Schweizer Banken: Leerstand im Mekka der Hochfinanz

Schweizer Banken: Leerstand im Mekka der Hochfinanz

, aktualisiert 20. Juni 2016, 15:31 Uhr
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Genf galt früher als Finanzzentrum. Die Zeiten sind vorbei.

Quelle:Handelsblatt Online

Früher war Genf ein Zentrum der Banker und Vermögenden. Doch nach dem Ende des Schweizer Bankgeheimnisses folgte der Exodus bei vielen Geldhäusern – auch aus anderen Gründen. Der Trend dürfte sich fortsetzen. Ein Ortsbesuch.

GenfDas Gebäude steht leer, auf den Fensterbänken liegen Zigarettenstummel und Nussschalen: Drei Jahre nach den Verkauf der Privatbank Lloyds Banking Group sucht der Besucher vergeblich nach Lebenszeichen im leerstehenden Gebäude.

Die am Fluss gelegenen Büros beim Place de Bel-Air sind nur einen Steinwurf entfernt von den verbliebenen Privatbanken, Hedgefonds-Niederlassungen und Luxusgeschäften im Herzen der Schweizer Stadt. Der versperrte Eingangsbereich, in dem sich einst millionenschwere Kunden die Klinke in die Hand gaben, zeugt davon, dass einige der ersten Adressen der Finanzwelt Genf endgültig den Rücken gekehrt haben.

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„Der Rückzug der internationalen Privatbanken hat in einigen der innerstädtischen Büros, die einst an der Spitze des Marktes rangierten, eine unheimliche Stille hinterlassen,“ sagt Raphael Reginato, der in Genf als Makler für die Immobilienfirma AMI International arbeitet. „Genf ist nicht mehr der Magnet für die internationale Hochfinanz, der es einst war.“

Banken aus Nordamerika und Europa verlassen Genf aus vielen Gründen: Da sind der Verlust des Bankgeheimnisses, der starke Franken und der Druck auf die Gewinne durch niedrige Zinsen und verschärfte Regulierung. Steuerermittlungen der USA und Frankreichs sowie der Datenaustausch unter den Staaten haben die traditionelle Diskretion gegenüber reichen Kunden mit Sitz im Ausland untergraben.

Der Trend dürfte sich fortsetzen. „Alle gehen von einer weiter sinkenden Zahl an Banken in Genf aus“, sagt Stephane Muller, Partner bei Ernst & Young in Genf. „Zum Glück haben einige der ortsansässigen Institute in Familienhand Kaufinteresse.“

Damit droht der Anteil der Banken an der Wirtschaftsleistung des Kantons Genf zu sinken. Derzeit entfallen 17 Prozent des Genfer Bruttoinlandsprodukts auf den Finanzsektor, wie aus den regionalen Daten hervorgeht. Von 2008 bis 2015 ist die Zahl der Banken von 140 auf 119 gesunken, während die Belegschaft in den letzten drei Jahren um neun Prozent geschrumpft ist.

Von den Folgen sind auch andere Branchen betroffen. So machen Bankmitarbeiter nur noch ein Viertel der Geschäftsreisenden-Übernachtungen aus – vor anderthalb Jahren war es noch doppelt so viel. Die Übernachtungspreise für Firmenkunden seien um zehn Prozent gefallen, so Thierry Lavalley, Direktor des Fünf-Sterne-Betriebs Grand Hotel Kempinski. „Die Menschen müssen nicht mehr nach Genf kommen, um ihre Kontostände zu überprüfen“, sagt Lavalley. „Es gibt weniger Geschäftsreisen.“

Nach dem Ende des Bankgeheimnisses kämen weniger Touristen aus Frankreich und Italien, merkt Eric Kuhne, Mitglied der Verwaltung des 3-Sterne-Hotels Astoria, an. Sowohl das Kempinski als auch das Astoria verzeichnen dafür nun mehr Buchungen von Gästen, die für diplomatische Gespräche oder zu Konferenzen in der Stadt kommen.


