Seat Ibiza Cupra im Handelsblatt-Test: Runterschalten und grinsen

Seat Ibiza Cupra im Handelsblatt-Test: Runterschalten und grinsen

, aktualisiert 10. März 2016, 07:17 Uhr
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Fehlten ihm die schwarzen Felgen (Aufpreis: 100 Euro), wäre der nur als 3-Türer erhältliche Ibiza Cupra einfach ein spanischer Kleinwagen. Die rot lackierten Bremssättel (Aufpreis: 200 Euro) deuten im Stand allenfalls sportliche Absichten an. Nur, wer ihn davonrauschen sieht, merkt, dass er kein Blender ist.

von Frank G. Heide, Florian Hückelheim und Alexander MötheQuelle:Handelsblatt Online

Wenn die Kollegen einem ein Auto mit den Worten übergeben, sie hätten selten solche Rückenschmerzen gehabt, kann das nur Gutes heißen. Enge Sportsitze, straffe Abstimmung, Drehmoment satt: Willkommen im Seat Ibiza Cupra.

Das, ich gebe es gerne zu, ist mir noch nie passiert: Ich habe nach dem Hineinzwängen in diesen eng geschnittenen Sportwagen im Fiesta-Format meinen Zeigefinger ins Zündschloss gesteckt. Und ohne zu gucken dort einen Startknopf erwartet. Den hat doch heutzutage jedes Diesel-SUV. Und der Seat Ibiza Cupra? Der hält es mit der Technik an dieser Stelle wie ein echter Kleinwagen für den schmalen Geldbeutel. Aber auch nur da.

Denn für 24.720 Euro, die das Polo-GTI-Geschwisterchen aus dem spanischen Martorell kostet, lässt es Seat in Sachen Motorleistung ordentlich krachen. 192 PS aus 1,8 Litern Hubraum sind eine Ansage. Sein Vorgänger bediente sich noch einer Turbo-Kompressor-Kombination auf einem 1,4-Liter-Vierzylinder, der nun insbesondere beim Drehmoment etwas blass wirkt: Im direkten Vergleich trennen den aktuellen Ibiza Cupra mit maximal 320 Newtonmeter ganze 70 Newtonmeter von seinem Vorgänger und sogar 80 vom aktuellen Ford Fiesta ST (240 Nm, 290 Nm mit Overboost).

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Doch alle Theorie ist grau. Die Praxis ist „Emoción Rot“ und steht auf mattschwarzen 17-Zöllern. Also: Finger wieder raus aus dem Zündschloss, Schlüssel rein, Musik! Kernig klingt der Kleine im Leerlauf, unter Last im Sportmodus noch ein ganzes Stück besser. Erster Gang rein, und: Aua! So unbedacht wie selbstverständlich ziehe ich den Schalthebel in den zweiten Gang und schlage mit dem Ellenbogen an der hochgeklappten Mittelarmlehne an.

Was soll dieser hereinkonstruierte Komfort-Blödsinn? Selbst das Herunterklappen der Armauflage hilft nicht: Um zu schalten, muss ich dann um den Kunstleder-Keil herumgreifen. Seat-Fahrer kennen keinen Schmerz, auch nicht am Knie. Großgewachsene Fahrer zwingt die Form der Mittelkonsole nämlich zu bisweilen absurden Anstellwinkeln für den Gasfuß, um ein Rendezvous von Kniescheibe und Hartplastik zu vermeiden (siehe Knie-Selfie).

Einmal eingelebt, möchte ich aus dem iberischen Volkswagen nicht mehr aussteigen. Wer akzeptiert, dass der Motor mit dem Auto Spazieren fährt, wird den Cupra lieben. Die extrem direkte Lenkung sorgt für feinstes Go-Kart-Feeling. Selten hat ein Testwagen Lenkbefehle so direkt umgesetzt.

Aber: Je enger die Kurve, je größer die Herausforderung, mit Geschwindigkeit durchzugehen. Der Vorderradantrieb ist an solchen Stellen aber nichts für (Fahr-)Anfänger. Fingerspitzengefühl ist nötig, denn ohne Allrad ist der Kontrollverlust durchaus greifbar und die Kraft, die an der Vorderachse und am Lenkgestänge reißt, sehr präsent. Mit hohem Verschleiß ist zu rechnen.

Die Leichtigkeit, mit der der Seat andere Wagen hinter sich lässt, ist bemerkenswert. Und auch die Aufmerksamkeit, die er zum Beispiel an einem Sonntag auf einem leeren Discounter-Parkplatz (Fährst du quer, siehst du mehr) auf sich zieht, gefällt mir. Seine Leistung bekommt der Cupra selbst mit Winterreifen ordentlich auf die Straße, beim Beschleunigen aus dem Stand oder auf feuchtem Untergrund dreht er aber dann doch gerne am Rad. Das ESP zeigt dabei mindestens genauso gerne wie der Motor, was in ihm steckt.


