Robert Halver zu den Anschlägen: „Reflexartige Verkäufe“

Robert Halver zu den Anschlägen: „Reflexartige Verkäufe“

, aktualisiert 23. März 2016, 08:38 Uhr
von Jens HagenQuelle:Handelsblatt Online

Großanleger verkauften nach den Meldungen aus Brüssel zunächst reflexartig Aktien. Börsenexperte Robert Halver erklärt, warum die Kurse kurzzeitig einbrachen und womit Anleger jetzt rechnen müssen.

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Der Kapitalmarktexperte der Baader Bank erklärt die Auswirkungen des Brexit auf die Märkte.

Robert Halver gilt als Urgestein an der Börse. Der Rheinländer gilt als einer der prominentesten Börsenerklärer Deutschlands. Im Interview mit Handelsblatt Online erklärt er, wie die Marktteilnehmer auf die Schreckensmeldungen aus der belgische Hauptstadt reagierten.

Wie reagieren die Märkte auf die Anschläge in Brüssel?
Die Finanzmärkte haben nach Bekanntwerden der Anschläge zunächst mit Kursverlusten an den europäischen Aktienmärkten und Kursgewinnen bei den als sicher geltenden Staatspapieren reagiert. Jeder Marktteilnehmer, der Familie und Freunde hat, leidet mit den Angehörigen mit und ist persönlich unendlich traurig. Man war geschockt, dass der Flughafen des bedeutendsten EU-Standorts Brüssel betroffen wurde, der doch insofern gesichert wie Fort Knox sein müsste.

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Gab es Ängste vor weiteren Anschlägen?
Auch hatten viele Marktteilnehmer Befürchtungen, dass ebenso die ohnehin angeschlagenen Atomkraftwerke in Belgien Anschlagsziele sein könnten. Die [vermeintliche] Evakuierung des Atomkraftwerks in Tihange gab hier Anlass zu entsprechenden Befürchtungen.

Wer verkaufte nach den ersten Meldungen aus Brüssel und aus welchen Gründen?
Die großen institutionellen Anleger haben anfangs reflexartig verkauft, da man nicht wusste, wie massiv die Terroranschläge ausfallen würden. Niemand konnte und kann ausschließen, ob dies nicht der Beginn einer neuen Terrorwelle in Europa ist, die auch die Europameisterschaft in Frankreich treffen könnte. Mit der Auswahl des EU-Zentrums von Brüssel wollten zudem die Attentäter ein politisches Zeichen setzen. Es nicht ausgeschlossen, dass damit auch die Absicht bestand, den europäischen Zusammenhalt in der Europäischen Union in dem Sinne zu sabotieren, dass sich Großbritannien entschließt, sich von diesem gefährlichen Kontinent im Sinne des Brexit zu entfernen.

Welche Folgen haben die Anschläge auf Volkswirtschaft und Aktienmarkt?
Natürlich werden psychologische Konsum- und Investitionshemmnisse diskutiert, die nachfolgen könnten. Die Absicht der Terroristen ist es , das Wirtschaftsleben möglichst markant auf der Stimmungsebene zu treffen. Sie wollen den Zusammenbruch unseres Wirtschafts- und Finanzsystems. Und tatsächlich, gegen die diffuse, nicht einschätzbare Terrorgefahr, die das Gemüt, die Seele trifft, kann auch die üppigste Liquiditätsversorgung von Notenbanken nicht wirklich helfen.

Welche Anlageklassen und Branchen sind besonders betroffen?
Reiseanbieter, Luftlinien und Flughafenbetreiber standen am meisten unter Verkaufsdruck. Einschränkungen im Flugverkehr, verstärkte Sicherheitsauflagen und Skepsis von Reisenden in puncto Flugreisen und ihrer Sicherheit können durchaus zu Umsatzeinbußen führen. In dieser Beziehung verhalten sich Menschen, also auch Konsumenten kurzfristig wie Fluchttiere, die der potentiellen Gefahr ausweichen wollen. Immerhin, zum Börsenschluss am Dienstag konnten sich diese Werte wieder etwas erholen.

Warum sind die Marktreaktionen nicht vergleichbar mit denen nach den Anschlägen in Paris oder New York?
Leider hat sich an den Börsen ein Gewöhnungseffekt eingestellt. Die Anschläge von New York oder London waren der schreckliche Beginn einer neuen Dimension des Terrors. Heute gehört Terror zur neuen Realität. Man kann ihn zwar nicht einschätzen, wo und wann er passiert, aber die Finanzmärkte und die Analysten müssen ihn als Eventualgefahr immer auf dem Radarschirm haben. Man hat sich auf diese Gefahr eingestellt. Doch würde der Terror noch schrecklicher, noch schlimmer eskalieren, würden auch die Finanzmärkte viel deutlicher, viel negativer reagieren.

Quelle:  Handelsblatt Online
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