Ryanair: Die Attacke des Kranich-Jägers

Ryanair: Die Attacke des Kranich-Jägers

, aktualisiert 23. Mai 2016, 14:06 Uhr
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Der Vorstandschef des größten europäischen Billigfliegers, Michael O'Leary, will Lufthansa und Air Berlin weiter Konkurrenz machen.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Die Billig-Fluglinie Ryanair glänzt mit einem Rekordergebnis. Der Erfolg der Iren ist ein Warnschuss für Lufthansa und Air Berlin. Denn die Lowcost-Airline will mit billigeren Tickets den Preiskampf in Europa anheizen.

LondonMichael O’Leary provoziert gerne. So wählte der Vorstandschef des größten europäischen Billigfliegers Ryanair für die jüngste Werbekampagne der Airline im Schatten der Brexit-Debatte auf der Insel nun einen Slogan aus, der es in sich hat. „Fliege in die Heimat, um für den Verbleib in der EU zu stimmen“, warb die Airline angesichts der Abstimmung am 23. Juni in den vergangenen Tagen für billige Tickets zu allen britischen Flughäfen. Für viele Brexit-Freunde eindeutig zu viel des Guten: Die Vote-Leave-Kampagne, die für den Austritt kämpft, sieht das als verbotene Beeinflussung von Wählern und forderte Scotland Yard auf, den Vorfall zu untersuchen.

Doch die Laune von O‘ Leary, der seit Monaten gegen einen Abschied von der EU kämpft, kann das nicht nachhaltig trüben. Zumal die jüngsten Jahreszahlen, die der grauhaarige Topmanager am Montag im 13. Stockwerk eines Büroturms im Londoner Finanzdistrikt vorlegte, ihm durchaus Grund zum Überschwang geben: Günstiges Kerosin und wachsende Passagierzahlen haben dem irischen Billigflieger im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Rekordgewinn beschert. Selbst ohne den Verkauf der Beteiligung an der Fluglinie Aer Lingus verdiente der Easyjet-Rivale in den zwölf Monaten bis Ende März unter dem Strich 1,24 Milliarden Euro – und damit satte 43 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

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Ryanair untermauert so mit einer Netto-Umsatzmarge von 19 Prozent seine Stellung als einer der profitabelsten Airlines der Welt. Einschließlich des Verkaufs der Aer-Lingus-Anteile an die British-Airways-Mutter IAG legte das Ergebnis der Iren sogar auf 1,56 Milliarden Euro zu. Der Umsatz kletterte um 16 Prozent auf 6,54 Milliarden Euro.

Auch für das laufende Geschäftsjahr zeigte sich O‘Leary zuversichtlich. Nach vorsichtiger Schätzung soll der Nettogewinn weiter um rund 13 Prozent auf 1,375 Milliarden bis 1,425 Milliarden Euro zulegen – allerdings damit nicht mehr so deutlich nach oben gehen wie noch im Vorjahr. Denn die Ticketpreise kennen derzeit nur eine Richtung: abwärts.

So gewinnt der Preiskampf am Himmel von Europa weiter an Schärfe. Nach den Attentaten in Paris im November und in Brüssel im März verzichteten viele Menschen auf Flugreisen, was der gesamten Branche zusetzte. Angesichts der geringeren Nachfrage versuchen viele Airlines darum immer stärker den Schwund mit günstigeren Preisen aufzufangen. Bei vielen Airlines, die ihren Treibstoff lange im Voraus eingekauft hätten, komme der gesunkene Ölpreis erst jetzt so richtig in den Bilanzen an, sagte O'Leary. Dies gelte auch für Ryanair.

Der Billigflieger erwartet im laufenden Geschäftsjahr eine Entlastung um rund 200 Millionen Euro. Nach Ansicht des Managements wird dieser Effekt den Wettbewerb in der Luftfahrt verschärfen. So geht Ryanair davon aus, dass sich der Preisverfall im laufenden Jahr noch beschleunigen werde. Im gesamten Geschäftsjahr sollen die Ryanair-Tickets insgesamt um sieben Prozent sinken, im zweiten Halbjahr allein sogar um zehn bis 12 Prozent.

Der Druck auf Lufthansa & Co. im wichtigen europäischen Markt wächst damit. Denn auch die zweitgrößte europäische Billig-Airline Easyjet ist deshalb trotz eines Fehlbetrags im ersten Halbjahr für den weiteren Jahresverlauf optimistischer als die Konkurrenten Lufthansa, Air France-KLM und British Airways, die zuletzt die Skepsis in der Luftfahrtbranche nährten.

Obwohl Easyjet von einem anhaltend harten Wettbewerb ausgeht und die Ticketpreise in den vergangenen sechs Monaten bei der Airline um sechs Prozent zurückgingen, ist der Billigflieger zuversichtlich, die Erwartungen des Finanzmarktes für das Gesamtjahr erreichen zu können. Analysten rechnen mit einem Vorsteuergewinn von 721 Millionen Pfund bis Ende September 2016.


Wer ist die schärfste und schmutzigste Zunge der Fliegerei?

Die Luftfahrtbranche in Europa entwickelt sich damit immer mehr zu einer Zwei-Klassengesellschaft – bei der die Billigflieger die Rolle der Angreifer übernommen haben. Schon im vergangenen Jahr hatten Ryanair und Easyjet angekündigt, ihre Präsenz in Deutschland ausbauen zu wollen.

Ein Kurs, bei dem sich O‘Leary auf gutem Wege sieht. „Wir werden mit neuen Basen in Nürnberg und Hamburg weiter expandieren“, betonte er. Vor allem die Schwäche von Air Berlin, das weiter seine Kapazitäten reduziere, schaffe neue Räume auf den deutschen Airports, in die Ryanair vorstoßen könne. So will O‘Leary den Anteil am deutschen Luftverkehrsmarkt in den nächsten Jahren von derzeit vier auf bis zu 20 Prozent steigern – und Air Berlin in deren Heimat von Rang zwei nach dem Lufthansa-Konzern stürzen.

Für die deutschen Rivalen bleibt die Lage somit angespannt. Um neue Kunden zu erreichen, will Ryanair mehr zentral gelegene deutsche Flughäfen und weniger Provinzpisten bedienen. Nur um Frankfurt, den größten deutschen Flughafen, macht Ryanair angesichts der vergleichsweise hohen Gebühren vorerst weiter einen Bogen. „Wenn Sie uns bei den Preisen entgegenkommen, würden wir uns allerdings auch das ansehen“, sagte Ryanair-Chief Commerical Officer, David O‘ Brien, in London. Es ist eine klare Haltung, mit der auch die Brexit-Freunde in Großbritannien klarkommen müssen.

So kommentierte O‘Leary, der in London mit weiß-blau-kariertem Hemd und ins Haar geschobener Lesebrille erschien, die Anrufung von Scotland Yard durch die britischen EU-Gegner in gewohnt süffisanten Worten: „Die "Leave"-Kampagne muss schon wirklich verzweifelt sein, wenn sie Scotland Yard anruft. Ich dachte immer in einer Demokratie geht es darum, die Menschen zum Wählen zu bringen“, sagte der Ryanair-Boss. Ryanair mag sich als Unternehmen inzwischen freundlicher geben. Doch der raubeinige Ire O‘Leary hat, wenn es darauf ankommt, immer noch die mit Abstand schärfste und schmutzigste Zunge der Fliegerei.

Quelle:  Handelsblatt Online
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