„Damit machst Du nur noch Quatsch“

Die engen Sitze erweisen sich gerade beim Kurvenräubern als Segen, sind aber aufgrund ihres Klammergriffs wirklich nichts für lange Strecken. Ich hätte außerdem den ganzen Sportsitz gerne vier bis fünf Zentimeter tiefer gestellt; die Sitzposition war mir etwas zu hoch, für kleinere Menschen sicherlich gut geeignet.

Dasselbe gilt für die zweite Sitzreihe im dreitürigen Ibiza. Lange Beine, hohe Köpfe, breite Schultern – all das hat auf der Rückbank keinen Platz. Allenfalls für kurze Strecken taugt das Raumangebot im Fond. Der kleinwagentypische Kofferraum fasst 292 Liter, aber das sind immerhin 88 Liter mehr (!) als beim Konzernverwandten Polo GTI, und ähnlich viel wie beim Ford Fiesta (281-295 Liter mit/ohne Reserverad).

Gleichstand unter den VW-Konzern-Brüdern herrscht beim Infotainment-System: Das aus dem VW Polo und Skoda Fabia/Rapid bekannte Modul funktioniert ohne größere Probleme und bietet mit USB, Bluetooth und Aux-In-Schnittstelle genügend Verbindungsmöglichkeiten. Vor lauter schwarzem Hartplastik am Armaturenbrett wirkt der große Touchscreen-Monitor ein bisschen überkandidelt – der typische Testwageneffekt: Man packt mal ein bisschen was Teures rein. Mit ein wenig Klavierlack und Chrom-Elementen schaffen es VW und Skoda besser, das leicht zu bedienende System hochwertig dastehen zu lassen.

Diese Schwäche verzeihe ich dem kleinen Spanier aber gerne. Schließlich rennt er auch auf der Autobahn vielen Mittelklasse-Kombis und Vertreter-Limousinen davon. 235 Stundenkilometer stehen im Fahrzeugschein, auf Tempo 100 geht es laut Werk in 6,7 Sekunden. Zum Vergleich : Ein 220 PS starker Golf GTI braucht 6,5 Sekunden. Bis Tempo 200 fühlt sich die Leistung auch noch sehr beherrschbar an – beinahe unheimlich für einen Wagen mit nur 2,47 Meter Radstand.

Über zügig erreichte 220 Sachen traue ich mich aber nicht hinaus. Jede Bodenwelle sagt bei dieser Geschwindigkeit dem harten Fahrwerk mit dem kurzen Radstand nur allzu deutlich Hallo und fordert ihre Korrektur am Lenkrad. Und das ist, wie gesagt, sehr empfindlich. Selbst die Geradeausfahrt wird bei diesem Tempo im Cupra zu einer kleinen Herausforderung.

Deshalb fahre ich lieber einen Schlenker über die Landstraße. Und selbst wenn sich dort ein Peugeot 208 GTi seriöser in die Kurven krallt, lässt mir der Cupra viel Spielraum für zügiges Fahren. Noch einmal den kleinen Dampfhammer kreisen lassen, ehe es zurück nach Hause geht. Und jedes Mal wenn ich über Schmerzen im Knie klagen will oder mir denke „eigentlich bist Du zu teuer, Cupra“, dann schalte ich runter, stelle den Kleinen scharf in die Kurve, halte mich am Lenkrad fest und grinse manisch.

Ich muss an meine bessere Hälfte denken, der der Wagen optisch sehr gut gefiel, weil er ohne Spoilergeweih und Prollsound auskommt. Sie hatte gleich gesagt: „Für den bist Du nicht erwachsen genug, damit machst Du doch nur Quatsch.“ Kann es ein größeres Kompliment für einen kleinen Sportler geben?

Technische Daten

BauartReihenvierzylinder-Turbobenziner
Hubraum1.798 cm³
Leistung141 kW (192 PS)
bei Drehzahl4.200 - 6.200 U/min
Max. Drehmoment320 Nm
bei Drehzahl1.450 - 4.200 U/min

Fahrleistungen

6-Gang-Handschaltung
Höchstgeschwindigkeit235 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h6,7 Sek.

Verbrauch & Emissionen

Innerorts in l/100 km7,8
Außerorts in l/100 km5,3
Kombiniert in l/100 km6,2
CO2-Emission in g/km145

Maße und Gewichte

Länge4.043mm
Breite1.693 mm
Höhe1.428 mm
Radstand2.469 mm
Leergewicht1.260 kg
Zuladung515 kg
Kofferraumvolumen292 – 1.076 Liter
Quelle:  Handelsblatt Online
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