Sierens Welt: China First

Sierens Welt: China First

, aktualisiert 09. Februar 2017, 17:31 Uhr
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Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

von Frank SierenQuelle:Handelsblatt Online

Die chinesische Regierung in Peking ist jetzt froh, dass die USA als Absatzmarkt für China längst nicht mehr so wichtig sind wie früher. Und das wird sich auch nicht mehr ändern.

Was wäre, wenn die Trump-Zölle für chinesische Produkte kämen. Wenn der neue amerikanische Präsident sie einfach nur aus Trotz verhängt. Was stünde auf dem Spiel für China? Ein dramatischer Einbruch des Wachstums? Soziale Unruhen? Die erstaunliche Antwort lautet: Nein.

China hat sich inzwischen von der Fabrik der Welt zur Fabrik für China entwickelt. Rund 90 Prozent der in China produzierten Güter kaufen die Chinesen selbst. Rund zehn Prozent werden exportiert und nur 18 Prozent davon in die USA. Würden all diese Exporte mit Trump-Zöllen von 30 Prozent belegt und komplett von Peking übernommen, ginge es im aller schlimmsten Fall, der nie eintreten wird, nur um gut 0,2 Prozent des chinesischen Wachstums. Die kann man ja locker irgendwo im Hinterland dazu erfinden, ohne dass es groß auffällt.

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Es geht also China vor allem um den politischen Gesichtsverlust. Allein deswegen würde sich Peking das nicht bieten lassen.

Schon der ehemalige US-Präsident Barack Obama wurde von Peking überrascht. Auf US-Zölle für chinesische Gummireifen folgten chinesische Zölle für amerikanische Hühnerfüße. Das war besonders gemein, weil außer den Chinesen niemand gerne an Hühnerfüßen knabbert. Der Schaden inzwischen: Über eine Milliarde US-Dollar.

Macht Trump ernst, kann es noch dicker kommen: Während China Autos und Flugzeuge auch in Europa kaufen kann, Hühnerfüße und Sojabohnen in Brasilien und Argentinien, können die Amerikaner Computer, Smartphones oder Fernseher kaum außerhalb Chinas importieren. Sie werden es auch nicht schaffen, die mal eben lokal herzustellen. Dann hilft keine große Klappe mehr.

Zumal Peking sich noch andere kleine Gemeinheiten ausdenken könnte: Wenn Chinas Konsum weiter zweistellig wächst, muss Peking womöglich – ganz ohne böse Absicht – Wartezeiten für Exportwaren einführen, weil sie mit der Produktion der Waren für den eigenen Bedarf nicht mehr nachkommen. Klar ist jedenfalls: Selbst wenn Trump ein frommes Lamm wird, kann es Peking sich nicht mehr leisten, auch nur einen chinesischen Konsumenten warten lassen, um einen Amerikaner zu versorgen.

Die Chinesen können sich noch gut daran erinnern, dass Apple sie bis 2014 als Kunden zweiter Klasse behandelt hat. Bei der Einführung des iPhones 4, 5 und 6 mussten sie bis zu drei Monate warten.

Nun, da die iPhone-Marktanteile fallen, ist es vorstellbar, dass die Kunden in New York und San Francisco warten müssen, weil Peking festlegt, dass mit den „Made in China“- Smartphones zuerst die Chinesen versorgt werden. Das widerspricht keiner Regel der Welthandelsorganisation, wird Staats- und Parteichef Xi Jinping dann verlauten lassen, und es dient der sozialen Stabilität. China First. Dafür haben Sie doch sicher Verständnis, Mr. President.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Quelle:  Handelsblatt Online
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