Sierens Welt: Dicke Luft im Reich der Mitte

Sierens Welt: Dicke Luft im Reich der Mitte

, aktualisiert 05. Januar 2017, 20:00 Uhr
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Wie hier in Qingzh sieht es an vielen Orten in China aus, wenn sich die Luftverschmutzung als dichter Smog über die Straßen und Häuser legt.

von Frank SierenQuelle:Handelsblatt Online

Der Smog raubt den Chinesen weiter den Atem. Die Politik bekommt die Luftverschmutzung nur langsam in den Griff, die Menschen verlieren die Geduld. Jetzt steht der Ruf der Regierung auf dem Spiel.

PekingDurchschnittswerte nützen wenig. Und auch der Hinweis nicht, dass sich die Lage insgesamt nicht verschlimmert hat. In China bleiben von diesem Winter wohl keine schönen Tage mit kristallblauem Himmel und 100 Kilometer Sicht bei klirrender Kälte in Erinnerung. Was bleibt, sind die beklemmenden Bilder von Smoglagen mit Werten von 400 bis 500 Mikrogramm Feinstaubbelastung in Peking, während laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon Werte ab 25 Mikrogramm als schädlich gelten.

Es sind die Tage der Alarmstufen Orange oder Rot, an denen Fabriken schließen, die Hälfte der Autos stehen bleiben muss und sich die wabernde Suppe, die einen schlechten Nachgeschmack hinterlässt, dennoch nicht verzieht. So war es in dieser Woche. Zum Teil betrug die Sichtweite nur 200 Meter. Autobahnen mussten wegen schlechter Sicht geschlossen werden. Der Flugverkehr ist beeinträchtigt.

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Die einfachen Stoffmasken reichen nicht mehr aus. Gummimasken mit Doppelfiltern, wie sie in deutschen Lackierbetrieben getragen werden müssen, sieht man inzwischen immer häufiger im Pekinger Stadtbild. Und dabei ist Peking nicht einmal der schlimmste Ort. In Shijiazhuang, der Hauptstadt der Provinz Hebei nördlich von Peking, hat die Luftverschmutzung die WHO-Grenzwerte um das Hundertfache überschritten.

Das meldet inzwischen sogar die chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. Die Lage ist also trotz genereller Medienzensur bei diesem Thema inzwischen transparent. Der Smog wird auch ziemlich akkurat im Voraus angekündigt. Das macht die Atemnot allerdings nicht erträglicher.

Immer neue Maßnahmen schiebt die Regierung nach. Ende Dezember wurden schärfere Emissionsauflagen für Fahrzeuge angekündigt. Allerdings entsprechen die erst 2020 den Standards in Europa und den USA. Nachhaltiger Umweltschutz braucht eben Zeit. Doch die Zeit läuft der Regierung weg.

Die Autos sind nicht einmal die größten Verschmutzer. Es sind die Kohlekraftwerke und Fabriken, die noch keine Filter haben oder sie nur benutzten, wenn die staatlichen Kontrolleure kommen, was zu selten passiert.
Darum verdichtet sich bei vielen Chinesen in diesen Wochen vor allem ein Eindruck: Die politischen Maßnahmen greifen zu langsam. Die Menschen verlieren die Geduld mit der Politik; die gleichen Menschen allerdings, die weiterhin hemmungslos konsumieren wollen.

Selbst Greenpeace sagt zwar, es wird nicht schlimmer, aber es wird eben auch nicht mehr besser. Zwischen Januar 2015 und März 2016 ist die Feinstaubkonzentration um zehn Prozent gesunken – aber vor allem in der Region rund um Peking sei dieser positive Trend schon wieder zum Erliegen gekommen, sagen die Umweltschützer. Der Ruf der Regierung steht nun auf dem Spiel. Der Ruf, dass sie schafft, was sie sich so fest vorgenommen hat.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Quelle:  Handelsblatt Online
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