Schneller schlau: Mit dem Ameisenbus durch den Regenwald

Schneller schlau: Mit dem Ameisenbus durch den Regenwald

, aktualisiert 16. Februar 2017, 14:05 Uhr
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Die neu entdeckte Käferart Nymphister kronaueri lässt sich auf dem Rücken von Treiberameisen transportieren und sieht dabei deren Hinterteil täuschend ähnlich. (Foto: TU Darmstadt/M. Maruyama)

von Thomas TröschQuelle:Handelsblatt Online

Wanderameisen werden von vielen anderen Tieren gemieden, denn die Winzlinge gelten als veritable Killer. Trotzdem lässt sich ein kleiner Regenwaldbewohner von ihnen ungestraft durch die Gegend chauffieren.

Kaum 10 Millimeter groß ist Eciton burchellii und gehört doch zu den gefährlichsten Tieren im südamerikanischen Regenwald. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine weit verbreitete Art der räuberischen Wander- oder Treiberameisen. In Kolonnen zu Hundertausenden Tieren ziehen diese Winzlinge durch den Wald und überwältigen mit vereinten Kräften beinahe alles, was ihnen dabei über den Weg läuft – von winzigen Insekten über Frösche bis hin zu kleinen Wirbeltieren.

Solchen Totschlägern geht man lieber aus dem Weg, und genau das tun die meisten Regenwaldbewohner. Überraschend groß ist aber auch die Zahl von Tieren, die sich gern in der Nähe oder sogar mitten in einer solchen Ameisenformation aufhalten. Manche Vögel etwa nutzen die Tatsache, dass Insekten durch den Ameisen-Heerzug aufgeschreckt werden, und picken die Erschreckten bequem auf, wenn sie vor den Ameisen die Flucht ergreifen.

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Einige Insektenarte wagen sich sogar mitten unter die Ameisen, um an Reste der erbeuteten Tiere zu gelangen oder gar als Mitreisende sich vom Ameisenstrom durch den Wald tragen zu lassen. „Ameisengäste“ nennen Biologen solche Wagemutigen, die sich üblicherweise mit einem starken Panzer oder bestimmten Duftstoffen vor Attacken durch die Ameisen schützen.

Einen besonders dreisten Gast haben jetzt Forscher der TU Darmstadt und des National Museum of Natural History (Washington D. C.) aufgespürt: Ein kleiner Käfer nutzt die gefährlichen Winzlinge als sein ganz persönliches Nahverkehrssystem durch den Regenwald. Nymphister kronaueri, wie die Forscher ihren Fund tauften, klammert sich mit seinen Mundwerkzeugen am Ameisenleib fest und lässt sich von seinem Wirt wie von einem Reisebus durch die Wälder befördern.


Getarnt als Ameisenhintern

Doch damit nicht genug: Um sich vor Entdeckung zu schützen, hat der Käfer eine ganz besondere Strategie entwickelt. Er tarnt sich während der Reise als Ameisenhintern.

„Von oben ist es schwierig, den Käfer zu entdecken, da er in Form und Größe dem Abdomen der Ameisen sehr ähnlich ist“, erläutert Christoph von Beeren, einer der Entdecker des Tieres. „Wenn man die Tiere aber von der Seite betrachtet, sieht es so aus, als hätte die Ameise zwei Hinterteile. Wir vermuten, dass die Käfer auf diese Weise eine Fremderkennung des Wirtes vermeiden können und somit als unerkannte Gäste mitreisen.“

Noch wissen die Forscher nicht, wie sich der Käfer vor Attacken schützt, wenn er sich in den Ameisenstrom wagt. Klar ist aber, warum er die Nähe zu den Wandertieren sucht: Neben einem Anteil an der vom Ameisenheer erbeuteten Nahrung kann er auch auf besseren Schutz hoffen, denn kein Beutegreifer würde sich freiwillig in eine Kolonne hungriger Ameisen wagen. Schutz, Nahrung und ein bequemes Transportmittel – drei gute Gründe, die einen vergessen lassen können, dass man wie ein Ameisenhintern aussieht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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