Schulden, schwanger, Muslim?: Was Sie Bewerber niemals fragen sollten

Schulden, schwanger, Muslim?: Was Sie Bewerber niemals fragen sollten

, aktualisiert 03. März 2016, 13:24 Uhr
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Dem Bewerber im Vorstellungsgespräch auf den Zahn zu fühlen ist erlaubt. Aber wer bestimmte Grenzen überschreitet, riskiert eine Anzeige.

von Carina KontioQuelle:Handelsblatt Online

Stellt der Arbeitgeber einem Bewerber eine verbotene Frage, kann er sich richtig Ärger einbrocken. So riskieren viele Chefs mit scheinbar belanglosem Geplauder, plötzlich verklagt zu werden. Worauf Sie achten müssen.

DüsseldorfErhält ein Bewerber eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, ist eine erste Hürde auf dem Weg zum neuen Arbeitsplatz genommen. Doch nicht nur die Kandidaten sollten sich gut auf das anstehende Job-Interview sorgfältig vorbereiten. Auch für Chefs und Personalverantwortliche ist die Situation heikel, denn das Gespräch unterliegt gesetzlichen Regelungen. Wer dem potenziellen neuen Mitarbeiter verbotene Fragen stellt, kann im schlimmsten Fall verklagt werden. Im Gespräch gibt die Rechtsanwältin Maria Markatou Auskunft, wann Bewerber offiziell lügen dürfen, und gibt Tipps zu den wichtigsten verbotenen Fragen.

Frau Markatou, kommt es oft vor, dass Bewerber den potenziellen Arbeitgeber wegen einer verbotenen Frage im Bewerbungsgespräch verklagen?
Das kommt durchaus vor, meist in Verbindung mit Diskriminierungsklagen nach dem allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Denn fragt ein Arbeitgeber eine Frau, wie es denn so mit der Familienplanung aussieht oder einen Schwerbehinderten, ob er fit genug für die Arbeit ist, dann kann dies auf eine Diskriminierung hindeuten. Umgekehrt verklagen aber auch oft Arbeitgeber Bewerber, wenn diese gelogen haben und aufgrund der Lüge eingestellt wurden. Denn darin kann eine arglistige Täuschung liegen.

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Warum wissen viele Chefs nicht, dass ein Vorstellungsgespräch gesetzlichen Regelungen unterliegt?
Ich denke, hier muss man differenzieren. Arbeitgeber in Deutschland müssen wirklich eine unglaubliche Fülle an Gesetzen, Vorschriften und Normen einhalten. Gerade kleine Unternehmen oder Familienbetriebe bekommen da nicht alles mit und wissen schlicht nicht, was sie dürfen und was nicht. Da steckt auch gar keine böse Absicht dahinter – hier wird oft aus dem Bauch heraus agiert – was gesetzeswidrig sein kann. Bei großen Unternehmen werden aber auch verbotene Fragen im Vorstellungsgespräch gestellt, und hier steckt dann schon zum Teil Ignoranz dahinter. Man probiert es einfach, denn auch viele Bewerber wissen ja nicht um ihre Rechte und Antworten schön brav auch auf verbotene Fragen. Und dann werden sie natürlich nicht eingestellt.

Sind Sie eigentlich verheiratet?
Sehen Sie, als Bewerberin würde ich hier schon hellhörig werden. Denn warum interessiert sich der Arbeitgeber für meinen Familienstand? Das hat doch überhaupt keinen Einfluss auf meine Arbeitsweise und Arbeitsqualität– oder arbeiten verheiratete Frauen schlechter? Durch so eine Frage kann ein Arbeitgeber jede Menge Ärger kriegen, denn es ist doch klar: Er will wissen ob eine Frau verheiratet ist, bereits Kinder hat oder Zuwachs plant. Falls kleine Kinder da sind oder Zuwachs geplant ist, wird diese Frau wahrscheinlich nicht eingestellt. Und schon sind wir wieder im Diskriminierungsbereich. Und ja – ich bin glücklich verheiratet und habe eine kleine Tochter.


Wann die Frage zur Schwangerschaft erlaubt ist

Ich traf kürzlich eine Frau die, im vierten Monat schwanger, ein Vorstellungsgespräch hatte und hoffte, dass der zukünftige Chef das Bäuchlein nicht bemerkt. Was wäre, wenn er fragt: Planen Sie, in nächster Zeit Nachwuchs zu bekommen?
Dann hätte diese Frau ein Notwehrrecht zur Lüge. Denn die Frage nach einer Schwangerschaft oder nach Familienzuwachs ist grundsätzlich verboten. Hier dürfen Bewerber lügen. Kommt die Lüge auf, kann ihnen nichts passieren.

