Sierens Welt: Wir Schnarchnasen

Sierens Welt: Wir Schnarchnasen

, aktualisiert 29. Dezember 2016, 12:16 Uhr
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Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

von Frank SierenQuelle:Handelsblatt Online

Die Deutschen haben den Transrapid totdiskutiert. Beim Aufbau von Chinas Magnetschwebebahnnetz spielt „Made in Germany“ deshalb keine Rolle. Wir haben eine Technologie beerdigt, die ihre besten Zeiten noch vor sich hat.

PekingBei Siemens und ThyssenKrupp war der Transrapid stets das ungeliebte Kind. Bei Siemens, weil der ICE mehr Gewinn versprach. Bei Thyssen, weil die Magnetschwebahn nicht recht zu Stahlwerken und U-Booten passte. Und bei beiden, weil den Managern die endlosen politischen Debatten auf den Senkel gingen.

Gebaut wurde die Teststrecke in Schanghai vor allem, weil der damalige Premierminister Zhu Rongji das unbedingt wollte. Inzwischen ist die Debatte in Deutschland unversöhnt versiegt: Männerfantasie oder Hightechprodukt? Umweltschonender Ersatz fürs Flugzeug oder teurer Landschaftsverschandler?

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Die Chinesen hingegen machen nun doch weiter. Bis 2020 soll neben den konventionellen Hochgeschwindigkeitszügen eine eigene Magnetschwebebahn für die Strecke Schanghai-Peking entwickelt sein, schon heute die profitabelste Strecke der Welt.

Gleichzeitig wird die Technik im kommenden Jahr als S-Bahn in Peking eingesetzt. Premier Zhu gilt nun als weitsichtig, während die Deutschen als diejenigen in die Geschichte eingehen werden, die die Magnetbahn erst totdiskutiert und dann eine Technologie beerdigt haben, die ihre besten Zeiten noch vor sich hat. Eine deutsche Erfindung übrigens: 1934 ließ der Ingenieur Hermann Kemper die Technik patentieren. Bereits vor 30 Jahren fuhr der Zug über 400 Stundenkilometer.

Der chinesische Schwebezug soll nunmehr 600 schaffen (was die Japaner schon können) und damit die Reise Peking-Schanghai auf zweieinhalb Stunden halbieren. Gleich mehrere Firmen arbeiten daran. Neben der China Railway Rolling Stock Corporation (CRRC) springt auch BYD, der erfolgreichste E-Car Hersteller auf diesen Zug. Die Schwebebahn soll dem Unternehmen zusätzlich Erträge von knapp 15 Milliarden Euro bringen. Seit Oktober bereits fährt eine Testbahn. In spätestens drei Jahren muss sich die Technologie im Alltag bewähren und exporttauglich sein.

In Deutschland hat das alles länger gedauert: 1969 die ersten Forschungsgelder, 10 Jahre später die ersten Prototypen. 12 Jahre später die Anwendungsreife. Wieder 13 Jahre später fuhr der erste Transrapid in China, 2008 dann schließlich nach weiteren sechs Jahren die Auflösung von Transrapid International.

In den knapp vierzig Jahren haben wir viel hinbekommen: ein Magnetschwebebahnbedarfsgesetz (MsbG) eine Magnetschwebebahn-Lärmschutzverordnung (MbLschVO) und eine Magnetschwebebahn-Bau und Betriebsordnung (MbBO). Nur keine Transrapidstrecke.

Nein, wir sind keine Schnarchnasen. Wir sind halt gründlich und konsequent. Auch, wenn‘s ums Aufhören geht. Das schätzen unsere chinesischen Wettbewerber an uns, danken uns für die Vorarbeit und wünschen uns ein innovatives Jahr 2107.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Quelle:  Handelsblatt Online
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