Schweiz: Diese Aktien trotzen dem starken Franken

Schweiz: Diese Aktien trotzen dem starken Franken

, aktualisiert 16. Oktober 2015, 09:54 Uhr
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Die Schweizer Landesfahne weht am Großen Aletschgletscher unweit der Riederalp im Wind. Die Schweizer wählen am Sonntag.

von Matthias von ArnimQuelle:Handelsblatt Online

Am Wochenende wird in der Schweiz gewählt. Neue politische Volten sind nicht zu erwarten. Doch die Wahl könnte den Schweizer Franken und damit auch die Aktien beeinflussen. Welche Werte besonders interessant sind.

FrankfurtEs ist Wahlkampfzeit in der Schweiz. Am 18. Oktober entscheiden die Eidgenossen über die Zusammensetzung des Parlaments. Dabei werden die 200 Mandate des Nationalrates und 45 der 46 Mitglieder des Ständerates neu gewählt. Hauptthema ist die Ausländerfrage. Schotten sich die Schweizer weiter ab? Welchen Zulauf haben die Rechtspopulisten? Dabei geht ein wichtiges Zukunfts-Thema völlig unter: Könnten sich die Schweizer einen Beitritt zur Europäischen Union und zum Euro vorstellen?

Gerade der Beitritt zum Euro würde das derzeit drängendste Problem der schweizerischen Wirtschaft lösen: Als im Januar die Wechselkursbindung des Franken zum Euro aufgelöst wurde, sorgte der sogenannte „Frankenschock“ dafür, dass die ohnehin sehr feste Währung gegenüber dem Euro auf einen Schlag um 20 Prozent aufwertete. Eine der Folgen war, dass das Schweizer Börsenbarometer, der SMI, im selben Atemzug 15 Prozent verlor. Es war die Vorahnung der Börsianer, dass sich der starke Schweizer Franken immer mehr zur Konjunkturbremse erweisen würde.

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Tatsächlich sind Firmen, die im direkten Wettbewerb mit Anbietern aus dem Euro-Raum stehen, in den vergangenen Monaten spürbar unter Druck geraten. Dazu zählen unter anderem der Einzelhandel und die Reisebranche. Ein Beispiel dafür ist die Kuoni Reisen Holding, deren Aktienkurs seit Anfang des Jahres um rund 40 Prozent gefallen ist. „Für Schweizer ist es günstig, zum Einkaufen über die Grenze zu fahren oder im Internet bei einem deutschen Reiseportal zu buchen“, erklärt Marc Cujai, von MC Vermögensmanagement in Liechtenstein.

Der starke Franken ist beim Einkauf in Euro-Land für die Schweizer ein Segen, für exportorientierte schweizerische Unternehmen, die vorwiegend in der Schweiz produzieren, jedoch ein Fluch. Der Beitritt zum Euro würde das Problem lösen. Einerseits. Andererseits ist das Thema derzeit tabu.

„Eine europafreundliche Politik gehört unter anderem zum Parteiprogramm der SP, der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Doch angesichts der vielen ungelösten Probleme in der EU und der Euro-Zone würde kein schweizerischer Politiker heute auf die Idee kommen, einen EU- oder Eurobeitritt zum Wahlkampfthema zu machen“, so Cujai. Mit dem Franken ist schließlich auch ein Stück Nationalstolz verbunden.

„Die stabilste Währung der Welt und ein großer Teil Wohlstandssicherheit in der Schweiz würden mit der Einführung des Euro verschwinden“, sagt Holger Kunicke von Finum rivate Finance, der weitere Argumente gegen einen Beitritt zur Währungsunion und damit zur EU ins Feld führt: Die Schweiz als kleiner und zahlungskräftiger Staat ginge mit einem EU-Beitritt enorme finanzielle Verpflichtungen ein, so Kunicke. „Statt acht Prozent hätten wir zudem mindestens 15 Prozent Mehrwertsteuer. Das wäre eine riesige Zusatzbelastung für die Hochpreisinsel Schweiz“, rechnet der Finanzplaner vor. Sein Fazit: Der Euro kommt im Land der Alphörner nicht.

