Samsung Gear VR im Test: Verschwitzter Wahnsinn

Samsung Gear VR im Test: Verschwitzter Wahnsinn

, aktualisiert 20. April 2016, 11:38 Uhr
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Ausflug in eine andere Welt: Der erste Eindruck ist für jeden, der noch nie mit virtuelle Realität zu tun hatte, ohne Zweifel unbeschreiblich.

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

„Ein atemberaubendes Erlebnis“: Samsung macht derzeit groß Werbung für seine Virtual-Reality-Brille Gear VR. Mit dem Gerät erleben Nutzer virtuelle Flugmanöver, Safaris oder Spiele. Der erste Zauber verfliegt aber bald.

Der Effekt war gewaltig. Li hatte noch nie eine Virtual-Reality-Brille aufgehabt. Aber die geborene Chinesin war schon immer neugierig und so setzte die gestandene Frau in ihren 50ern die Gear VR von Samsung auf. Und was dann folgte, ließ die Teenager-Töchter ihre Mutter in einem völlig neuen Licht sehen.

„Oh my God“ war eigentlich das einzige, was zwischen spitzen Aufschreien oder verängstigen Ausrufen zu hören war, während sich die Hände krampfhaft am Bürostuhl festhielten oder durch die Luft wedelten. Die Mutter dreier Kinder absolvierte mit der Flugstaffel der Blue Angels gewagte Flugmanöver, sah sich auf Augenhöhe Löwen in Afrika gegenüber oder amüsierte sich laut kreischend auf den wildesten Achterbahnen der Welt. Die kurze Zusammenfassung nach der wilden Fahrt durch die virtuellen Welten: „Wahnsinn!“

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Es sind solche Wow-Effekte, auf die die Hersteller hoffen. Geht es nach Samsung, Google oder HTC, wird Virtual Reality (VR) das nächste große Dinge. Erste Geräte sind nun auf dem Markt. Die Gear VR ist mit 99 Euro verhältnismäßig preisgünstig, die zusammen mit den Samsung-Smartphones Galaxy S6 und S7 sowie dem älteren Modell Galaxy Note 4 funktioniert, das in Deutschland weit verbreitet ist. Nach einer „Innovator's Edition“ für experimentierfreudige Nutzer (hier geht's zum Test) gibt es nun eine Serienversion, die frühe Käufer der neuen Smartphones sogar als kostenlose Zugabe bekommen haben.

Die Mobiltelefone werden mit dem Display in Richtung Gesicht in eine Halterung mit Micro-USB-Anschluss geschoben. Danach schirmt das Gerät den Brillenträger hermetisch von der Außenwelt ab. Über zwei Linsen werden stereoskopische Bilder projiziert, die den dreidimensionalen Eindruck erstehen lassen.

Der erste Eindruck für jeden, der noch nie mit virtuelle Realität zu tun hatte, ist ohne Zweifel unbeschreiblich. Das Gefühl, alles sei unecht, weicht nach wenigen Minuten einem Gefühl der echten Realität. So sitzt der Betrachter zum Beispiel in der ersten Reihe am Spielfeldrand eines Basketball-Spiels und verfolgt das Geschehen, als ob er dabei wäre. Eine Kopfbewegung nach links oder rechts zeigt die Sitznachbarn, die Körbe. Beim beängstigend realen Fallschirmsprung gibt es nur die endlose Tiefe da unten und links, rechts und oberhalb die Freunde, die ebenfalls gesprungen sind.

Ganz klar: Mit der Gear VR hat Samsung einen echten Treffer gelandet. Das Gerät öffnet ein Fenster öffnet in das, was in Zukunft möglich sein wird. Allerdings nur einen Spalt breit. Denn nach wenigen Stunden Gebrauch ist klar, dass das nur der Anfang sein kann.