Banken strukturieren um

Auch bei Gewerbe-Immobilien hat die Entwicklung Bremsspuren hinterlassen. Rund 31.000 Quadratmeter und damit rund vier Fußballfelder erstklassiger Flächen am Place de Bel-Air stehen leer. Seit 2011 hat sich die Leerstandsquote der Büros im Kanton Genf mehr als verdreifacht auf fast acht Prozent. Damit liegt sie auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren, wie aus Daten von AMI hervorgeht. Dies drücke auch auf die Spitzenpreise im Stadtzentrum.

Einst ein Zentrum für verheimlichtes Vermögens von Europäern und Amerikanern, haben die stärkeren Kontrollen über die Eigentumsverhältnisse bei Anlagen und strengere Berichtspflichten das Offshore-Geschäft im Private Banking in Genf weniger profitabel gemacht.

Daher haben sich mehrere Banken von Teilen ihres Geschäfts getrennt. So hat Bank of America die Merrill Lynch internationale Vermögensverwaltung an die Julius Bär Gruppe verkauft, während die Royal Bank of Canada ihre Genfer Aktivitäten an die ortsansässige Banque Syz abgegeben hat.

Lloyds hat ihr internationales Private-Banking-Geschäft an Union Bancaire Privée veräußert. UBP war auch Käufer für die Bank Coutts International, die Royal Bank of Scotland im vergangenen Jahr verkaufte. Morgan Stanley wiederum hat ihre Schweizer Vermögensverwaltung an die Vermögensverwaltungsgesellschaft von Milliardär Joseph Safra abgestoßen. Goldman Sachs plane unterdessen, das Geschäft in Genf mit 18 Mitarbeitern aufzugeben, wie eine mit den Vorgängen vertraute Person im März sagte.

Aber nicht nur die ausländischen Banken müssen Federn lassen. Auch der Schweizer Marktführer UBS plane, das Kapitalmarktgeschäft in Genf zu beenden und rund zehn Stellen in die Zentrale ein Zürich zu verlegen, sagten drei mit den Vorgängen vertraute Personen, während die Bank nicht kommentieren wollte.

Einige Banken profitieren von den Turbulenzen der Genfer Finanzbranche. So hat Pictet Mitarbeiter von Instituten, die sich zurückziehen, eingestellt, wie ein Angestellter der größten Genfer Bank sagte. Danach soll die Zahl der Pictet-Mitarbeiter in der Stadt in den zwei Jahren bis 2015 um zehn Prozent auf 2204 gestiegen sein.

Die ING Groep wiederum expandiert nach dem Verkauf des Genfer Private Banking an Julius Bär 2009 im Bereich Handelsfinanzierung. Das Segment wurde einst von BNP Paribas dominiert, bevor die Franzosen mit einer Rekordstrafe von 8,97 Milliarden Dollar wegen Verletzung der US-Sanktionen gegen den Iran, Kuba und den Sudan belegt wurden. Die Transaktionen waren oft über das Genfer Büro abgewickelt worden.

Anders als viele andere Schweizer Kantone hat Genf zahlreiche steuerliche Ausnahmeregelungen für wohlhabende Ausländer beibehalten und bleibt somit ein Anziehungspunkt, so Alexandre Toussaint, geschäftsführender Partner bei Appletree Asset Management, der wohlhabende Familien in Vermögensfragen berät.

Ganz frei von Altlasten ist die Stadt aber noch nicht. „Es gibt weiterhin nicht offengelegte Anlagen überall in Genf“, sagt Lorne Baring, Chief Executive Officer von B Capital, einem britisch-schweizerischen Multifamily Office. „Die Banken müssen sich von diesem Geschäft trennen oder es konform machen. Es wird schwieriger werden, derartige Geschäfte profitabler zu gestalten.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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