Schneller schlau: Sind Pottwale schwimmende Rammböcke?

Schneller schlau: Sind Pottwale schwimmende Rammböcke?

, aktualisiert 11. April 2016, 15:56 Uhr
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Der Pottwal kann seinen Kopf als gefährliche Waffe einsetzen.

von Thomas TröschQuelle:Handelsblatt Online

Die Pequod, das Schiff des unseligen Kapitäns Ahab, wird in Herman Melvilles Roman vom weißen Wal Moby Dick gerammt und so versenkt. Wieviel Wahrheit steckt eigentlich in dieser Geschichte?

Für die Männer des Walfängers Essex war der 20. November 1820 ein schwarzer Tag: Während sie in ihren Fangbooten einer Schule Pottwale nachstellten, wurde ihr Schiff von einem der Meeressäuger gerammt und so schwer beschädigt, dass es zwei Tage später unterging. Mehr als 3000 Kilometer vom nächsten Festland entfernt, begann für die Männer in ihren winzigen Booten eine monatelange Irrfahrt, die schließlich nur acht der insgesamt 21 Besatzungsmitglieder überleben sollten.

Einer von ihnen, der Obermaat Owen Chase, verfasste ein Buch über die dramatische Reise – und legte damit den Grundstein für eines der bekanntesten Werke der Literaturgeschichte: Herman Melville ließ sich von den Ereignissen um die Essex, die er dem Buch von Chase entnahm, zu seinem Roman Moby-Dick inspirieren. Wie ihr reales Vorbild wird die Pequod, das Schiff des unseligen Kapitäns Ahab, am Ende der Erzählung vom Wal gerammt und versinkt in den Fluten.

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Doch so sehr Melvilles Roman und die ihm zugrundeliegenden Ereignisse uns auch beeindrucken mögen, viele Wissenschaftler begegneten den Berichten über Schiffe-versenkende Wale in der Vergangenheit mit einer gewissen Skepsis. Zwar scheint der mächtige Vorderkopf des Pottwals wie geschaffen, um als Rammbock eingesetzt zu werden, doch er enthält zugleich wichtige Organe, die dem Tier bei der Orientierung und beim Aufspüren von Beute helfen. Kann es sich der Wal wirklich leisten, die Gesundheit dieses lebenswichtigen Körperteils durch mächtige Rammstöße zu gefährden?

Er kann, wie Olga Panagiotopoulou von der University of Queensland herausgefunden hat. Die Forscherin simulierte massive Pottwal-Kopfstöße am Computer und kam dabei einem speziellen Stoßdämpfer-System auf die Spur, das die Tiere vor den unangenehmen Folgen ihres Tuns schützt. „Der Vorderkopf des Pottwals ist eine der merkwürdigsten Strukturen im Tierreich“, so die Forscherin. „Er besteht im Inneren aus zwei riesigen, ölgefüllten Säcken, die aufeinander liegen.“


Wozu braucht der Wal so eine mächtige Waffe?

Der obere der beiden Säcke war einst vor allem für Walfänger interessant, denn er enthält den Löwenanteil des Walrats, aus dem früher Schmierstoffe und Kerzen hergestellt wurden. Für die Forscher um Panagiotopoulou interessanter war allerdings der untere Sack: Er besteht aus mehreren hintereinanderliegenden Kammern, die ebenfalls mit Walrat gefüllt und durch Bindegewebe voneinander abgetrennt sind.

Dieses Kammersystem sorgt dafür, dass sich die Belastungen bei einem Kopfstoß gleichmäßig über den Walkopf verteilen. So kann das Tier tatsächlich Rammstöße ausführen, die ohne diesen Stoßdämpfer unweigerlich zum Schädelbruch führen würden.

Doch wozu braucht der Pottwal überhaupt eine derart mächtige Waffe? Schiffe versenken zu müssen, gehört schließlich nicht zu den täglichen Herausforderungen, denen sich ein Meeressäuger gegenübersieht – erst recht nicht in unseren Waljagd-kritischen Zeiten. Panagiotopoulou vermutet, dass männliche Pottwale ihren „Rammbock“ gegen Rivalen einsetzen – etwa beim Kampf um Weibchen. Das würde auch erklären, warum die Köpfe männlicher Pottwale um einiges größer sind als die weiblicher Tiere.

„Pottwal-Männchen kämpfen vielleicht nicht häufig, aber wir kennen solch ein aggressives Ramm-Verhalten auch von anderen Arten wie Killerwalen oder Narwalen“, so die Forscherin. „Eine genauere Untersuchung der Anatomie von Spezies, die ein solches Verhalten zeigen, könnte möglicherweise ähnliche Schutzmechanismen aufzeigen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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