Wie sich der starke Franken auf die Börse auswirkt, lässt sich mit zehn Monaten Abstand zum „Frankenschock“ gut besichtigen. Die schlechte Nachricht: Bis heute hat sich der Markt für Schweizer Aktien nicht erholt. Der SMI hat seit Jahresbeginn 7,3 Prozent an Wert verloren und notiert derzeit bei rund 8.300 Punkten. Die gute Nachricht aber lautet: In der jetzigen Situation zeigt sich, dass viele Unternehmen gut mit der starken Heimatwährung umgehen können.


Blick auf Indizes und Nebenwerte

„Wenn man sich die Entwicklung längerfristig ansieht, muss man feststellen, dass die Schweiz es bisher immer geschafft hat, die Strukturen an eine starke Währung anzupassen“, sagt Marc Cujai und verweist auf die Währungsentwicklung seit Einführung des Euro am 1. Januar 1999. Der schweizerische Aktienindex SMI ist seitdem nach etlichen Hochs und Tiefs unter dem Strich um gerade einmal neun Prozent gestiegen.

Für Anleger aus dem Euro-Raum, die in schweizerische Aktien investiert hatten, waren die vergangenen Monaten unter dem Strich ein gutes Geschäft: Denn der Franken hat in dieser Zeit rund 48 Prozent gegenüber dem Euro aufgewertet. Durch den Währungsgewinn erzielten Anleger aus dem Euro-Raum mit schweizerischen Aktien ein Plus von 57 Prozent. Investieren in schweizerische Aktien ist unkompliziert möglich mit entsprechenden ETFs und Indexzertifikaten – idealerweise ohne Währungssicherung. Beispiele dafür sind ein ETF auf den SMI von Comstage (WKN ETF030) oder ein Indexzertifikat von Hypo-Vereinsbank Onemarkets (WKN 787325).

Größere Chancen auf eine Wertsteigerung könnte gezieltes Stock Picking haben, denn nicht alle börsennotierten Unternehmen leiden in gleichem Maße unter dem starken Franken. Die Verlierer der Aufwertung sind vor allem exportstarke schweizerische Unternehmen, deren Kosten im Inland anfallen und die ihre Einnahmen überwiegend im Ausland erzielen. Dagegen können Konzerne, die international vor Ort produzieren und handeln, ihr Geschäft entsprechend absichern. Dazu zählen natürlich Nestlé, Roche und Novartis, die rund 60 Prozent des Aktienindexes SMI ausmachen.

„Nestlé macht beispielsweise 98 Prozent des Umsatzes außerhalb der Schweiz. Roche verkauft seine Medikamente besonders in den USA und stellt die Produkte auch dort her. Für Novartis ist Europa der wichtigste Absatzmarkt“, zählt der deutsch-schweizerische Vermögensverwalter Andreas Görler von Wellinvest Pruschke & Kalm aus Berlin die Stärken der drei Schweizer Großkonzerne auf. Ein überraschendes gutes Ergebnis hat auch der Luxusgüterhersteller Richemont vermeldet und den Umsatz um vier Prozent zum Vorjahr gesteigert.

„Aufgrund der China-Schwäche hatte man eher mit einem deutlichen Nachfragerückgang aus Papieren der in Asien besonders stark exponierten Luxusgüterhersteller gerechnet“, so Görler. Doch der schwächelnde Euro hat offensichtlich dazu geführt, dass ausländische Käufer die in Europa eher niedrigen Preise genutzt haben, die edlen Produkte dort zu kaufen.

Görler richtet zudem den Blick auf eher kleinere, deutschen Anlegern nicht so bekannten Unternehmen wie beispielsweise den Aromahersteller Givaudan. „Das Unternehmen kauft praktisch alle Rohstoffe für seine Duftstoffe in ausländischen Währungen, und fast alle Fabriken befinden sich im Ausland. Die größten Umsätze erzielt die Firma außerdem in Schwellenländern“, so Görler. Die Entwicklung des Franken spiele hier daher nur eine untergeordnete Rolle.


Von der Volatilität profitieren

Ein weiterer interessanter Wert sei die eher wenig beachtete Firma Huber + Suhner. Die Firma aus Herisau im Kanton Appenzell ist ein Hersteller von Komponenten und Systemen für die elektrische und optische Verbindungstechnik für die Kommunikation, den Transportbereich und die Industrie. Das Unternehmen ist in 60 Ländern präsent und beschäftigt rund ein Drittel der knapp 4.000 Mitarbeiter in der Schweiz. Etwa 1.900 Mitarbeiter arbeiten in Niedriglohnländern.

