Irma kostet die Versicherer Milliarden

Rückversicherer-Konferenz: Irma kostet die Versicherer Milliarden

, aktualisiert 11. September 2017, 10:41 Uhr
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Wirtschaftliche Folgen von „Irma“„Vermögen geht zwar verloren, aber Amerikas Wirtschaft nimmt keinen Schaden“
von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Hurrikan „Irma“ könnte die Versicherer bis zu 40 Milliarden Dollar kosten. Diese Schadenbilanz wird Thema sein, wenn sich in Monte Carlo die großen Rückversicherer beraten. Zwei Topmanager schildern ihre Erwartungen.

Hurrikan „Irma“ wütet in Florida – und verursacht hohe Kosten für die Versicherungsbranche. Die versicherten Schäden in den USA könnten zwischen 20 und 40 Milliarden Dollar liegen, erklärte der Fachdienst Air Worldwide in einer aktualisierten Schätzung. Auch die Ratingagentur Moody's und der weltgrößte Rückversicherer Münchener Rück gehen von erheblichen Schäden für die Branche aus. Unter dem Eindruck der Verwüstung ist in Monte Carlo der Branchentreff der Rückversicherungsbranche gestartet. „Irma“ und die Folgen ist das beherrschende Thema in den Hotels und Konferenzräumen an der Côte d'Azur.

Rund 3000 Manager, Experten und Berater kommen in Südfrankreich zusammen, um über die Preise der Rückversicherer für das Jahr 2018 zu reden. Dem Handelsblatt vertrauten zwei Topmanager – Jean-Jacques Henchoz, Chief Executive Officer von Swiss Re, sowie Torsten Jeworrek, der zuständige Vorstand des Dax-30-Konzerns Munich Re – vorab an, mit welchen Erwartungen sie in die Gespräche im Fürstentum gehen.

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Wirbelsturm Irma Hurrikan verwüstet Florida

Haushaltsgeräte schwimmen durch die Gegend, ein tonnenschwerer Baukran fällt in heftigen Windböen um: „Irma“ hat Florida mit voller Wucht getroffen. Versicherer rechnen mit Kosten von 40 Milliarden Dollar.

Von Wasser umgebene Fahrzeuge stehen in Naples, Florida, USA, nachdem Hurrikan «Irma» durch die Stadt gezogen war. Quelle: dpa

Was wird das vorherrschende Thema in Monte Carlo sein?

Henchoz: Die Nachwirkungen von „Harvey“ und „Irma“ werden ein wichtiges Thema sein. „Harvey“ hat uns vor Augen geführt, dass ein Bedarf besteht, Deckungslücken zu schließen und „Irma“ könnte signifikante Auswirkungen auf die Branche haben. Zudem erwarten wir, dass das sich verändernde Marktumfeld und das Tempo dieser Veränderungen für Gesprächsstoff sorgen werden. Beides wirkt sich auf die Strategien unserer Kunden aus. Denn diese wenden sich heute neuen Technologien zu, um ihr Versicherungsgeschäft entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu optimieren. Dazu gehören auch Themen wie Konsumentenbindung, risikoadäquate Preisabstimmung, die Administration sowie die Schadenbearbeitung. Die Nachfrage steigt nach maßgeschneiderten und schlüsselfertigen Lösungen und Dienstleistungen, die über das traditionelle Kerngeschäft der Rückversicherung hinausgehen.

Jeworrek: Solche Hurrikane verdeutlichen die enorme Volatilität in diesem Geschäft, das nur mit nachhaltig adäquaten Preisen profitabel gezeichnet werden kann. Doch meiner Meinung nach haben wir viel wichtigere Zukunftsthemen zu besprechen. Zum Beispiel: Wie können wir Versicherungslücken bei Naturkatastrophen schließen und so zu mehr Widerstandsfähigkeit von Staaten beitragen? Wie können wir den technologischen Fortschritt nutzen und gleichzeitig seine Risiken mit neuen Deckungen begrenzen? Wie erschließen wir uns neue Kundengruppen?

Hurrikan „Irma“ könnte Sprit verteuern und US-Wirtschaft treffen

Voraussichtlich in der Nacht zum Sonntag wird der Hurrikan "Irma" auf den US-Bundesstaat Florida treffen. Die Menschen fliehen bereits, was zu Engpässen in der Spritversorgung führt. Es werden schwere Schäden erwartet.

Quelle: AP


Wie würden Sie die Marktsituation für die Rückversicherer derzeit einschätzen?

