Schneller schlau: Faustkeile machen ist wie Klavierspielen

Schneller schlau: Faustkeile machen ist wie Klavierspielen

, aktualisiert 10. Mai 2017, 15:12 Uhr
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Die Wissenschaftlerin der University of East Anglia hat rekonstruiert, was im Gehirn urzeitlicher Werkzeugmacher vor sich ging. (Foto: University of Iowa)

von Thomas TröschQuelle:Handelsblatt Online

Steine in komplexe Werkzeuge umzuarbeiten, war für unsere urzeitlichen Vorfahren überlebenswichtig. Was dabei im Gehirn der Frühmenschen ablief, haben Forscher jetzt rekonstruiert – mit überraschendem Ergebnis.

Als unsere frühen Vorfahren vor etwa zweieinhalb Millionen Jahren begannen, Steine zu Werkzeugen umzuarbeiten, machten sie es sich zunächst einmal einfach: Sie schlugen so lange auf den Stein ein, bis ein Stück abbrach. Die scharfe Kante an der Abbruchstelle konnte dann etwa zum Schneiden genutzt werden.

Archäologen bezeichnen diese Geräte heute als Geröllwerkzeuge, da sie häufig aus Flussgeröll gefertigt wurden. Viele Jahrtausende lang blieben diese einfachen Steingeräte Stand der Technik, bis vor etwa 1,75 Millionen Jahren neue Herstellungsverfahren entstanden, die wesentlich komplexere Werkzeuge hervorbrachten – zum Beispiel Faustkeile, die in aufwendiger Technik aus dem Stein gearbeitet und beidseitig behauen wurden.

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Was befähigte die steinzeitlichen Werkzeugmacher zu dieser technischen Revolution? Zu gerne hätte Shelby Putt von der University of East Anglia ein paar Steinzeitmenschen ins Gehirn geschaut, während diese an ihren Werkzeugen schabten.

Doch mangels urzeitlicher Denkorgane musste die Forscherin einen anderen Weg wählen: Sie machte eine Gruppe von Testpersonen zunächst mit der Faustkeil-Herstellung vertraut und beobachtete dann die Hirnaktivität während des Werkzeugmachens mit Hilfe der funktionalen Nahinfrarotspektroskopie (fNIRS).

Bei diesem Verfahren wird die Sauerstoffversorgung im Gehirn mittels einer verkabelten Kappe untersucht. Auf diese Weise lässt sich herausfinden, welche Hirnareale bei der Tätigkeit der Testperson aktiv sind. Laut bisheriger Theorien sollten das vor allem jene Bereiche sein, die mit sprachlicher Kommunikation zu tun haben. Denn die Fähigkeit zur Herstellung von komplexen Werkzeugen galt bislang in der menschlichen Evolutionsgeschichte als ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Sprache.


Die Pianisten der Urzeit

Tatsächlich passten die beobachteten Aktivitätsmuster der neuzeitlichen Werkzeugmacher aber eher schlecht zu dem, was bei Sprachverarbeitung im Gehirn passiert. Vielmehr erinnerten die Muster an das, was sich im Kopf von Pianisten abspielt, wenn sie musizieren.

„Unsere Ergebnisse stimmen nicht mit den früheren Befunden überein, wonach Sprache und Steinwerkzeug-Herstellung sich parallel entwickelten“, so John Spencer, Mitautor der Untersuchung.

Das unterstreicht auch ein weiterer Aspekt des Versuchs: Einem Teil der Probanden hatten die Forscher die Faustkeil-Herstellung durch ein Lehr-Video ohne Ton beigebracht. Die Leistungen dieser Gruppe im Versuch unterschieden sich nicht von denen der Probanden, die das Video mit Ton gesehen hatte.

In einem Punkt, so die Forscher, könnten sich die Fähigkeiten der urzeitlichen Faustkeil-Künstler allerdings doch als nützlich für die Entwicklung von Sprache erwiesen haben: Die je nach Bearbeitungsgrad unterschiedlichen Klänge, die beim Schlagen auf den Stein entstanden, könnten unseren Vorfahren geholfen haben, ihr Gehör zu schärfen und so die Grundlage für unser heutiges Hörverständnis gelegt haben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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