„Die Firma profitiert sehr stark von der Urbanisierung, der Transformation verschiedener Volkswirtschaften in Richtung Ökologie und dem steigenden Bedarf an Breitbanktechnik“, so Görler. Das Unternehmen hatte allerdings zuletzt mit dem starken Franken zu kämpfen. Wegen Währungsverlusten gab es beim Gewinn gar einen starken Einbruch im ersten Halbjahr.

„Der Grund dafür waren hauptsächlich hohe Verluste aus Fremdwährungsdarlehen, die allerdings nicht liquiditätswirksam waren“, erklärt Andreas Görler. Huber + Suhner reagierten mit einem umfassenden Maßnahmenpaket. Bereits im Mai wurden 50 Stellen abgebaut und Standortverlagerungen vorgenommen.

Der Schweizer Aktienmarkt ist seit Januar deutlich in Bewegung geraten. Das zeigt ein Blick auf den VSMI, den Volatilitätsindex auf den SMI. Während die durchschnittliche Volatilität des SMI in den vergangenen fünf Jahren zwischen 13 und 17 Prozent betrug, ist sie zwischenzeitlich auf über 30 Prozent angestiegen. Aktuell beträgt sie fast 24 Prozent.

Während eine hohe Volatilität für Aktionäre vor allem Unsicherheit bedeutet, können Käufer von Discountzertifikaten davon profitieren. Denn die Renditechancen von Discountern steigen mit höherer Volatilität. Ein Beispiel dafür ist ein Discounter von der Commerzbank auf die Nestlé-Aktie (WKN CN37LA). Das Papier hat noch eine Restlaufzeit bis zum 24. März 2016 und bietet die Aussicht auf eine maximale Rendite von 5,7 Prozent per annum. Voraussetzung, um diese Rendite zu erreichen ist, dass der Nestlé-Kurs bis zum 17. März (dem Bewertungstag) nicht unter 72 Schweizer Franken fällt. Aktuell kostet die Aktie 73,40 Franken.

Ein weiteres Beispiel für ein interessantes Discountzertifikat ist ein Papier auf Novartis (WKN CW4WWQ) mit einem Cap bei 80 Schweizer Franken. Aktuell kostet die Novartis-Aktie 88,65 Franken. Sinkt ihr Kurs bis zum 17. März 2016 nicht unter 80 Franken, winken mehr als 5,2 Prozent Rendite per annum. Wichtig: Beide Zertifikate haben keine Währungsabsicherung. Das ist in der jetzigen Situation Chance und Risiko zugleich. Wer das Währungsrisiko ausschließen will, kann auf Quanto-Zertifikate setzen.


Flüchtlingskrise könnte den Euro belasten

Fazit: Noch können die Eidgenossen Ruhe bewahren. Der Währungsdruck hat nicht zugenommen. Der Schweizer Franken hat seit der ersten starken Aufwertung im Januar wieder etwas nachgegeben. Aktuell kostet ein Euro 1,09 Franken. Bis zur Wahl am 18. Oktober ist kein neuer Frankenschock zu erwarten. Doch das Potenzial zur Aufwertung bleibt.

„Die Flüchtlingskrise könnte teuer werden. Auch das Thema Griechenland könnte noch einmal in die Schlagzeilen drängen. Die Probleme dort sind ja noch nicht gelöst, ebenso wie die angespannte Haushaltslage in einigen anderen Euro-Staaten“, sagt Marc Cujai. All diese Dinge könnten den Euro wieder unter Druck bringen. Der Franken wird vermutlich auf absehbare Zeit eine attraktive Fluchtwährung für Euroskeptiker bleiben.

Eine weitere Aufwertung des Franken kommt einigen Schweizer Unternehmen mit Sicherheit sehr ungelegen. In den vergangenen Monaten hat sich aber gezeigt, dass international agierende Konzerne wie Nestlé oder Novartis sich nicht von Währungsturbulenzen beeindrucken lassen.

Deutsche Anleger können von der Aufwertung des Franken deshalb profitieren: Neben Kurs- und Dividendenchancen locken langfristig Währungsgewinne. Anleger sollten jedoch das Spiel der Kräfte am Devisenmarkt sehr aufmerksam verfolgen. Bei immerhin sechs Prozent der Währungsgeschäfte weltweit werden Schweizer Franken gehandelt. Größere Ausschläge nach oben oder unten sind derzeit durchaus möglich.

Quelle:  Handelsblatt Online
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