig Widerstand gibt. Dies sei vergleichbar mit einem Bankräuber: „Der sucht sich auch nicht die Bundesbank als Zielobjekt aus, wenn er weiß, dass er in einer kleinen Bankfiliale auf dem Land viel leichter zum Zuge kommen kann.“

Ist ein Hacker erst einmal in das Computersystem eines Unternehmens eingedrungen, kann er sich darin oft frei bewegen. „Häufig fehlen die Segmentierungen“, sagt di Filippo. Diese schützen einzelne Produktionsbereiche separat - zu vergleichen mit abgeschlossenen Zimmern innerhalb eines Hauses. „Doch viele Unternehmen wiegen sich in Sicherheit, wenn nur die Haustür verschlossen ist“, sagt der Experte. Er empfiehlt, alle zwei Jahre den IT-Security-Dienstleister zu wechseln, um einen unverbrauchten Blick auf die eigene Sicherheitsarchitektur zu erhalten.

Risikomanager sollten indes nicht nur die Gefahren von außen im Blick behalten. Die neue Produktionslogik der Industrie 4.0 stellt auch neue Anforderungen an die Arbeitssicherheit. „Produzierende Unternehmen werden immer häufiger individuelle Produkte in möglichst kurzer Zeit fertigen“, sagt Arndt Christ, Leiter des Kundenservice beim Automatisierungsspezialisten Pilz. Die Folge: Es kommen mehr Roboter zum Einsatz, starre Produktionslinien werden aufgebrochen. „Damit entstehen in der Produktion neue Sicherheitsrisiken“, weiß Christ.

Das Unternehmen bietet eine Lösung an, mit der Mensch und Maschine auch ohne die üblichen Schutzzäune sicher zusammenarbeiten können. Sie basiert auf optoelektronischen Sensoren: So ausgerüstet, erkennt der Roboter, wenn ihm Arbeiter aus Fleisch und Blut nahekommen. Wird ein bestimmter Abstand unterschritten, arbeitet der Roboter nur noch mit so viel Dynamik, dass er den Menschen nicht verletzen kann. Falls nötig, wird er komplett gestoppt. „Das Risiko eines Arbeitsunfalls wird auf ein Minimum reduziert“, sagt Christ.

Quelle:  Handelsblatt Online
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