Henchoz: Der Markt war in den letzten Jahren hart umkämpft und durch das Überangebot an Kapital ist die Profitabilität gesunken. Die Erstversicherer konnten vom aktuellen Marktzyklus profitieren, aber viele von ihnen schätzen auch langfristige Partnerschaften und wollen die Kontinuität in ihren Rückversicherungspanels sicherstellen. Um über den Zyklus hinweg profitabel zu bleiben, braucht es im heutigen Umfeld eine disziplinierte Underwriting-Strategie. „Harvey“ und „Irma“ erinnern uns einmal mehr daran, dass die Prämienniveaus auf die zugrunde liegenden Risiken abgestimmt sein müssen.

Jeworrek: Das Marktumfeld hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr wenig verändert: Es steht ausreichend Rückversicherungskapital zur Verfügung und die Preise sind in vielen Bereichen nach wie vor unter Druck, auch wenn der Druck langsam geringer wird. Dabei zeigt sich keine einheitliche Entwicklung weltweit, sondern in ausgewählten Märkten und Branchen gibt es noch lukratives Geschäft. Bemerkenswert ist auch, dass es selbst in entwickelten Märkten immer noch große Versicherungslücken gibt, zum Beispiel bei der Versicherung von Naturgefahren. Dies zeigt sich an öffentlich-privaten Partnerschaften, wie Flood Re in Großbritannien oder dem National Flood Insurance Program (NFIP) in den USA. Erst- und Rückversicherer beteiligen sich an solchen Pools mit ihrem Risikowissen, ihrer Kapazität und ihrer Vertriebsinfrastruktur. Auch in Schwellen- und Entwicklungsländern spielen solche Pools eine immer größere Rolle. Staaten transferieren Teile ihres Länderrisikos auf die Versicherung, um im Schadenfall schnell reagieren zu können und so die Schäden begrenzen zu können.

In Monte-Carlo spricht die Branche traditionell über die Preisgestaltung des kommenden Jahres. Wie werden sich die Preise entwickeln?

Henchoz: Ich erwarte, dass sich die Diskussionen eher um Wachstumsmöglichkeiten drehen werden sowie darum, wie Rückversicherer den Erstversicherern im gegenwärtig schwierigen Marktumfeld beistehen können. Generell ist es noch zu früh, Prognosen zur Preisentwicklung zu machen, da die Marktdynamik vom globalen Schadensverlauf, von der Underwriting-Performance und der Verfügbarkeit von Kapazitäten für Groß- und Katastrophenschäden abhängig ist.

Jeworrek: Sicher wird es in Monte Carlo wie immer auch um Preise und Bedingungen gehen. Ich kann Ihnen jedoch nicht sagen, wie die Preise zur Erneuerung der Rückversicherungsverträge aussehen werden. Wie schon gesagt, ist der Konkurrenzdruck weiterhin hoch. Im Lauf der Zeit wird der Markt aber ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage finden. „Harvey“ wird sicher auch die Frage des richtigen Preisniveaus für Deckungen von Naturkatastrophen motivieren.

Werden wir mehr Übernahmen in den nächsten zwölf Monaten sehen?

Henchoz: Vermutlich wird es diesbezüglich dieses Jahr nicht mehr viel Aktivität geben. Längerfristig gehe ich aber davon aus, dass es zu weiteren Konsolidierungen in der Rückversicherungsbranche kommen wird. Um sich zu behaupten, werden Marktteilnehmer zunehmend eine starke globale Bilanz sowie Transaktions- und Lösungskompetenz vorweisen müssen. In der Erstversicherung werden wir weiterhin rege M&A-Aktivität sehen. Die Unternehmen werden unrentable Geschäftssegmente angehen oder strategische Wachstumschancen nutzen – Konstellationen, in denen wir sie mit individuellen Rückversicherungslösungen unterstützen können.

Jeworrek: Es gab in den vergangenen Jahren eine Reihe von Übernahmen bei Erstversicherern. Ich denke, das könnte auch noch eine Zeit so bleiben, denn das politische und wirtschaftliche Umfeld ist unverändert, – etwa niedrige Zinsen, geringes Beitragswachstum, Kosten- und Innovationsdruck. Bei Rückversicherern hat es dagegen nur wenige Übernahmen gegeben, meist unter kleineren Unternehmen. Ich denke, größere Rückversicherer sind eher in der Lage, notwendige Fähigkeiten aus der eigenen Kraft weiterzuentwickeln und sie versuchen, ihr Know-how durch Übernahmen von branchenfremden Unternehmen oder Partnerschaften mit ihnen zu ergänzen. Das genau ist übrigens auch die Strategie von Munich Re.

Herr Jeworrek, Herr Henchoz, vielen Dank für die Antworten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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