Sierens Welt: Die Zeche teilen

Sierens Welt: Die Zeche teilen

, aktualisiert 07. Januar 2016, 15:38 Uhr
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Der Autor ist China-Korrespondent.

von Frank SierenQuelle:Handelsblatt Online

Nach den Börseneinbrüchen dieser Woche wertet Peking den Yuan ab. Nun soll er wie der Euro günstiger für Exporte werden. Das kann man Peking nicht verübeln, meint Frank Sieren.

PekingDass Peking den Yuan noch einmal abwertet, war klar. Dass es angesichts der Börseneinbrüche diese Woche so schnell gehen würde, kam überraschend. Allerdings ist es noch zu früh von einem Währungskrieg zu sprechen. Klar ist jedenfalls: China hat die globale Währungsschieflage nicht erzeugt, sondern reagiert darauf. Der US-Dollar wird schon seit Jahren künstlich stark gehalten. Der Euro und der japanische Yen hingegen künstlich niedrig. So kurbeln die Exportländer unter den Industrienationen ihre Verkäufe an.

China, der Exportweltmeister hat bisher nicht mitgezogen: Peking war es wichtiger, Rohstoffe und Maschinen für ihr Wachstum international günstig einkaufen zu können. Der Yuan, noch immer weitgehend an den US-Dollar gekoppelt, durfte deshalb im Vergleich zum Euro auf einen Höchststand von mehr als zwanzig Prozent im vergangenen Sommer steigen. Die Pekinger Währungsstrategen gingen bis dahin selbstbewusst davon aus, dass die meisten der „Made in China“-Produkte sich dennoch verkaufen.

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Dabei haben sie unterschätzt, wie schlecht es den meisten BRICS-Ländern inzwischen wirtschaftlich geht. Sie haben kein Geld mehr einzukaufen – selbst in China nicht. Die Märkte im Westen sind gesättigt. Vor allem deshalb ist die China-Produktion in den vergangenen Monaten gesunken und die chinesischen Aktionäre haben wieder einmal die Nerven verloren. Die Lage ist zwar nicht so dramatisch, wie Chinas Zocker befürchten, weil der chinesische Konsum gleichzeitig steigt und China 2015 dennoch einen Handelsbilanzüberschuss von umgerechnet 548 Milliarden Euro erwirtschaftet hat. Aber schon so ernst, dass Peking abwertet. Zum zweiten Mal seit August vergangenen Jahres. Nur naive, deutsche Mittelständler gingen davon aus, dass ihre Exportprodukte in China auf Dauer so billig bleiben. Den anderen ist klar: Was man sich selbst erlaubt, sollte man auch anderen zugestehen.

Die beiden Abwertungsschübe von jeweils 2,5 bis drei Prozent sind eine moderate Reaktion. Der Yuan steht nun zwar auf dem niedrigsten Stand seit fünf Jahren. Richtig ist jedoch auch der Umkehrschluss: Er ist immer noch rund 15 Prozent zu teuer.

Es wäre also nicht unverschämt, wenn Peking in diesem Jahr noch einmal gut fünf Prozent Luft rauslässt. Dann hätte der Yuan sich die Zeche mit dem Euro gewissermaßen geteilt: Die künstlich billigen Euro-Produkte wären insgesamt zehn Prozent teurer. Die künstlich teuren China-Produkte zehn Prozent billiger. Viel mehr wird nicht passieren. Vielleicht nicht einmal das. Denn Peking hat die Sorge, mit einer zu schnellen, zu tiefen Abwertung eine globale Abwärtsbewegung der Währungen auszulösen, bei der es keine Gewinner geben kann. Schon vor knapp zwanzig Jahren während der Asienkrise hat sich Peking entschlossen, hart dagegenzuhalten. Das war damals teuer aber sinnvoll und ist es heute erst recht.

Mancher Pekinger Politiker mag hoffen, dass die Abwertung auch die turbulenten, heimischen Börsen beruhigt. Ein frommer Wunsch. Denn Chinas Zocker reagieren weitgehend irrational und neigen zu Übertreibungen nach unten – wie wir diese Woche, aber auch nach oben, wie wir in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres beobachten konnten. Zum Glück für uns ist diese Hysterie den chinesischen Zentralbankern fremd.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Quelle:  Handelsblatt Online
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