Wo eine Regel ist, da gibt es doch sicher auch Ausnahmen, oder?
Richtig. Es gibt Arbeitsverhältnisse, da muss sichergestellt sein, dass bestimmte Dinge nicht vorliegen, weil sonst die Arbeit gar nicht erfüllt werden kann. Der Klassiker ist das Vorführmodel für Bikinimoden – hier dürfte man nach einer Schwangerschaft fragen, weil die Schwangere die Bikinis gar nicht tragen könnte. Es gibt aber eine Vielzahl weiterer Berufe, bei denen die Frage erlaubt sein muss. Denken Sie beispielsweise an die Arbeit mit Gefahrstoffen, hier könnte das ungeborene Leben Schaden nehmen. Der Gesundheitsschutz des Kindes steht über allem, deswegen darf ein Arbeitgeber hier auch nach einer Schwangerschaft fragen.

Und wann darf sich der zukünftige Chef nach Religion und Parteizugehörigkeit im Gespräch erkundigen?
An sich gar nicht, außer die Arbeit gebietet dies wieder. Denken Sie hier zum Beispiel an die Polizei – ein Polizist, der gleichzeitig NPD-Mitglied ist, das geht nicht, das liegt auf der Hand. Aber wir müssen gar nicht so weit gehen, denken Sie etwa an kirchliche Tagesstätten oder Schulen und andere Tendenzbetriebe, hier kann zur Einstellungsvoraussetzung gemacht werden, dass Lehrer beispielsweise der Konfession angehören, die auch die Schule oder die Kita prägt.

Erklären Sie uns in dem Zusammenhang kurz, was ein Tendenzbetrieb ist?
Ein Tendenzbetrieb ist ein Betrieb oder Unternehmen, dessen geistig-ideelle Zielrichtung unmittelbar und überwiegend politischen, konfessionellen, wissenschaftlichen und ähnlichen Bestimmungen oder Zwecken der Berichterstattung oder Meinungsäußerung dient und auf den/das die Vorschriften des Betriebsverfassungsgesetzes nur eingeschränkt angewendet werden. Denken Sie hier an Verbände, Gewerkschaften, Einrichtungen des Roten Kreuzes oder an den kirchlichen Arbeitgeber.


Sind Sie Muslim oder Christ und haben Sie Vorstrafen?

Dürfte man einen Bewerber nach der ethnischen Zugehörigkeit fragen?
Nein, das darf man nicht fragen, damit wäre man gleich wieder im Diskriminierungsbereich. Eine Ausnahme kann hier wiederum für Tendenzbetriebe gelten.

Haben Sie hohe Schulden oder liegen Lohnpfändungen gegen Sie vor?
Auch das ist für den Arbeitgeber uninteressant. Ob mit oder ohne Schulden, meine Arbeit kann immer top sein. Ausnahme: Wer sich auf eine Position mit direkten und umfangreichen Geldtransfer bewirbt, muss sich dieser Frage stellen.

Wie schaut es denn mit Vorstrafen aus?
Das ist eine verbotene Frage – außer der Arbeitgeber hat ein besonderes Interesse an der Kenntnis von Vorstrafen. Denken Sie aktuell an die Flüchtlingskrise und die Einrichtung der Wohnheime. In den Wohnheimen werden immer Sicherheitsdienste eingesetzt. Bei einem Sicherheitsdienst angestellt darf nur werden, wer ein sauberes Führungszeugnis hat. Hier darf der Arbeitgeber also nach Vorstrafen fragen und sich sogar die schriftliche Bestätigung geben lassen, dass der Bewerber oder der Arbeitnehmer keiner Vorstrafen hat. Auch in einer Kindertagesstätte muss die Frage nach Vorstrafen erlaubt sein. Stellen Sie sich mal vor, man dürfte hier nicht fragen – dann wäre die Gefahr einfach zu groß, dass man eventuell eine Person mit pädophilen Neigungen anstellt. Die Gefahr für die Kinder wäre viel zu groß.

Es ist sicherlich nicht erlaubt zu fragen, welche Krankheiten ein Bewerber hat, oder?
Nach Krankheiten darf nur gefragt werden, wenn ein konkreter Bezug zur Tätigkeit hergestellt werden kann. Denken Sie hier an den Krankenhaus oder Pflegebereich – hier darf niemand arbeiten, der beispielsweise eine hochansteckende Erkrankung hat, die Gefahr für die Patienten wäre zu hoch. Hier muss es dann auch ein Fragerecht geben.

Wenn mir als Bewerber eine verbotene Frage gestellt wird, darf ich dann lügen?
Das dürfen Sie. Ihnen wird hier ein Notwehrrecht zugebilligt. Haben Sie in dieser Notwehr gehandelt und stellt sich später heraus, dass Sie gelogen haben, können Sie deswegen nicht gekündigt werden, auch anfechten kann der Arbeitgeber nicht. Der Arbeitgeber hat sich mit seiner verbotenen Frage die Suppe selbst eingebrockt, er muss sie dann auch auslöffeln.

Frau Markatou, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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