Senden ohne Lizenz: Piratensender blühen auch im Internet-Zeitalter

Senden ohne Lizenz: Piratensender blühen auch im Internet-Zeitalter

, aktualisiert 02. Mai 2016, 13:19 Uhr
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Auch in Zeiten des Internets blühen Piratensender weiter - zumindest in den USA. (Foto: dpa)

Quelle:Handelsblatt Online

Von Tanzmusik bis zu kirchlichen Diensten: Piratensender sind auch heute in den USA noch überaus aktiv – trotz des Internets. So sehr, dass reguläre Rundfunkveranstalter und Gesetzgeber zunehmend besorgt sind.

IrvingtonIm Zeitalter von Podcasts und Streaming-Diensten sollten Piratensender eigentlich zu den geringsten Sorgen von Gesetzgebern und Rundfunkveranstaltern zählen. Das Gegenteil ist der Fall – zumindest in den USA. Hier ist man zunehmend beunruhigt über die Schwarzsender, die in einigen Städten Frequenzen mit allem Möglichen belegen – von Tanzmusik à la Trinidad bis zu haitianischen Quiz-Shows. Beklagt wird, dass die zuständige Kontrollbehörde unfähig sei, den Piraten das Handwerk zu legen.

Dank kostengünstiger Technologien können die nicht lizenzierten Sender Gebiete von mehreren Quadratkilometern abdecken. Die meisten richten sich an Immigranten-Gemeinden, die, so sagen die Piraten, von genehmigten Sendern vernachlässigt werden.

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Jay Blessed, die vor mehr als einem Jahrzehnt von Trinidad in den New Yorker Stadtteil Brooklyn zog und eine eigene Online-Radioshow präsentiert, hat den Programmen diverser Schwarzsender zugehört. „Die DJs klingen wie du und sie reden über Dinge, die dich interessieren“, sagt sie. „Du wählst dich ein und sagst, dass du einen bestimmten Song hören willst, und dann spielen sie ihn für dich. Es ist interaktiv. Es bezieht dich ein.“

Nie dagewesenes Wachstum

Im vergangenen Jahr haben fast drei Dutzend Kongressmitglieder aus dem Großraum New York die Federal Communications Commission (FCC) aufgerufen, mehr gegen das „noch nie da gewesene Wachstum der Operationen von Piratensendern“ zu tun, wie sie es formulierten. Die National Association of Black Owned Braodcasters, eine Vereinigung schwarzer Rundfunkveranstalter, schloss sich an. Sie argumentiert, dass die Piraten genehmigten Minderheitensendern das Wasser abgrüben und zugleich Verbraucherschutz-Gesetze etwa gegen falsche Werbung ignorierten.

Die New York State Broadcasters Association schätzt, dass allein im Gebiet von New York City 100 Piraten operieren, mit Sendungen in verschiedenen Sprachen von Hebräisch bis Spanisch. Viele strahlen auch in und um Miami und Boston aus. Die FCC denkt über verschiedene Lösungen nach, etwa Strafen für Anzeigenwerber in Piratenprogrammen.

Zu den als Schwarzradio-Betreiber Verdächtigten zählt Jean Yves Tullias, ein Friseur in Irvington nahe New York. Die FCC wirft ihm vor, eine ungenutzte Frequenz zum Ausstrahlen seiner Show besetzt zu haben, die unter anderem kirchliche Veranstaltungen, Gospelmusik und ein Call-in-Programm – Gewinnspiele, bei denen Anrufer durch das Lösen meist simpler Rätsel Geld gewinnen können – für haitianische Landsleute beinhaltet.

Tullias erklärt, dass er nichts Widerrechtliches getan habe. Ein Freund, so sagt er, habe seine Internet-Show im Radio ausgestrahlt, ohne ihn darüber zu informieren, dass er dazu eine Frequenz „geraubt“ habe.

Der 44-jährige Tullias startete nach eigenen Angaben sein Programm deshalb, weil die örtliche haitianische Gemeinschaft „keine Kommunikation, niemanden hatte, der ihnen half“. Vor allem für ältere Hörer, die wenig Englisch sprächen und sich isoliert fühlten, sei seine Sendung wichtig.


Mit weniger Budget gegen mehr Piraten

In den vergangenen Jahren ist die FCC immer weniger gegen Piraten vorgegangen. Das macht reguläre Rundfunkveranstalter besorgt. Die Behörde sprach im vergangenen Jahr in mehr als 100 Fällen Verwarnungen aus oder verhängte Geldbußen. 2010 etwa waren es über 400. Ein drastischer Rückgang trotz einer „deutlichen Zunahme“ der Zahl der Piratensender, wie David Donovan von der Vereinigung der Rundfunkveranstalter im Bundesstaat New York sagt.

FCC-Chef Tom Wheeler verweist auf ein geschrumpftes Budget seiner Behörde und den kleinsten Mitarbeiterstab seit 30 Jahren. Ohnehin, so fügt er hinzu, reichten Bußen oder die Beschlagnahme von Ausrüstung nicht aus, weil sich Piraten oft weigerten zu zahlen und rasch konfiszierte Transmitter und Antennen durch neue ersetzten. Das ist kostengünstig: Für umgerechnet rund 660 Euro könnten sie Ausrüstung für Sendungen in einem Radius bis zu gut drei Kilometern kaufen, sagen Experten.

Als ein Mittel gegen die Piraten hat die FCC versucht, mehr unterrepräsentierte Gruppen dazu zu bewegen, lizenzierte Low-Power-FM-Radiosender auf Gemeindeebene zu schaffen. Aber das hat seine Grenzen. Mit Hilfe eines speziellen FCC-Programmes sind zwar seit dem Jahr 2000 etwa 1500 solcher Stationen mit einer Reichweite von rund 5,5 Kilometern entstanden, aber in städtischen Gebieten mit dichten Radiomärkten gibt es weniger Gelegenheiten. Und wer schon einmal als Pirat entlarvt worden ist, darf sich nicht beteiligen.

Dazu gehört Charles Clemons Muhammad, der 2006 in Boston ohne Genehmigung einen Sender für schwarze Hörer gestartet hatte. Die FCC verdonnerte ihn 2014 zu einer Geldbuße von umgerechnet rund 15.000 Euro, das Unternehmen musste schließen. Er strahlt jetzt weiter im Internet aus, aber hat Mühe, seine früheren Hörer zurückzugewinnen.

Aus Sicht von John Nathan Anderson, Direktor für Medienstudien am Brooklyn College, bleiben Piratensender ein „letzter Ausweg, wenn du keine andere Möglichkeit hast, mit einer Gemeinschaft auf breiter Ebene zu kommunizieren“. Viele Leute hielten Radio für tot, sagt er. „Aber was wir in vielerlei Hinsicht sehen, ist eine Renaissance des Radios, jetzt, da es in seine nächsten 100 Jahre geht.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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