Hakelige Steuerung, mageres Softwareangebot

Was stört, ist das relativ geringe Gesichtsfeld, das den Realitätseffekt mindert. Die Auflösung des Galaxy-S6-Smartphones, das zum Test bereitstand, zählt unbestritten zum Besten, was auf dem Markt verfügbar ist. Trotzdem wirkt das Bild schnell körnig, wenn es durch die Linsen der VR aufgeblasen wird. Die Qualität der gebotenen Inhalte ist dementsprechend von sehr gut bis unterirdisch einzuordnen, letzteres vor allem, wenn billige Kameras und Software bei der Produktion zum Einsatz kamen.

Die Installation an sich ist einfach und auch von Ungeübten zu schaffen. Ein zentrales Einstellrad ermöglicht die Anpassung an verschiedene Brillenstärken. Das Nasenfahrrad kann also meistens abgesetzt werden. Aber der Tragekomfort ist begrenzt. Das an der Brille angeflanschte Smartphone wiegt nach wenigen Minuten Tragezeit schwer und belastet die Nackenmuskulatur. Aber das ist nicht zu problematisch, weil nach zwanzig bis dreißig Minuten ohnehin eine Warnung erscheint, die die Überhitzung des Gerätes anzeigt und zur Zwangspause aufruft.

Die ist auch angebracht, weil es unter der Schaumstoff-Abdeckung ziemlich warm und schwül wird. Samsung selbst rät dazu, nicht zu lange am Stück die VR zu nutzen. Treten Schwindelgefühle auf, sollte die Brille sofort abgesetzt werden.

Auch anderen Stellen hakt es noch. Die Steuerung über das integrierte Sensorfeld an der rechten Seite ist absolut nervig. Fehlbedienungen des hypersensitiven Eingabefelds sind der Normalfall, nicht die Ausnahme. Der Erwerb des optionalen Eingabegeräts in Form eines Controllers für eine Spielekonsole ist eigentlich ein Muss. Ansonsten wird das Scrollen durch Menüs und der Download von Video und Spielen zur Geduldsprobe.

Es gibt viele Filme zum Download, aber die Gear VR arbeitet nicht mit den gängigen Streaming-Plattformen zusammen. Die versprochene Netflix-App war während des Tests nicht verfügbar. Also heißt es, die Filme die man ohnehin hat, nochmal für 15 oder 20 Dollar zu kaufen. Echt?

Die meisten Spiele sind kostenpflichtig und bieten noch relativ wenig dreidimensionalen Mehrwert. Youtube hält zwar massenhaft kostenlose 360-Grad- und 3D-Videos bereit. Aber über den verfügbaren Browser sind sie nicht abrufbar. Man darf nicht vergessen: Facebook als Mutterkonzern von Oculus und damit als Lieferant der Software hinter der Gear VR, steht im massiven Wettbewerb zur Youtube-Mutter Google.

Fazit: Der erste Zauber lässt schnell nach

Die Gear VR ist ein faszinierendes Spielzeug für Neugierige, die einmal sehen wollen, was die Zukunft bereithalten wird. Wer ein kompatibles Smartphone hat, sollte sich den Spaß ruhig gönnen. Die Qualität schlägt Googles Pappbrille Cardboard jedenfalls um Längen. Und mit einem Preis von rund 100 Euro ist das Gerät deutlich erschwinglicher als hochqualitative VR-Brillen wie Oculus Rift oder HTC Vive, die hunderte Euro kosten und zudem nach extrem starken PCs verlangen.

Die beiden Teenager-Töchter, die gerade noch völlig entgeistert ihrer Mutter zugesehen hatten, waren jedenfalls nur wenige kreischenden Minuten später ebenfalls von der Suchtwirkung der virtuellen Welten überzeugt. Die Gear VR wird der Renner auf der nächsten Party mit den Klassenkameraden, das ist schon klar. Klar ist aber auch: Der Zauber des ersten Ausflugs in die virtuelle Welt ist faszinierend, aber lässt relativ schnell nach. Schnell kommt der Wunsch nach mehr Bildqualität und leichterer Bedienung auf. Die neue Technologie ist noch am Anfang.

Quelle:  Handelsblatt Online
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