Sierens Welt: Auf den Spuren von Einsteins „spukhafter Fernwirkung“

Sierens Welt: Auf den Spuren von Einsteins „spukhafter Fernwirkung“

, aktualisiert 18. August 2016, 20:55 Uhr
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China ist innerhalb weniger Jahre zu einem führenden Player in der Quantenphysik geworden.

von Frank SierenQuelle:Handelsblatt Online

China hat erstmals einen Quantensatelliten ins All geschickt. An der Mission ist ein Wiener Physiker beteiligt. Auf Augenhöhe revolutionieren Chinesen und Österreicher gemeinsam die Quantenphysik.

PekingWenn der Ziehsohn zum Rivalen wird, ist es meist ungemütlich. Doch dann kommt die große Prüfung: Der eine kann nicht ohne den anderen. Das ist Stoff für ein großes Drama, vor allem wenn es dabei sogar um den Wettbewerb zweier großer Reiche geht.
Und wenn beide auch noch daran arbeiten, im Weltall Photonen mit Geheiminformationen zu beamen, dann klingt das nach einem ausgewachsenen Science-Fiction Film mit Harrison Ford und Matt Damon.

In Wirklichkeit heißen die Hauptdarsteller Anton Zeilinger und Pan Jianwei. Die Handlung spielt in Lustbühel bei Graz und in Jiuquan am Rande der Wüste Gobi. Dabei geht es um High-Tech: Die Quanten-Technologie soll eine vollständig abhörsichere Kommunikation und Datenübertragung über Satelliten ermöglichen.

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Dabei wird ein Phänomen genutzt, das in den 1930er-Jahren vom österreichischen Physiker Erwin Schrödinger entdeckt worden war. Albert Einstein hatte es skeptisch als „spukhafte Fernwirkung“ bezeichnet: Zwei Teilchen können unabhängig von ihrer Entfernung einen gemeinsamen Zustand annehmen und damit Informationen massenlos und in Lichtgeschwindigkeit übertragen. Jeder, der versucht sie zu messen, verändert ihren Zustand, womit die Messungen unbrauchbar werden.

Um zu beweisen, dass dies auch über lange Distanzen geht, hat China am vergangenen Dienstag eine Rakete mit einem Satelliten in den Weltraum geschickt. Der Name der Mission: XD-2: Quantum Experiments at Space Scale (QUESS).

Während seiner zweijährigen Mission soll der Satellit Verfahren der Quantenkommunikation testen. An dem Projekt ist Anton Zeilinger beteiligt.

Aber der Reihe nach: Mitte der 90er-Jahre promoviert Pan Jianwei, ein junger chinesischer Physiker, in Wien bei dem Quantenphysiker Anton Zeilinger. Zwischen dem Schüler und seinem Lehrer entbrennt danach ein Wettstreit darüber zu beweisen, dass es verschränkte Teilchenpaare gibt, deren Wechselbeziehung auch über große Distanzen stärker ist als es klassische physikalische Gesetze eigentlich erlauben.

Fast gleichzeitig schaffen es die beiden Teams, verschränkte Teilchen zwischen zwei Punkten auf der Erdoberfläche auszutauschen. Pan ist der Erste, dem es gelingt. Seine Forschungen wurden im vergangenen Jahr vom britischen Magazin „Physics World“ ausgezeichnet – als „Durchbruch des Jahres“ .
Fast zeitgleich gelang es dem Zeilinger Team, den Rekord auf 144 Kilometer Luftlinie zu erhöhen. Beide Teams wurden jeweils mit einem Artikel in dem renommierten Wissenschaftsmagazin „Nature“ gewürdigt. Denn jedes Experiment hat eigene komplementäre Vorteile.
Die Leistungen von Pan sind jedoch überraschender: In nur einem Jahrzehnt machte er China in einem zentralen Bereich der Quantenphysik zu einer weltweit führenden Nation.

Von nun an ist vor allem für die Österreicher eine Zusammenarbeit sinnvoll, wenn es darum geht, die Erfolge im Weltraum auszuprobieren. Sie haben nämlich nicht genug Geld, außerdem sind die Entscheidungswege bei der Europäischen Weltraumagentur ESA zu langsam. In China hingegen ist es viel einfacher, kurzfristig Milliarden für die Forschung in diesem Bereich zu bekommen. Gemeinsam haben China und Österreich nun einen Satelliten in den Orbit geschossen. Glücklicherweise sind die Erkenntnisse der Europäer für die Chinesen noch so wertvoll, dass sie gemeinsame Sache machen. Aber wie lange noch?

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Quelle:  Handelsblatt Online
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